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Pilotprojekt wird ausgeweitet

Cyberwehr Karlsruhe hilft künftig Unternehmen in ganz Baden-Württemberg gegen Hacker

Fast die Hälfte aller Unternehmen wurden in den vergangenen Monaten Opfer von Angriffen im Internet - davon geht eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums aus. Seit zwei Jahren hilft die Cyberwehr Karlsruhe Betroffenen. Nun wird das Pilotprojekt ausgeweitet.

Ein großes Netz von Helfern: Nach zwei Jahren Pilotbetrieb in der Region bietet die Karlsruher Cyberwehr ihren Service nun landesweit an, um auch woanders Unternehmen im Kampf gegen digitale Kriminalität zu helfen. Foto: Cyberwehr Karlsruhe

Eine E-Mail von einem Geschäftspartner, den man gut kennt, kann manchmal eine böse Falle sein. Die Absenderadresse ist korrekt, der Inhalt macht Sinn, der Bezug stimmt, aber die Kontodaten stimmen nicht. Und so wird vielleicht viel Geld an Kriminelle überwiesen, die zuvor geschickt die Nachricht manipuliert hatten.

Solchen geschädigten Firmen kann unter Umständen die Cyberwehr Baden-Württemberg helfen, die sich gerne als die „Gelben Engel der Datenautobahn“ bezeichnet.

Ein achtköpfiges Kernteam am Karlsruher FZI Forschungszentrum Informatik und im CyberForum kümmert sich über die Hotline 0800-292379347 um digitale Notfälle vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen.

Die Experten der Cyberwehr leisten am Telefon kostenlos „erste Hilfe“ und schalten zur „Vorfalldiagnose“ weitere IT-Fachleute dazu, die Sofortmaßnahmen empfehlen können.

Wird der Angriff früh erkannt, kann man den Schaden noch vermeiden.
Dirk Achenbach, Leiter Cyberwehr Baden-Württemberg

Stellt sich heraus, dass weitere Maßnahmen oder ein Einsatz vor Ort erforderlich sind, werden Experten zu vorab festgelegten Preisen vermittelt. „Das ist ein echter Mehrwert für Unternehmen“, sagt Dirk Achenbach, Leiter Cyberwehr und des Kompetenzzentrums IT.

In der Corona-Pandemie hat die Zahl der Cyberverbrechen zugenommen. Kriminelle und organisierte Banden hätten ihre Methoden angepasst und profitierten von der Krise, warnte vor einigen Monaten die europäische Polizeibehörde Europol. Deren Ermittler stellten mehr Fälle von Betrug und Diebstahl im Netz fest. Das bestätigt auch das Bundeskriminalamt. Eine der neueren Maschen: Die Täter verstecken in angeblichen Corona-Mails von staatlichen Stellen Schadsoftware und verschaffen sich so Zugang zu fremden Computern.

Fast jedes zweit Unternehmen in Deutschland von Cyberangriffen betroffen

Es gibt noch keine Cybercrime-Statistiken für das Corona-Jahr 2020. Doch das Bundeswirtschaftsministerium gab kürzlich in einer repräsentativen Studie bekannt, dass fast die Hälfte aller Unternehmen (46 Prozent) in den vergangenen Monaten mit Cyberangriffen konfrontiert wurden.

In drei von vier Fällen führten die Angriffe zu schädlichen Auswirkungen, in vier Prozent der Fälle sogar zu schweren Belastungen in den Betrieben. 2019 war bereits die Fallzahl von Computerbetrug, Hacker-Attacken auf Datennetze und Datendiebstahl auf einen Rekordwert gestiegen. Die Polizei zählte 100.514 Taten - rund 15 Prozent mehr als im Jahr davor.

Auch die Karlsruher Cyberwehr warnt vor den Auswirkungen der Pandemie auf Unternehmen, die zum Beispiel die Arbeit ins Homeoffice verlagern. „Viele Menschen arbeiten in ungewohnter Umgebung und sind weniger achtsam als sonst. Die Bedrohungslage hat sich dadurch erhöht“, sagt im Gespräch mit den BNN Dirk Achenbach.

„Bei den meisten Angriffen geht es um Erpressungsversuche. Auf den Rechner wird eine Schadsoftware eingeschleust, die Daten verschlüsselt. Die Opfer müssen dann Lösegeld zahlen, um an ihre Daten wieder zu kommen. Es werden zurzeit auch viele Betrugsmails verschickt.“

Das ist ein echter Mehrwert für Unternehmen.
Dirk Achenbach, Leiter Cyberwehr Baden-Württemberg

Manchmal, erklärt der IT-Spezialist, würde es der Cyberwehr noch gelingen, die Verschlüsselung aufzuheben. „Wird der Angriff früh erkannt, kann man den Schaden noch vermeiden. In anderen Fällen stehen wir aber vor vollendeten Tatsachen.“

In jedem Fall sei jedoch ein Expertenrat nützlich, sagt der Chef der Cyberwehr. Denn es gehe auch um die Frage, wie sich das Unternehmen im Netz richtig verhalten und ähnliche Attacken in Zukunft verhindern könnten. „Wir helfen auch gerne, wenn jemand Zweifel hat, ob er eine Mail öffnen soll oder nicht. In einem solchen Fall fragt man besten einen Profi“.

Karlsruher Projekt weitet seinen Service auf das gesamte Land aus

Die Cyberwehr BW ist ein mit 1,8 Millionen Euro vom Land gefördertes Pilotprojekt. Seit ihrem Start 2018 haben die Experten aus Karlsruhe ungefähr 140 Anrufe über die Hotline entgegengenommen. Etwa jeder fünfte Anrufer hatte bereits einen schweren Schaden erlitten. In jedem zweiten Fall sahen die Experten die Gefahr eines schweren Folgeschadens, wenn keine Hilfe erfolgt wäre.

„Bislang war das Projekt nur auf die Region Karlsruhe, Baden-Baden und Rastatt begrenzt, um das Konzept zu testen“, erzählt Achenbach. „Jetzt beginnt die zweite Phase, in der unsere Hotline für Unternehmen aus dem ganzen Land erreichbar ist.“

Dazu will die Cyberwehr noch ihr Netzwerk aus derzeit 19 IT-Partnern stark erweitern. „Wir möchten in jeder Gemeinde einen oder zwei haben und in größeren Städten noch mehr“, so Achenbach. Er sieht kein Problem darin, demnächst wöchentlich 50 oder noch mehr Fälle zu bearbeiten, wenn der Bedarf da ist.

Die Verfolgung von Angreifern im Netz ist sehr schwierig

Die „Gelben Engel“ können nach eigenen Angaben vieles, eines jedoch nicht: Die Angreifer im Netz verfolgen. „Es ist oft unglaublich schwer zu ermitteln, wo die Cyberattacken genau herkommen, weil die Täter sich tarnen. In jeden Fall sind solche Ermittlungen aber die Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden“, sagt Achenbach. Nach seinen Angaben haben seit dem Start des Projekts die Unternehmen in der Region in sieben Fällen die Polizei eingeschaltet, nachdem sie die Hotline der Cyberwehr angerufen hatten.

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