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Bundesweit fünf Paketzentren betroffen

Bei Amazon wird gestreikt – nur in Pforzheim nicht

Streik? Keine Chance. Während in Leipzig und Bad Hersfeld die Amazon-Beschäftigten die Arbeit niederlegen, ist das in Pforzheim nicht der Fall. Woran liegt das?

Wo die Verdi-Fahnen wehen: In Leipzig wird das Amazon-Lager bestreikt. Für einen Arbeitskampf am Standort Pforzheim fehlt der Gewerkschaft die Kraft. Foto: Peter Endig picture alliance/dpa

Pforzheim scheint für Verdi kein gutes Pflaster zu sein. Alle Jahre wieder versucht die Gewerkschaft Verdi das Weihnachtsgeschäft zu nutzen, um beim Großversandhaus Amazon einen Tarifabschluss durchzusetzen.

Amazon verweigert schon immer, den Tariflohn für den Einzelhandel zu bezahlen und lehnt alle Gespräche mit Gewerkschaften ab. Seit Sonntag werden Standorte des Online-Riesen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen bestreikt.

In Pforzheim aber gehen die Picker und Packer in den Gängen des Amazon-Hochregallagers weiter ihrer Arbeit nach.

„Wir sind in Pforzheim leider nicht stark genug“, räumt Bernhard Franke ein. Franke ist Gewerkschaftssekretär und landesweit für die Beschäftigten im Handel zuständig.

Wir sind in Pforzheim nicht streikfähig
Bernhard Franke, Gewerkschaftssekretär Verdi

Vor drei oder vier Jahren habe man sich im Pforzheimer Norden mal mit einem Warnstreik versucht. „Das Ergebnis war mittelprächtig. Und wir sind seither nicht stärker geworden. Wir sind in Pforzheim einfach nicht streikfähig.“

Seit Amazon Zentrallager in Deutschland unterhält, kämpfen Gewerkschafter darum, mit dem Konzern einen Tarifvertrag abzuschließen. Doch das Unternehmen des reichsten Mannes der Welt weigert sich. „Die sprechen noch nicht einmal mit uns.“ Dennoch, so Franke, habe man schon einiges erreicht.

Interne Kritik an der Gewerkschaft

„Die Löhne sind deutlich höher, als das Amazon je angeboten hat.“ Die permanenten kleinen Stiche, die die Gewerkschaft dem Konzern insbesondere in den Hochzeiten des Handels an Weihnachten und Ostern versetzt, hätten durchaus Wirkung. „Das sind indirekte Erfolge, auch wenn wir von einem Durchbruch noch sehr weit entfernt sind.“

Innerhalb der Gewerkschaft kritisiert man unter der Hand, dass die Stelle eines Amazon-Beauftragten schon vor einigen Jahren nicht mehr besetzt wurde. Zu Anfang hatte sich ein Gewerkschaftssekretär in Pforzheim exklusiv um die Amazon-Beschäftigten gekümmert.

Schwieriger Umgang mit dem Betriebsrat

Doch die Stelle wurde nach den Anfangsjahren wieder gestrichen. „Das war nur eine Projektstelle, auf drei Jahre befristet“, erklärt Franke. Eine Erklärung für die Pforzheimer Schwäche sei das nicht, an anderen Standorten habe man das ähnlich gehandhabt.

Schwierig ist schon von Anfang an das Verhältnis zwischen dem Pforzheimer Amazon-Betriebsrat und der Gewerkschaft. Verdi erreicht bei Betriebsratswahlen zwar meist die meisten Stimmen, ist von einer Mehrheit im Gremium aber weiterhin entfernt.

Gewählten Betriebsräten wurde gekündigt
Bernhard Franke, Verdi-Sprecher für den Handel

Außerdem, so ist aus Gewerkschaftskreisen zu hören, sei es dem Unternehmen immer wieder gelungen, unliebsame Betriebsratsmitglieder los zu werden. „Man hat immer wieder mehr oder weniger begründete Vorwände genutzt, um gewählten Betriebsräten zu kündigen“, sagt ein Insider.

Eigentlich sind Mitglieder des Betriebsrates nur schwer zu entlassen. „Aber viele haben eben nicht die Nerven für einen langen Arbeitsgerichtsprozess. Das ist jetzt drei Mal in vier Jahren so passiert.“

Der allergrößte Teil unserer Belegschaft arbeitet normal
Michael Schneider, Sprecher Amazon

Das Unternehmen selbst gibt sich gelassen. „Sehen Sie, die Gewerkschaft hat gerade mal in fünf von unseren 15 Logistikzentren überhaupt zum Streik aufgerufen. Und selbst dort arbeitet der allergrößte Teil der Belegschaft ganz normal“, sagt Amazon-Sprecher Michael Schneider.

Nach seinen Angaben seien keinerlei Auswirkungen der Streiks auf das Weihnachtsgeschäft zu spüren. „Leipzig zum Beispiel wird bestreikt, und dennoch gehen dort die Pakete ganz normal raus.“ Von den 16.000 Beschäftigten sei die Hälfte schon seit über fünf Jahren dabei. „Das zeigt, wie zufrieden unsere Mitarbeiter sind.“

Gewerkschaft will europäische Kooperation

Nach Angaben von Verdi versucht Amazon die Folgen des Streiks durch die Verlagerung der Arbeit auf andere Standorte zu minimieren. „Wenn wir streiken, werden Aufträge in den Standorten in Polen und Frankreich abgewickelt“, sagt Gewerkschaftsfunktionär Franke.

Um langfristig gegen diese Taktik anzukommen, sei man dabei, ein europäisches Netzwerk der Amazon-Gewerkschaftler aufzubauen. „Das ist ein mühsames Geschäft. Aber wir sind dran.“

Kampf mit dem reichsten Mann der Welt

Eben weil man es mit einem sehr großen Unternehmen und dabei noch dem reichsten Menschen der Welt zu tun habe, so Franke, brauche man in diesem Kampf einen sehr langen Atem. „Dass das Unternehmen eine enorme Marktmacht und sein Besitzer einen großen Einfluss hat, macht es nicht leichter“, so Franke.

Obwohl sich das Unternehmen stets als Logistiker bezeichne und deshalb auch den Tarifvertrag für Handelsunternehmen verweigere, sei Amazon jetzt Mitglied des Deutschen Einzelhandelsverbandes geworden.

„Jetzt hat die CDU vorgeschlagen, den lokalen Einzelhandel durch einen Aufschlag bei den Onlinern zu unterstützen. Und dass der Verband der Einzelhändler ausgerechnet diesen Vorschlag ablehnt, zeigt den Einfluss, den Amazon inzwischen auch dort hat“, erklärt Franke.

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