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Aktionärstreffen ohne Aktionäre vor Ort

EnBW-Hauptversammlung in Stuttgart in Corona-Zeiten: Virtuell und nüchtern

Flammende Reden von Umweltaktivisten und Lob sowie Kritik von Vertretern der Aktionärsvereinigungen - das gehört jedes Jahr zur Hauptversammlung des Karlsruher Energiekonzerns EnBW. In Corona-Zeiten läuft alles virtuell und somit nüchtern ab. Es ist ein Aktionärstreffen ohne Aktionäre vor Ort.

Bild mit Symbolkraft: Die EnBW hat ihre Kühltürme des ehemaligen Atomkraftwerks Philippsburg im Mai gesprengt. Die Bedeutung der erneuerbaren Energien unterstrich der Konzern bei seiner virtuellen Hauptversammlung. Foto: Archiv Peter Sandbiller

Auf den ersten Blick ist es die gleiche Prozedur wie jedes Jahr: Umweltaktivisten demonstrieren am Tag der EnBW-Hauptversammlung gegen den drittgrößten deutschen Energiekonzern. Und Aufsichtsratschef Lutz Feldmann muss sich zu Beginn erst einmal eine halbe Stunde lang mit Formalien beschäftigen.

Und doch sind in Corona-Zeiten die Rituale anders: Die Robin Wood-Aktivisten klettern an der Karlsruher EnBW-Zentrale hoch, um dort per Plakat gegen das Atomkraftwerk („Schrott-Reaktor Neckarwestheim abschalten. Jeder Riss ist einer zu viel“) zu protestieren. Normalerweise demonstrieren Umweltschützer am Kongresszentrum.

Doch Aufsichtsrat und EnBW-Vorstand tagen an diesem Freitag nicht dort, sondern „aus technischen und organisatorischen Gründen“ (Feldmann) in der EnBW-City in Stuttgart. Von einem nüchternen Saal aus wird die virtuelle Hauptversammlung ausgestrahlt. Cola, Kaffee und Saitenwürstchen gibt es logischerweise auch nicht für die wenigen Kleinaktionäre, die der Konzern hat.

Aktionäre dürfen sich freuen: Der EnBW geht es in der Corona-Krise gut

Geblieben ist, dass sich die EnBW als moderner Energiekonzern präsentiert. Die Kameramänner filmen den EnBW-Vorstand bei der Hauptversammlung vor einer langen halbrunden Fotowand mit Offshore-Windrädern des Konzerns. „Insgesamt haben wir 2019 die Erzeugungsleistung aus Windenergie gegenüber dem Vorjahr deutlich erhöht - inklusive unseres Windparks Albatros um 71 Prozent“, sagt Vorstandschef Frank Mastiaux in seiner halbstündigen Rede.

Kommt bislang gut durch die Krise: Frank Mastiaux, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns EnBW, hält die Ergebnisprognosen für 2020 für erfüllbar - trotz Corona-Pandemie. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Einmal mehr geht er ausführlich auf die grüne Sparte der EnBW ein: das größte E-Auto-Ladenetz in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Top-Drei-Anbieter hierzulande im Geschäft mit Fotovoltaikanlagen samt Stromspeicher und intelligenter Steuerung sind einige neue Beispiele.

Was die Aktionäre freuen dürfte: Es geht der EnBW in der Krise gut. Mastiaux: „Aktuell gehen wir nach wie vor davon aus, die Ergebnisziele für dieses Jahr erreichen zu können - wenn auch eher am unteren Rand unserer Prognose.“ Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll demnach zwischen 2,75 und 2,9 Milliarden Euro über dem Vorjahr liegen – das wäre ein Plus von 13 bis 19 Prozent. 2019 wurden 2,43 Milliarden Euro erreicht.

Viele EnBW-Mitarbeiter verfolgen Mastiauxs Rede im Live-Stream mit

Es gehe darum, „die Corona-Krise auch als Chance zu nutzen, für das Unternehmen und seine Weiterentwicklung“, appelliert Mastiaux an seine 23.300 Mitarbeiter - viele verfolgen die Rede im Live-Stream mit. Mit Blick auf die Pandemie hätten vor allem die Infrastruktur-Themen nochmals an Bedeutung gewonnen. Schnellladeeinrichtungen, Telekommunikation, Breitband sind hier Stichworte. Teil der 2025-er-Strategie sind auch die strammen Wachstumspläne im Netzgeschäft und bei den Erneuerbaren.

Doch noch hat die EnBW alte Energie im Portfolio, auch wenn die Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg am 14. Mai gesprengt wurden. Dazu zählen auch Steinkohleblöcke, die die Politik nicht mehr will. Kurzfristig Änderungen am Gesetzentwurf zum Kohleausstieg hätten zwar Verbesserungen für den Süden Deutschlands gebracht, attestiert Mastiaux. „Dass im Ergebnis nach wie vor moderne Steinkohleanlagen früher und zugunsten von alten CO2-intensiven Braunkohleanlagen vom Netz gehen, bleibt allerdings aus unserer Sicht ein klimapolitischer Webfehler.“

Wegen der mehrjährigen Debatte treffe die EnBW der Kohleausstieg jedoch „nicht unvorhergesehen“, antwortet Mastiaux auf eine eingereichte Frage eines Aktionärs. Das sei auch beim Rheinhafendampfkraftwerk 8 in Karlsruhe der Fall, das die EnBW als eines der modernsten der Welt bezeichnet.

146 Fragen schriftlich eingereicht

Eine Generaldebatte gibt es bei dieser Hauptversammlung nicht. 146 Fragen wurden schriftlich eingereicht, aus Datenschutzgründen bleiben die Namen der Aktionäre ungenannt. Es fehlen die emotionalen Seitenhiebe eines Kleinaktionärs und Umweltaktivisten wie Harry Block. Es gibt weder Lob noch Kritik der Vertreter der Aktionärsvereinigungen. Virtuell in Stuttgart ist auch insofern nicht live wie in Karlsruhe.

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