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Präsidentin des Handelsverbands Nordbaden

Petra Lorenz ist frustriert: „Wenn Altmaier redet, schalte ich aus“

„Eine Katastrophe“ sei der Lockdown für den Einzelhandel. Petra Lorenz fordert, dass die Geschäfte sofort wieder öffnen dürfen. Die Präsidentin des Handelsverbandes Nordbaden sagt, die Politik lasse ihre Branche im Stich.

Sieht ihre Branche im Stich gelassen: Petra Lorenz, Präsidentin des Handelsverbandes Nordbaden, warnt vor einem großen Ladensterben in der Region. Foto: Jörg Donecker/jodo

Wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Fernsehen über Corona-Hilfen spricht, schaltet Petra Lorenz frustriert das Gerät aus. Sie sieht den Einzelhandel von der Politik im Stich gelassen und rechnet mit einem großen Ladensterben.

„Es ist zehn nach zwölf“, sagt die Präsidentin des Handelsverbandes Nordbaden im Gespräch mit BNN-Wirtschaftsredakteur Dirk Neubauer. Für die Zwangsschließungen hat sie kein Verständnis.

Frau Lorenz, Sie sagen, der Lockdown sei für die Einzelhändler katastrophal.
Lorenz

Ich kann gar kein anderes Wort für die Situation finden. Ich habe kein Verständnis für die Zwangsschließung. Wie die Gastronomie hat auch der Einzelhandel alles getan, damit Mitarbeiter und Kunden geschützt sind. Die Fachhändler werden benachteiligt. Wenn ich im Lebensmitteleinzelhandel in der Schlange stehe, habe ich zur Nachbarschlange keinen Meter Abstand. Dort ist das Risiko größer als im Fachhandel.

Die Lebensmittelversorgung ist, im wahrsten Sinne des Wortes, lebensnotwendig, Frau Lorenz.
Lorenz

Klar, das bestreite ich gar nicht. Ich spreche über das Risiko, sich anzustecken. Das ist im Fachhandel mit Sicherheit nicht größer. Deshalb ist es eine Wettbewerbsverzerrung, dass der Fachhandel geschlossen haben muss. Noch etwas: Wenn morgens bei Daimler zu Schichtbeginn 1.500 Mitarbeiter ins Werk kommen, soll das aus Sicht der Politik kein Problem sein. Wenn morgens zu einem Einzelhändler oder Gastronomen aber fünf Kunden oder Gäste kommen, dann schon. Das verstehe ich nicht.

Hand aufs Herz: Wollten Sie in diesen Tagen als Bundes- oder Landespolitikerin Entscheidungen zu Corona treffen müssen?
Lorenz

Wenn ich in einer solchen Funktion wäre, würde ich mir vernünftige Lösungen überlegen und nicht ins Blaue entscheiden. Ein Beispiel: Zu Beginn des Lockdowns am 16. Dezember wurde uns Click & Collect verboten. Jetzt, im Januar, dürfen wir per Internet oder Telefon bestellte Waren vor Ort an Kunden ausgeben. Ein solches politisches Hin-und-Her ist nicht nachvollziehbar.

Bringt der Branche Click & Collect etwas?
Lorenz

Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Den Kunden geht es darum, sich solidarisch mit dem stationären Einzelhandel zu zeigen.

So, wie Sie die Situation beschreiben, ist es fünf nach zwölf …
Lorenz

Es ist eigentlich schon zehn nach zwölf …

Fordern Sie folglich die sofortige Öffnung der Läden?
Lorenz

Ja, denn sonst ist nicht mehr viel zu retten.

Laut Ihrem Bundesverband HDE sagt gut jeder zweite vom Lockdown betroffene Händler, er könne ohne weitere staatliche Hilfen das laufende Jahr nicht überstehen. Wie schätzen Sie die Situation in der Region ein?
Lorenz

Ich würde sagen, dass dort deutlich mehr als jeder zweite die Situation so dramatisch einschätzt. Wir müssen viel Geld vorschießen, das Kurzarbeitergeld beispielsweise. Mir ist zudem kein Fall bekannt, bei dem es im aktuellen Lockdown finanzielle Hilfe gab – außer bei Gastronomiebetrieben, die für die sogenannte Novemberhilfe Teilabschlagszahlungen erhalten haben. An sogenannter Überbrückungshilfe wurde noch gar nichts bezahlt. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Einzelhändler nach dem aktuellen Reglement nicht antragsberechtigt ist.

