Müdigkeit
Zu wenig Schlaf ist das Problem von sehr vielen Menschen. | Foto: Friso Gentsch/Illustration

„Power Napping“ auf der Arbeit

Kleine Nickerchen sind gesund

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„Ein kurzes Mittagsschläfchen von zehn bis 20 Minuten stärkt die Produktivität in der zweiten Tageshälfte“: Das sagt einer, der es wissen muss: der Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Deshalb sollte das sogenannte Power Napping seiner Meinung nach am Arbeitsplatz Karriere machen.

Von unserem Mitarbeiter Ekart Kinkel

Mit einem Mittagsschläfchen auf einem Sendemast erlangten zwei chinesische Elektriker Anfang April im Internet einen gewissen Bekanntheitsgrad. Weil der Abstieg und Wiederaufstieg von dem 100 Meter hohen Mast in der Mittagspause zu viel Zeit und Kraft kostet, hatten die beiden Arbeiter aus der Not einfach eine Tugend und gut gesichert im Stehen ein Nickerchen gemacht. Da ein Kollege seine Mittagspause anderweitig nutzte und die ungewöhnliche Szenerie mit einem Handy aufzeichnete, verbreitete sich das 30-sekündige Video recht schnell um die ganze Welt.


Nach Ansicht des Psychologen Hans-Günter Weeß haben die beiden Chinesen zu diesem Zeitpunkt aber etwas ganz Normales sowie überaus Sinnvolles gemacht. „Ein kurzes Mittagsschläfchen von zehn bis 20 Minuten stärkt die Produktivität in der zweiten Tageshälfte“, sagt der Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Deshalb sollte das sogenannte Power Napping seiner Meinung nach am Arbeitsplatz Karriere machen.

Ein Schlüssel schützt vor der Tiefschlafphase

Wo die Arbeitnehmer ihr schnelles Nickerchen machen, spielt für das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin nur eine untergeordnete Rolle. Wer die Möglichkeit dazu habe, könne sich gerne hinlegen. „Aber es reicht auch, wenn man den Kopf auf den Schreibtisch legt oder es sich im Sessel bequem macht“, sagt Weeß. Wer auf Nummer sicher gehen will, dass er nicht den halben Tag verschläft, soll sich einen Wecker stellen. Oder einen Schlüssel in die Hand nehmen. Der Grund: Wenn die Tiefschlafphase einsetzt, lockert sich die Muskulatur, der Schlüssel fällt klirrend zu Boden – und der Schlafende erwacht.

Kein Nickerchen nach 15 Uhr

Nach Weeß’ Einschätzung ist die gesellschaftliche Akzeptanz für das Power Napping in den vergangenen Jahr stark angestiegen. „Das ist auch wichtig“, sagt der Schlafmediziner, denn in der von ständiger Erreichbarkeit geprägten digitalen Arbeitswelt könnten die Leute während der Arbeit kaum mehr richtig abschalten. Außerdem könnten Arbeitnehmer mit dem Mittagsschläfchen dem natürlichen Leistungstief in den Nachmittagsstunden vorbeugen. Doch der Schlaf ist nicht das einzige Mittel gegen ein 15-Uhr-Loch. „Wer müde wird, kann auch ein paar Schritte an der Luft gehen. Bewegung hält schließlich auch wach, hat aber keinen so nachhaltigen Effekt“, sagt Weeß. Auf keinen Fall sollte ein kurzes Nickerchen aber nach 15 Uhr eingelegt werden. Der Grund: Sonst verschiebt sich der komplette Schlafrhythmus leicht nach hinten.

Wir leben in einer extrem unausgeschlafenen Gesellschaft

Psychologe Hans-Günter Weeß

Zu wenig Schlaf ist ohnehin das Problem von sehr vielen Menschen. „Wir leben in einer extrem unausgeschlafenen Gesellschaft“, sagt der Experte. Ein Grund für den permanenten Schlafmangel seien die zahlreichen Freizeitangebote. Wer in den Abendstunden noch Sport macht, lange Fernsehen schaut oder im Internet surft, braucht morgens einen Wecker, kommt nur schwer aus den Federn und ist schneller wieder müde. Dieser Teufelskreis kann in Extremfällen nur durch eine gezielte Therapie durchbrochen werden. „Wichtig ist, dass die Menschen kurz vor dem Einschlafen in eine Phase der Entspannung fallen“, sagt Weeß.

