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Beben auch auf deutscher Seite

Präfektur stoppt Betrieb im Straßburger Geothermie-Kraftwerk nach Erdbeben

Nach dem nächsten Erdbeben in Straßburg stellt die dortige Präfektur per Dekret die Arbeit der Geothermieanlage ein. Die soll nämlich für die Beben verantwortlich sein.

Das Geothermie-Kraftwerk in Reichstett war einst ein Vorzeigeprojekt für Energiegewinnung aus Erdwärme. Nach einigen Erdbeben ist es nun hoch umstritten. Foto: Frederick Florin/AFP

Michèle Kannengieser berichtet von Dutzenden Beschwerden, von Bürgern, Hausbesitzern, die Fotos vorbeigebracht hätten. Die Fotos zeigen Risse an Wänden und Decken. Kannengieser ist Bürgermeisterin von La Wantzenau, einer kleinen Gemeinde am Rande der Eurometropole Straßburg. Vergangenen Freitag hatte dort die Erde gebebt. Beileibe nicht zum ersten Mal, aber diesmal heftiger als zuvor. Drei Mal war es am Freitag zu einem Erdbeben gekommen. Das stärkste erreichte 3,5 auf der Richterskala, meldete der französische Erdbebendienst für die Erschütterung noch am Morgen. Dann gleich der nächste Stoß, allerdings etwas schwächer. Ein weiteres Nachbeben spürten die Bewohner – wie bei den ersten beiden in einem Umkreis von 10 km besonders stark aber auch darüber hinaus – am selben Vormittag gegen 11 Uhr.

Ein so genanntes induziertes Beben, vermerkte der französische Erdbebendienst, keine Naturgewalt, sondern menschengemacht. Im Fokus: ein Geothermiekraftwerk wenige Kilometer entfernt auf dem Gelände der ehemaligen Erdölraffinerie Reichstett.

Das Vertrauen ist getrübt

Nach knapp einem Dutzend solcher Erschütterungen seit Ende Oktober hat die Straßburger Präfektur nun per Dekret jede weitere Tätigkeit auf der Anlage untersagt. Es ist fraglich, auf welchem Weg der Betreiber Fonroche das Blatt noch wenden könnte.

Die Angst, so etwas könne jederzeit wieder geschehen, wiegt für die Leute schwerer.
Michèle Kannengieser, Bürgermeisterin La Wantzenau

Doch das Vertrauen scheint auf beiden Seiten erheblich getrübt. Vor zehn Jahren begannen die Voruntersuchungen für den Standort. Ein erstes Projekt im Rheinhafen hatte Fonroche wegen Protesten der Bevölkerung aufgeben müssen. Die Bohrungen bei Reichstett begannen 2017. Gut zwei Jahre später waren die Arbeiten unter Tage abgeschlossen. Was fehlte, war die Stromwechselanlage, um aus dem heißen, aus der Tiefe nach oben gepumpten Wasser Strom zu erzeugen. Doch nach mehreren Beben im November 2019, die damals nicht eindeutig Fonroche zugeordnet werden konnten, musste Jean-Philippe Soulé, Generaldirektor von Fonroche und verantwortlich für den Standort Straßburg, den Probebetrieb einstellen.

Ist etwas außer Kontrolle geraten?

Vergangenen Oktober sollte Soulé dann Nachverfolgungstests im Auftrag der Behörden durchführen, um so die Prozesse bei der Wasserförderung und Wiedereinspeisung besser zu verstehen. Gesucht werden sollte die Ursache der Beben von 2019.

Im Zuge dieses Tests wurde Ende Oktober der Kreislauf unterbrochen. Wohl zu abrupt. Denn wenig später kam es zu erneuten Beben. Wo die Ursachen zu suchen sind und ob da etwas außer Kontrolle geraten ist, muss die von der Straßburger Präfektin Josiane Chevalier angekündigte Untersuchung klären. Für einen möglichen Auslöser der Probleme hält der Straßburger Wissenschaftler Jean Schmittbuhl zu hohen Druck im unterirdischem Wasserkreislauf, mit dem Fonroche arbeite. Schmittbuhl, Forschungsdirektor am Straßburger Institut für Geophysik, sagte der Straßburger Zeitung Dernières Nouvelles d’Alsace vergangenen Freitag, vermutlich habe dieser Druck, der höher sei als etwa bei der Geothermieanlage von Soultz-sous-Forêts im Nordelsass, das Erdbebenrisiko erhöht.