Was ist eigentlich, wenn Sie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Fernsehen sehen?
Lorenz

Dann schalte ich aus und verlasse den Raum, weil ich das Geschwätz nicht mehr ertragen kann. Das ist alles so realitätsfern. Mich ärgert: Dem Einzelhandel wird oft von der Politik vorgeworfen, er habe die Digitalisierung verschlafen. Aber die Gesundheitsämter schicken noch Telefaxe hin und her. Und die Bundesregierung bekommt es nach fast einem Jahr Corona-Pandemie nicht auf die Reihe, dass Hilfsprogramme greifen.

Was sagen denn Ihre Kollegen?
Lorenz

Ich bekomme jeden Tag Anrufe. Die haben schließlich seit sechs Wochen kein Einkommen mehr. Einer sagte mir, er habe jetzt noch 500 Euro auf dem Konto. Ein anderer erinnerte daran, dass er seit 30 Jahren treue Mitarbeiterinnen beschäftigt, denen er Ende Januar nicht mehr die Löhne überweisen könne…

… viele Mitarbeiterinnen im Einzelhandel sind auf jeden Euro angewiesen …
Lorenz

Wir beschäftigen viele Frauen, die stundenweise oder in Teilzeit beschäftigt sind, weil sie kleine Kinder haben oder pflegebedürftige Angehörige. Hinter jedem Mitarbeiter steht ein Schicksal. Vor allem, wenn ein Einzelhändler Mitarbeiter entlassen muss, die er seit Jahrzehnten beschäftigt, ist das psychisch schwer zu bewältigen. Wo sollen die Mitarbeiter denn wieder eine Arbeit finden? Es können ja nicht alle Paketbote werden.

Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüpper, Hallhuber, Adler – selbst Filialisten haben seit Ausbruch der Corona-Krise die Rettung in Insolvenzverfahren suchen müssen.
Lorenz

Ja, und die haben alle Onlineshops. Aber Onlineshops sind aufwendig. Es ist eben ein Unterschied, ob ich Umsatz mache oder Erträge erwirtschafte.

Kommen eigentlich die Vermieter Ihrer Branche entgegen?
Lorenz

Zum großen Teil schon. Mietzahlungen für Ladenflächen werden gestundet oder beispielsweise um die Hälfte gekürzt. Viele sagen: Wenn Sie Ihr Geschäft schließen, finde ich keinen Nachmieter mehr.

Wie wird denn die Kaiserstraße in Karlsruhe nach Corona aussehen?
Lorenz

Sie wird deutlich zusammenschrumpfen, es wird also weniger Geschäfte geben. Viel wird davon abhängen, ob Galeria Karstadt Kaufhof überlebt, denn das ist unser einziger Vollsortimenter. Wenn zu viele Läden dichtmachen, bewegt sich die Abwärtsspirale: Schaufensterscheiben werden zugeklebt, dann wird es schmuddelig, es wollen immer weniger in der Stadt einkaufen.

Und mittelgroße Zentren wie Bruchsal, Bretten, Ettlingen, Rastatt, Bühl oder Achern um nur einige zu nennen?
Lorenz

Dort nutzen mehr Einzelhändler eigene Immobilien. Einfach ist die Situation aber auch dort wahrlich nicht.

Werfen Sie mal einen Blick in die Glaskugel: Wann werden realistisch betrachtet die Geschäfte wieder öffnen dürfen?
Lorenz

Ich hoffe Mitte Februar. Sonst gehen 70 bis 80 Prozent der Läden verloren.

Plant der Einzelhandel notfalls den Aufstand?
Lorenz

Wir sind jeden Tag in Gesprächen mit der Politik. Aber leider ist es so, dass diese vor allem die Industrie im Blick hat. Gastronomie und Einzelhandel fallen unten durch.

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