Neue Bäume auf abgeholzten Flächen: Philippinische Klimaaktivsten pflanzen in den Bergen von Tanay Schösslinge, um Probleme der Klimaerwärmung und der Klimamigration zu bekämpfen. | Foto: dpa

Klimaneutralität ist kein Nischenthema mehr

Firmen setzen auf Null-Emission

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Im Bühler Werk des weltgrößten Autozulieferers Bosch gibt es Shuttlebusse und E-Scooter, um sich zwischen den Werksteilen zu bewegen, es gibt E-Vespas und E-Bike-Parkplätze. Bald soll es auch eine Mitarbeiter-App geben, mit der sich die Bosch-Mitarbeiter zu Fahrgemeinschaften zusammenfinden können. Doch die umweltfreundliche Mobilität ist nur ein kleines Mosaiksteinchen auf dem Weg zu einem größeren Ziel. Bosch will die gesamte Produktion klimaneutral ausrichten. (Siehe Stichwort unten.) Vor kurzem gab das Großunternehmen bekannt, dieses Ziel bis 2020 zu erreichen, zehn Jahre früher als geplant.

„Klimaschutz ist machbar“

Bosch steigerte unter anderem die Energieeffizienz und erhöhte den Anteil regenerativer Energien. Was an CO2-Ausstoß übrig bleibt, soll durch Umweltprojekte kompensiert werden – bis der CO2-Fußabdruck des Konzerns 2020 verschwunden sein soll. „Klimaschutz ist machbar und mit der nötigen Konsequenz schnell umsetzbar“ betont Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH.
Diese Worte aus dem Munde der obersten Führungskraft eines Weltunternehmens sind Wasser auf die Mühlen von Moritz Lehmkuhl: „Früher war der Klimaschutz ein Nischenthema, heute gehen Vorstandsvorsitzende damit um.“ Lehmkuhl ist Geschäftsführer von Climate Partner, einer großen, auf Firmen spezialisierten Agentur. Climate Partner liefert Konzepte und die Software, mit der Firmen ihre CO2-Bilanz erfassen und reduzieren können und bietet auch Kompensations-Projekte an. Im Verbreitungsgebiet der BNN stechen auf der Climate-Partner-Homepage zahlenmäßig vor allem die Filialen des Discounters Aldi Süd heraus.
Fotovoltaikanlagen auf dem Dach, LED-Beleuchtung und sparsame Kühlsysteme: Ein ausgeklügeltes Energiemanagementsystem habe dazu beigetragen, dass 2017 in den Filialen elf Millionen Kilowattstunden Strom eingespart wurden und das Unternehmen eigenen Angaben zufolge erstmals klimaneutral war. Was an CO2 übrig blieb, kompensierte Aldi durch die Beteiligung an zwei Wasserprojekten in Uganda und Kambodscha.

Agenturen helfen bei Erstellen der Klima-Bilanz

Manchmal ist zu hören, dass das Ziel der Klimaneutralität Großunternehmen begünstige, weil diese den großen bürokratischen Aufwand beim Erfassen aller relevanten Daten leichter schultern können als Kleinunternehmen. Auf der Homepage von Climate Partner finden sich in der Region jedoch auch kleinere Firmen: Die Druckerei Grube & Speck in Karlsruhe, Stark Druck in Pforzheim, die Hirsch GmbH in Bretten, oder die MD Securepack GmbH in Bruchsal zum Beispiel.
Ein Überzeugungstäter ist Stephan Bode, Geschäftsführer und Eigentümer des Hotels Schwarzwald Panorama in Bad Herrenalb. Das 88-Zimmer-Haus mit seinen 75 Angestellten liefert einmal pro Jahr einen „Unternehmens-Scan“ mit allen relevanten Daten an Climate Partner. Bode achtet beispielsweise bei neuen Werbeprospekten darauf, dass sowohl die beauftragte Werbeagentur als auch die Druckerei klimaneutral arbeiten und entsprechende Nachweise liefern können.

