Ola Källenius
Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG. | Foto: Andrej Sokolow/dpa/Archivbild

Ola Källenius

Schlechte Zahlen bei Daimler: Zetsche-Nachfolger steht unter Druck

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Es war kein leichter Auftritt, den Ola Källenius am Dienstagmittag in der Stuttgarter Carl Benz Arena zu absolvieren hatte. Seit Mai steht der schwedische Manager als Vorstandsvorsitzender der Daimler AG an der Spitze des baden-württembergischen Autokonzerns. Und die erste Jahresbilanz, die Källenius zu verantworten hat, sieht nicht gerade rosig aus. Der Gewinn sackte auf einen Drittel des Vorjahreswertes ab. Und auch 2018 war bereits ein eher schwaches Jahr.

Daimler steht von mehreren Seiten unter Druck. Das aktuelle Ergebnis drückten vor allem die Milliardenkosten wegen Rechtsangelegenheiten in der Dieselaffäre. Källenius sprach in diesem Fall von „Sondereffekten“. Der Konzern bestreitet, dass er in illegale Tricksereien bei der Abgasaufbereitung verwickelt sei. Hinzu kommen noch interne Kostenprobleme, die durch mehr Effizienz und Personalabbau behoben werden sollen.

Doch vor allem hat der Konzern, wie andere Autohersteller auch, mit den strengen Klimaschutzvorgaben der Europäischen Union (EU) zu kämpfen. Verlangt wird eine Reduktion des CO2-Ausstoß, die wohl nur durch einen erheblichen Anteil an Elektrofahrzeugen zu erreichen ist. Diesen Weg, daran wollte der Automanager keinen Zweifel lassen, wird Daimler unter seiner Führung deutlich entschiedener einschlagen als unter der seines Vorgängers Dieter Zetsche. „Electricity first“, gab der fließend Deutsch und Englisch (manchmal auch beides zugleich) sprechende Källenius als Losung aus. Daimler stehe vor einem radikalen Wandel. „Das Unternehmen wird in 20 Jahren nicht mehr das gleiche sein“, sagte der Vorstandschef.

Es klang wie eine Flucht nach vorne. Denn beim Blick auf die Zahlen zeigt sich das Dilemma, indem der traditionsreiche Premium-Hersteller aus Baden-Württemberg steckt. Der Absatz von Autos mit Benzin- oder Diesel-Motor ist nach vor gut. 2019 hat Mercedes-Benz Cars, also die Pkw-Sparte des Konzerns, knapp 2,4 Millionen Fahrzeuge verkauft und damit das Rekordniveau aus dem Vorjahr nochmal leicht übertroffen.

Wie groß die tatsächliche Nachfrage nach Elektrofahrzeugen künftig wird, kann jedoch noch niemand sagen. Dennoch muss Daimler nun erheblich in die Entwicklung dieser neuen Antriebtechniken investieren. Neben reinen Batterie-Autos hat Källenius auch neue Hybrid-Fahrzeuge und Lastwagen mit Brennstoffzellen im Blick.

Ein zweites Zukunftsthema, das die gesamte Autobranche vor große Herausforderungen stellt, ist die Digitalisierung. „Wir sind dabei, ein eigenes Betriebssystem für Mercedes Benz zu entwickeln“, sagte Källenius. Dieses System soll in allen Fahrzeugen eingesetzt werden können. „Wir wollen Software und Hardware voneinander trennen.“

Die hohe Priorität, die Daimler solchen Digitalprojekten gibt, machte der Vorstandsvorsitzende auch deutlich, als er über die bereits angekündigten Personaleinsparungen sprach. Konzernweit sollen 1,4 Milliarden Personalkosten reduziert werden. Dass dies einem Abbau von 15.000 Stellen entspricht, wie das „Handelsblatt“ am Montag berichtet hatte, wollte Källenius nicht bestätigen. Er widersprach dem Bericht allerdings auch nicht, als er danach gefragt wurde. „Wir gehen nicht mit dem Rasenmäher vor“, sagte er schließlich zum Thema Jobabbau. „Im Gebiet Software-Ingenieure und Programmierer werden wir wachsen.“

Martin Daum, der im Daimler-Vorstand für die Bus- und Lastwagen-Sparte zuständig ist, machte deutlich, dass bei technischen Innovationen Europa nicht immer die erste Adresse ist. Bei der Entwicklung autonom fahrender Lkw, also Lastwagen, die von Computern gesteuert werden, „fokussieren wir uns auf die USA“, sagte Daum. „Das ist ein großer Rechtsraum mit guter Infrastruktur und langen Strecken.“ Zu Testfahrten sei Daimler dort bereits unterwegs. Autonom fahrende Lkw könnten eine Antwort auf den Fahrermangel sein.

Mit welcher Antriebstechnik der Lkw der Zukunft unterwegs sein wird, ließ Daum offen. In Europa fordert die EU eine flottenweite Reduktion des CO2-Ausstoß von Lastwagen um 15 Prozent bis zum Jahr 2025 und 30 Prozent bis 2030. „Es ist heute schon klar, dass die 30-Prozent-Absenkung beim Diesel technisch nicht möglich ist“, sagte Daum. „Das schaffen wir nur, wenn wir den Elektro-Antrieb in einen erheblichen Teil unseres Portfolios bekommen.“ Aber da Diesel deutlich günstiger sei, wäre nun der Gesetzgeber gefragt, Anreize für Kunden zu schaffen.

Werke in der Region
Der Gewinn-Einbruch des Daimler-Konzerns betrifft auch die Mercedes-Benz-Werke in Gaggenau und Wörth. Thomas Twork, Standortverantwortlicher des Werk Gaggenau, verweist auf einen deutlichen Rückgang des Lastwagen-Absatzes im vergangenen Jahr. „Wichtige Märkte wie Europa und Nordamerika haben sich in der zweiten Jahreshälfte schneller abgeschwächt als erwartet“, sagt Twork. Insgesamt habe Daimler Trucks 2019 mit 488.500 Fahrzeugen rund sechs Prozent weniger Lkw verkauft als 2018. „Auch die Auslastung des Mercedes-Benz Werks Gaggenau lag bei Lkw-Komponenten unter der des Vorjahres.“ Da in Gaggenau auch Komponenten für Pkw produziert, habe die Auslastung des Werkes insgesamt „auf einem stabilen Niveau“ gelegen.
In der Lkw-Fabrik in Wörth war der Nachfrage-Rückgang hingegen stärker zu spüren. „Die Auslastung lag unter der des Vorjahres“, sagt der Standortverantwortliche Matthias Jurytko. „Umso wichtiger ist es für uns, dass wir mit den richtigen Produkten bei unseren Kunden punkten können. Etwa mit unserem neuen Actros, den wir seit Mitte des vergangenen Jahres in Wörth fertigen“, so Jurytko.
Im Mercedes-Benz Werk Rastatt wird die Jahresbilanz so kommentiert: „Neben dem erfolgreichen Anlauf der A-Klasse Limousine feierte unser Werk Rastatt auch Produktionsjubiläum mit dem fünfmillionsten Mercedes-Benz Kompaktfahrzeug“, sagt der Standortverantwortliche Thomas Geier. „2019 war jedes vierte verkaufte Fahrzeug von Mercedes-Benz ein Kompaktwagen.“ Der Produktionsstandort Rastatt habe damit zum Erfolg des Unternehmens beigetragen.