Michael Feindt Gründer von Blue Yonder
Michael Feindt hat die optimale Frische im Blick. | Foto: Andrea Fabry

Blue Yonder-Gründer im Porträt

Physiker Michael Feindt liebt die komplexe Einfachheit

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Wer sich aufmacht, den Physiker Michael Feindt in seinem Büro kennenzulernen, fühlt sich unweigerlich an einen Wahrsager erinnert, der mit seiner Glaskugel in die Zukunft sieht. Die Glaselemente sind jedoch nicht in Kugelform greifbar, sondern spiegeln sich im Bürogebäude von Blue Yonder wider: Die fensterreiche Außenfassade lässt viel Licht hinein, und die Büroräume haben durchsichtige Wände.

Zwischen all dem Glas hängen großformatige Fotos von pinken Flip-Flops, grünem Romanesco oder blauen Fischgräten. Sie geben einen Hinweis auf die Hauptarbeitsfelder des Unternehmens: Lebensmittel- und Fashion-Handel. Und warum all das Glas? Vielleicht, weil es den Durchblick ermöglicht, den man braucht, wenn man in die Zukunft schauen möchte – so wie es Michael Feindt täglich macht.

In der Vergangenheit liegt die Zukunft

Doch wie kommt man eigentlich darauf, aus Vorhersagen ein Unternehmen zu entwickeln? Ausgerechnet die eigene Vergangenheit öffnet Michael Feindt die Augen für die Lesbarkeit der Zukunft: „Mir war etwas Blödes passiert. Ich habe auf dem Aktienmarkt Geld verloren. Rund 20 Prozent meiner Anlage, die eigentlich für einen Hausbau gedacht war, war plötzlich weg“.


Mit Wahrscheinlichkeitsaussagen die Zukunft berechnen

Feindt versucht herauszufinden, ob er mit seinen Physik-Berechnungs-Methoden den Verlust an der Börse hätte verhindern können. An den Wochenenden lädt er die historischen Börsenkurse herunter und rechnet damit. Seine Ergebnisse zeigen, dass man die Wahrscheinlichkeitsrechnung aus der Physik auch auf die Börsenkursentwicklung anwenden kann. Diese ersten Schritte außerhalb des gewohnten wissenschaftlichen Umfelds sind der Startschuss für das eigene Unternehmen.

Michael Feindt: von Hamburg über Genf nach Karlsruhe

Bis dahin ist der Lebenslauf von Michael Feindt jener eines Spitzen-Physikers: „Schon als Jugendlicher habe ich Mathematik, Physik und Elektrotechnik gut gefunden. Ich habe Radios zusammengebastelt und mit den damals ersten Mikrocomputern gespielt. Das hat Spaß gemacht.“ Derart motiviert studiert Feindt in Hamburg Physik.

„Die komplexe Welt auf wenige Grundregeln zu reduzieren, das finde ich toll und darin bin ich gut.“ In der Hansestadt legt er auch den Grundstein für seine private Zukunft: Er lernt seine Ehefrau kennen, mit der er seit 32 Jahren verheiratet ist. Das Paar bekommt zwei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind und in Frankfurt und Hamburg leben.

Weil Feindt gut ist in seinem Bereich, wechselt er 1991 nach Genf ans Cern. Die Familie zieht mit und entscheidet sich für einen Wohnsitz in Frankreich nahe der Schweizer Grenze. „Wir konnten damals alle kein Französisch. Ich hatte Latein in der Schule. Spannend fand ich, wie schnell die Kinder die Sprache gelernt haben“, erzählt der Familienvater schmunzelnd und gleichzeitig stolz.

Eine Professur führt ihn 1997 schließlich in die Fächerstadt, zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Feindt erinnert sich gut an diese Zeit: „Früher war ich wirklich nur Physiker und wollte von den Stars der Physik Anerkennung.“ Er tauscht sich aus mit weltberühmten Universitäten wie dem MIT, Stanford oder Harvard. Heute bieten sich als selbstbewusste Spitzenvergleiche eher Google oder Amazon an, deren Technologie auf vergleichbarer Höhe mit Blue Yonder ist, sagt Michael Feindt.

Michael Feindt Gründer von Blue Yonder
Michael Feindt hat die Physik in den Handel geholt. | Foto: Andrea Fabry

Die Physik in den Handel geholt

Doch zurück zu den unternehmerischen Anfängen: Im Jahr 2002 gründet der Professor erstmals und beginnt mit dem sogenannten NeuroBayes-Algorithmus zu arbeiten. Dieser ermöglicht es, aufgrund von historischen Daten eine Wahrscheinlichkeitsaussage darüber zu treffen, was in der nahen Zukunft passiert. Diese Berechnungen kann der Experimentalphysiker auf viele Bereiche übertragen – etwa Versicherungen oder den Handel.

Diese Vorhersagen gleichen dem Wetterbericht, je näher der Verkaufstag rückt, desto besser sei die Vorhersage, sagt Feindt: „Mathematisch steht fest, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann. Aber man kann Wahrscheinlichkeitsaussagen machen über künftige Ereignisse, die in ähnlicher Weise immer wieder stattfinden.“ Blue Yonder wird 2008 gegründet und sei heute erfolgreich, doch nicht nur die Wirtschaftlichkeit freut Feindt: „Ich finde es toll, dass ich damit die Lebensmittelvernichtung verringern kann. Das ist eine Sache mit gesellschaftlichem Nutzen, da stehe ich zu 100 Prozent dazu.“

Von der Abfallvermeidung zur Horizontlinie

Die Verringerung des Abfalls erfolgt durch die automatisierte Warenbestellung in den Handelsunternehmen, die mit Blue Yonder arbeiten. Dabei entscheidet die künstliche Intelligenz, welche Ware der Händler bestellen muss.

Im Idealfall wird die Ware so bestellt, dass deutlich weniger Abfall anfällt. Die Optimierung und Automatisierung kann schon im Herstellungsprozess einfließen, etwa bei frischen Lebensmitteln wie Sushi. So lässt sich anhand des erwarteten Verkaufszeitpunkts vorhersagen, wann ein Produkt hergestellt sein muss.

Wer Michael Feindt kennenlernt, ahnt, dass er fast immer bei der Arbeit ist. Wenn er sich doch Ruhemomente gönnt, erholt er sich unter den alten Eichen im eigenen Garten. Bei mehr Zeit reist er gerne, zum Beispiel auf seine Lieblingsinsel Sylt.