Auswertung nach Landkreis

Diese Unternehmen sichern Deutschlands Wohlstand – und kaum einer kennt sie

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Die Stärke der deutschen Wirtschaft beruht maßgeblich auf dem Erfolg weitgehend unbekannter Unternehmen. Jetzt zeigen Daten, wo genau in Baden und Württemberg sich diese verteilt haben. Zwei Regionen sind besonders stark.

Heute schon Nudeln gekocht oder Wäsche gewaschen? Dann hat Ihnen dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit Technik aus dem Kraichgau geholfen. Denn auf Ihrem Herd, der Spül- oder Waschmaschine mag zwar Siemens, Bosch oder Whirlpool draufstehen. Aber die Heizkörper unter der Glaskeramik, die Topferkennung auf dem Induktionsfeld oder die elektronischen Schaltungen in der Waschmaschine lassen die meisten Branchengrößen nicht selbst, sondern von der Firma E.G.O. aus Oberderdingen bauen. Kennen tut sie außerhalb der Branche trotzdem kaum jemand – ein „hidden“ Champion eben.

Stecken in fast jedem Herd: Strahlungsheizkörper von E.G.O. aus Oberderdingen.
Stecken in fast jedem Herd: Strahlungsheizkörper von E.G.O. aus Oberderdingen. | Foto: E.G.O.

Baden-Württemberg liegt vor Japan

Der Unternehmensberater und ehemalige Wirtschaftsprofessor Hermann Simon hat über mehrere Jahre Daten zu ähnlichen, kaum bekannten Weltmarktführer gesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis: Mit fast 28 Hidden Champions pro eine Million Einwohner liegt Baden-Württemberg bundesweit auf Platz eins. Dahinter folgen Hamburg mit 25, Nordrhein-Westfalen mit 19 und Bayern mit 18 Unternehmen. Mit insgesamt 302 heimlichen Weltmarktführern hängt der Südwesten sogar Japan (220) und Italien (76) ab. „In anderen Ländern ist dieser exportstarke Unternehmenstypus, der zwischen Mittelstand und Konzern einzuordnen ist, weniger verbreitet“, sagt Klaus-Heiner Röhl, leitender Volkswirt am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Neben der starken Konzentration der Hidden Champions in den bevölkerungsreichen Kreisen Stuttgart und Esslingen, fällt auf, dass die Unternehmen im übrigen Baden-Württemberg vor allem im ländlich geprägten Raum verteilt sind – in Regionen, wo der lokale Arbeitsmarkt häufig leergefegt ist. Und nicht jeder ist wie E.G.O. in der glücklichen Lage, dank enger Kontakte zu Hochschulen den Ingenieurnachwuchs quasi aus der Nachbarschaft rekrutieren zu können.

Gemessen an der Bevölkerung stechen vor allem der Zollernalbkreis und Hohenlohe hervor – dort gibt es pro Kopf die meisten Hidden Champions. Das zeigen Daten, die den BNN exklusiv vorliegen. Der Stadt- und Landkreis Karlsruhe positioniert sich im vorderen Mittelfeld. Stuttgart hat im Vergleich zu Baden-Baden, Pforzheim oder Karlsruhe je Einwohner deutlich weniger heimliche Weltmarktführer.

Dass sich Hidden Champions in diesen Regionen angesiedelt haben, hat laut Hermann Simon vor allem historische Gründe. „Im Schwarzwald gibt es zum Beispiel seit Jahrhunderten eine Uhrmachertradition. Die Uhrenindustrie ist zwar verschwunden, die feinmechanischen Kompetenzen blieben aber erhalten.“ Im Raum Tuttlingen habe sich diese etwa auf die moderne Medizintechnik übertragen.

Außerdem sind die Baden -Württemberger sehr fleißig.

Trotz ihres Erfolgs sind Unternehmen dieses Typs häufig nur in Fachkreisen bekannt. Das liegt auch daran, dass sich deren Produkte nicht an Konsumenten, sondern an die Industrie richten. Statt Werbung zu machen, präsentieren sich die Hidden Champions lieber in Fachpublikationen und auf Messen.

Geheimniskrämerei schützt Nischen

Hinzu kommt, dass viele gar kein Interesse daran haben, dass etwa Industriekunden aus dem Billigsegment ihren Firmennamen als Qualitätsmerkmal auf dem Endprodukt anbringen – das könnte die Markenkonkurrenz verärgern. Auch Simon habe während seiner Recherche von vielen Unternehmen die Anweisung bekommen, „bloß keine Namen zu nennen“.