Feste Rituale helfen gegen Schlafmangel

Feste Rituale vor dem Schlafengehen sowie eine frühe Entspannungsphase sind deshalb die besten Mittel gegen Schlafmangel. Aus arbeitsmedizinischer Sicht sollten regelmäßige Ruhepausen ebenfalls fest in den Alltag der meisten Berufstätigen verankert werden. „Nach anderthalb Stunden konzentrierter Arbeit haben Physis und Psyche oft eine kleine Pause nötig“, sagt Arbeitspsychologin Kerstin Reviol vom Karlsruher Arbeitsmedizin-Dienstleister ias AG: In dieser Pause könnten die Arbeitnehmer einen Kaffee trinken, ein paar Schritte laufen oder eben ein Nickerchen machen. „Wenn der Körper nach Schlaf verlangt, sollte man diesem Bedürfnis auch nachgeben“, sagt Reviol. Während eines Arbeitstages könne dieses Bedürfnis eben am besten mit einem viertelstündigen Power Napping gestillt werden.

Übermüdete Mitarbeiter machen mehr Fehler, sind weniger produktiv und nur von geringer Kreativität.

Arbeitspsychologin Kerstin Reviol

Für die Unternehmen stellen die regelmäßigen Ruhepausen nach Reviols Erfahrung sogar einen wirtschaftlichen Mehrwert dar. „Übermüdete Mitarbeiter machen mehr Fehler, sind weniger produktiv und nur von geringer Kreativität“, sagt Reviol. Außerdem störten müde Mitarbeiter den Betriebsfrieden und die Zusammenarbeit in Teams. Allerdings genössen die Ruhepausen in vielen Belegschafte noch nicht den gebührenden Stellenwert. „Das muss sich dringend ändern. Chronisch übermüdete und überforderte Mitarbeiter sind häufiger krank und kosten die Unternehmen viel Geld“, sagt Reviol.

Ursache für Schlafmangel ist dabei oft die Arbeit, denn laut den Erhebungen von ias können 95 Prozent der Betroffenen wegen beruflicher Probleme oder einem zu hohen Druck durch die ständige Erreichbarkeit schlecht schlafen. Idealerweise sollten die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen, ihrer Belegschaft die notwendigen Ruhepausen verordnen und für Rückzugsmöglichkeiten am Arbeitsplatz sorgen, appelliert Reviol. Bei einigen großen Unternehmen in der Region ist das Problem mit dem Schlafmangel bereits angekommen.

Wie läuft es in der Praxis?

Sowohl in den Märkten als auch in der Zentrale der Karlsruher Drogeriemarktkette dm gebe es für die Beschäftigten spezielle Rückzugsmöglichkeiten für die individuelle Nutzung, lässt Geschäftsführer Christian Harms auf BNN-Anfrage mitteilen. Zudem gebe es aus Wunsch Informationen zum Thema Schlafgesundheit. Bezüglich des Power Nappings gibt es bei dm allerdings keine einheitliche Regelung. „Das hängt auch damit zusammen, dass es in den Märkten und der Zentrale komplett unterschiedliche Arbeitsbedingungen gibt“, so Harms.

Auch bei SAP in Walldorf steht man einem kurzen Büroschläfchen durchaus aufgeschlossen gegenüber. „Wir denken darüber nach, zusätzlich zu den bestehenden Ruheräumen sogenannte nap-pods anzubieten“, sagt SAP-Personalchef Cawa Younosi. Eine Entscheidung dazu stehe allerdings noch aus. Bis dahin sensibilisiert das betriebliche Gesundheitsmanagement die SAP’ler mit Informationsveranstaltungen und Broschüren für das Thema. So sollten die Beschäftigten feste Schlafenszeiten einhalten, direkt vor dem Schlafengehen keine Smartphones benutzen, sich tagsüber ausreichend bewegen und zwischen sieben bis neun Stunden schlafen.

Eine Schlafdauer von mindestens sieben Stunden deckt sich auch mit der Einschätzung von Schlafmediziner Weeß. Allerdings hätten die Menschen auch beim Schlaf sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Deshalb müsse jeder seinen eigenen Schlafrhythmus finden. „Albert Einstein hat über zehn Stunden Schlaf pro Nacht gebraucht und Thomas Edison nur vier“, sagt Weeß. „Und beide haben es am Ende zu etwas gebracht.“