Die Präfektin will nun unter dem immer massiveren öffentlichen Druck kein weiteres Risiko eingehen. Aus allen umliegenden Kommunen kam in den vergangenen Tagen die Forderung nach einer endgültigen Einstellung des Betriebs.

In einer Mitteilung von Montagabend heißt es, der Schutz der Bevölkerung sei vorrangig. Außerdem seien die notwendigen Sicherheitsgarantien von Seiten des Betreibers nicht mehr gewährleistet. Der hatte allerdings bereits am Freitag nach den Beben angekündigt, auch den bis dahin noch aufrechterhaltenen Minimalwasserdruck langsam abzusenken, ein Prozedere, das sich über mehrere Wochen erstrecke und so lange noch weitere Beben hervorrufen könne.

In Baden-Württemberg wäre die Straßburger Technik nicht zugelassen

Pia Imbs, Präsidentin der Eurometropole Straßburg, reagierte entsprechend erleichtert auf die Entscheidung der Präfektin. Andere Vorhaben für Geothermieanlagen im Raum Straßburg stehen aus ihrer Sicht nicht zwangsläufig zur Debatte. „Wir müssen jedoch für mehr Transparenz und mehr Bürgerdialog sorgen“, sagt Imbs.

Bei der Badenova, wo man sich ganz am Anfang des Planungsprozesses für ein Geothermiekraftwerk im Raum Freiburg, Breisach und Müllheim befindet, hat man mit Regionalkonferenzen frühzeitig den Austausch mit der Bevölkerung gesucht. „Im weiteren Verlauf wollen wir auch einen Bürgerbeirat und einen Sachverständigenbeirat aus der Region heraus bilden, um jederzeit die Mitsprache zu gewährleisten“, sagt Roland Weis, Leiter Unternehmenskommunikation der Badenova. Aber auch technisch sieht man sich gut gewappnet. „Die in Straßburg angewandte Bohr- und Erkundungstechnik wäre bei uns in Baden-Württemberg gar nicht statthaft“, betont Weis. Das in Straßburg umgesetzte Verfahren sei in Baden-Württemberg nicht zugelassen. „Insofern hat es für unser Vorhaben zunächst keine Relevanz, außer dass es natürlich die sachliche Information nicht leichter macht.“

100 Millionen Euro hat Fonroche bislang investiert

Offen ist, welche Schritte Jean-Philippe Soulé jetzt in Erwägung zieht. Am Dienstagmorgen wollte er sich auf Anfrage nicht äußern. Sein Unternehmen hat bislang 100 Millionen Euro ohne öffentliche Subventionen in Straßburg investiert. Bei Eckbolsheim war eine weitere Anlage in Planung. Der Raum Straßburg bietet wie der gesamte Oberrheingraben mit seinen Thermalwasservorkommen sehr gute Voraussetzungen für die Tiefengeothermie. In Straßburg sah man noch unter der alten, sozialistisch geführten Stadtspitze die Chance, das Ballungszentrum mittelfristig von fossilen Energien unabhängig zu machen. Das Kraftwerk bei Reichstett hätte bis zu 20.000 Haushalte mit Strom versorgen und zusätzlich Fernwärme liefern können.

Bleibt nun die Ursachenforschung, an der laut Präfektur auch das Pariser Umweltministerium beteiligt werden soll. Soulé hatte bereits im November versichert und dies nach den Ereignissen vom Freitag wieder bestätigt, für alle Schäden aufzukommen. Der größte Schaden sei nicht materieller Art gewesen, sagt indes die Bürgermeisterin Michèle Kannengieser. „Die Angst, so etwas könne jederzeit wieder geschehen, wiegt für die Leute schwerer.“

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