Hotel bietet klimaneutrale Veranstaltungen

Das Hotel bietet seinen Kunden klimaneutrale Veranstaltungen an, bei denen auch die bei An- und Abreise der Teilnehmer angefallenen C02-Emissionen kompensiert werden, was sich wiederum positiv auf die Klimabilanz von deren Firmen auswirke. Unter anderem kommt das Frühstück im Hotel Schwarzwald Panorama ohne Verpackungsmüll auf den Tisch. Neu geschaffen wurde in dem Betrieb die Stabsstelle „Entwicklung nachhaltiges Bewusstsein“. „Wir wirtschaften nachhaltig, weil ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen kann. Ich mache das seit 15 Jahren“, sagt Bode, der bereits 2009 den B.A.U.M. Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis erhalten hat.

Dreischritt: reduzieren, vermeiden, kompensieren

Kompensationsprojekte gibt es viele, sie reichen von Windkraftanlagen in Patagonien bis zu Biomasse-Kraftwerken in Indien. Und während in dem Dreiklang der Klimaneutralität das Einsparen und Vermeiden allseits Beifall findet, entfacht sich am Kompensieren immer wieder auch Kritik: Die Kompensation des CO2-Ausstoßes sei eine Art moderner Ablasshandel, Überprüfung und Kontrolle seien nicht immer einfach und je nach Partner manchmal auch problematisch.
„Wir machen gar keine Kompensationen“, sagt beispielsweise Peter Naumann vom Verein Bergwaldprojekt. Die Umwelt- und Naturschutzorganisation bietet für an Nachhaltigkeit interessierte Unternehmen Kooperationsprojekte zum Schutz natürlicher Ressourcen an. Unter anderem im Stadtwald Baden-Baden, wo in einem Projekt mit Freiwilligen naturnaher Waldumbau oder in den Schwarzwald-Hochlagen Biotop-Pflege für das Auerwild betrieben wird. Naumann begründet die skeptische Haltung zu Kompensations-Projekten so: „Der Bevölkerung wird suggeriert, wir pflanzen 20 000 Bäume, und alles ist gut – aber so einfach ist es nicht“, sagt Naumann.

„Wir wirtschaften nachhaltig, weil das sinnvoll ist“

Während er CO2-Kompensations-Projekte in Mitteleuropa skeptisch sieht – bei Baumpflanzungen sei ein Effekt wegen der langsamen Wuchsraten zum Beispiel kaum zu erzielen –, könne dies in den Tropen durchaus anders sein, räumt Naumann gleichwohl ein.
Für Unternehmer wie Stephan Bode sind Kompensationen ohnehin nur ein Teil einer konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wertschöfpungskette. „Wir wirtschaften nachhaltig, weil das sinnvoll ist“, sagt Bode. Der „ewige und einseitige Run“ auf die Rendite werde so abgelöst durch eine gewisse „Entspanntheit und Leichtigkeit“. Denn die Rendite komme von allein, weil die Kunden dieses Modell immer zahlreicher honorierten.

 

Stichwort

Klimaneutralität

Prozesse, durch die Treibhausgase entstehen, sind klimaschädigend. Werden keine Treibhausgase ausgestoßen oder werden diese durch Ausgleichsmaßnahmen kompensiert, sind sie klimaneutral. Um Klimaneutralität zu erreichen, muss zunächst eine Klima-Bilanz erstellt werden.
Es gibt zwei Arten solcher Klima-Bilanzen. Zum einen die über den gesamten Lebenszyklus‘ eines einzelnen Produkts errechnete Bilanz. Zum anderen die Klima-Bilanz aller Abläufe eines Unternehmens.
Die Klima-Bilanz eines Betriebes zu errechnen, ist ein aufwendiger Prozess. Hier werden viele Daten benötigt, die Heizung, Strom, Geschäftsreisen, die Mitarbeiteranfahrt, den Papierverbrauch und vieles mehr betreffen. Aus diesen Daten wird dann ein  in CO2-Äquivalenten gemessener CO2-Fußabdruck errechnet. Diesen gilt es dann zu reduzieren.
Dies kann durch Vermeiden, Reduzieren oder durch Kompensation erfolgen. So kann etwa der Energieverbrauch klimaneutral werden, indem treibhausgasfreie Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser genutzt werden. Bei der Kompensation wird der CO2-Ausstoß an einem Ort durch Treibhausgas-Einsparungen an einem anderen Ort erreicht, beispielsweise durch Aufforstungsprojekte in den Tropen.
Diese Projekte werden zertifiziert, unter anderem durch den TÜV. Sie müssen unterschiedliche Normen erfüllen. Als anspruchsvollster Standard gilt der vom World Wide Fund For Nature (WWF) vergebene Gold Standard.