Chinesen greifen zu

Offenbar verdient es sich ganz gut, wenn die Marktnische unentdeckt bleibt. Bei vielen Unternehmen findet inzwischen aber ein Umdenken statt. Vor einigen Jahren etwa startete E.G.O. eine große Kampagne in den Medien – wohl nicht zuletzt, um die Firma aus Oberderdingen für Fachkräfte attraktiver zu machen. Der Unternehmensberater Simon warnt ebenfalls davor, es sich in der vermeintlichen Anonymität zu gemütlich zu machen: „Die Chinesen werden künftig unsere scharfen Konkurrenten sein“, glaubt er. Und zwar nicht allein, weil sie auf Entwicklungen der eigenen Firmen setzen. Im Jahr 2016 waren bereits 20 Prozent der baden-württembergischen Hidden Champions entweder teilweise oder komplett in chinesischer Hand.

Welche Firmen gelten als Hidden Champion?
Für einen Hidden Champion hat Unternehmensberater Hermann Simon drei entscheidende Kriterien festgelegt:
1. Das Unternehmen agiert in einem oft eng abgegrenzten Marktsegment und zählt in der jeweiligen Branche global zu den Top Drei oder ist führend auf dem Heimatkontinent.
2. Ein jährlicher Umsatz von 3 Milliarden Euro wird üblicherweise nicht dauerhaft überschritten.
3. Das Unternehmen ist in Fachkreisen bekannt, aber kaum in der Öffentlichkeit.

Das sind die Hidden Champions aus der Region
Hermann Simon nennt zwar keine Namen und Adressen; bei vielen von den beschriebenen Unternehmen dürfte aber klar sein, um wen es sich handelt. Herrenknecht aus Schwanau ist beispielsweise Weltmarktführer in der Tunnelvortriebstechnik. Das als AG geführte Familienunternehmen bohrt und baut gleichzeitig riesige Tunnel und kommt auf einen Umsatz von rund 1,25 Milliarden Euro. Dr. Willmar Schwabe aus Karlsruhe ist ein weiteres Familienunternehmen mit weltweiter Präsenz. Es bietet Arzneimittel aus Pflanzenexrakten an; Tebonin gehört beispielsweise dazu. Witzenmann ist Pforzheims größter Arbeitgeber. Das Traditionsunternehmen stellt hochflexible Bälge und Kompensatoren her, die in Fahrzeugen genauso eingesetzt werden wie auf Kreuzfahrtschiffen oder in der Weltraumrakete Ariane. In Knittlingen produziert Richard Wolf Produkte für die Endoskopie. Stratec Biomedical aus Birkenfeld ist eine gefragte Adresse, wenn es um diagnostische Analysesysteme geht. Physik Instrumente, kurz PI, ist der weltweit führende Anbieter für Lösungen im Bereich Bewegen und Positionieren und hat seinen Sitz in Karlsruhe. Dort ist auch die PTV-Gruppe beheimatet, die Teil der Porsche-Holding ist. PTV steht unter anderem für Mobilitäts-Planungs-Software. asknet, ebenfalls aus der Fächerstadt, ist ein Anbieter von eBusiness-Technologien für den weltweiten Vertrieb und die Verwaltung von digitalen und physischen Gütern. Nicht weit entfernt, in Waldbronn, hat Polytec als Spezialist für laserbasierte Messtechnik seinen Sitz. Mit Ultraschall-Sondermaschinen punkten Sonotronic Nagel und Herrmann Ultraschall aus Karlsbad-Ittersbach. SEW-Eurodrive aus Bruchsal liegt zwar beim Umsatz über den drei Milliarden Euro, die Simon als ein Kriterium für seine Hidden Champions nennt, das Unternehmen müsste aber dennoch auf seiner Karte sein.
Ebenfalls weltweit erfolgreich – wenn auch nicht auf Simons Karte aufgeführt – sind folgende Firmen aus der Region: Die Papierfabrik August Koehler aus Oberkirch ist Weltmarktführer für Thermopapiere – man kennt diese beispielsweise aus den Kontoauszugsdruckern. Dieffenbacher aus Eppingen ist in der Fachwelt für seine Produktionsanlagen bekannt, mit denen etwa Holzwerkstoffplatten hergestellt werden. Elumatec aus Mühlacker im Enzkreis stellt Maschinen für die Alu- und PVC-Profilbearbeitung her. Die Papiermaschinen aus dem Hause Gebrüder Bellmer (Niefern-Öschelbronn) werden sogar nach Chile geliefert, etwa um Weinkartons herzustellen. Aber auch Anlagen zur Herstellung von Banknoten produziert diese Firma. nbr

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