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Aktuelle Umfrage

Stress auf der Arbeit? Schuld ist oft der Chef

Zu viel Arbeit, zu niedriges Gehalt, lange Anfahrt zum Arbeitsplatz und nervige Kollegen sorgen in vielen Unternehmen für subjektiven Stress. Der größte Stressfaktor ist laut einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung Korn Ferry allerdings der Chef.

Zu viel Arbeit, zu niedriges Gehalt, lange Anfahrt zum Arbeitsplatz und nervige Kollegen sorgen in vielen Unternehmen für subjektiven Stress. Foto: N/A
Von unserem Mitarbeiter Ekart Kinkel

Rund 35 Prozent der knapp 2.000 Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage werden nach eigenen Angaben durch ihre direkten Vorgesetzten mittelbar oder unmittelbar unter Stress gesetzt. Zu viel Arbeit empfinden dagegen nur zwölf Prozent der Umfrageteilnehmer als stressig.

„Offenbar haben die unmittelbaren Vorgesetzten den größten Einfluss auf die Gefühlswelt während der Arbeitszeit. Und diese wechseln in heutiger Zeit immer häufiger“, sagt Korn Ferry-Fachberater Carsten Schäfer. Mit der Studie zum „Stressfaktor Chef“ hat Korn Ferry Anfang des Jahres für ein großes Medienecho gesorgt. Seither stellt sich die Frage, ob Vorgesetzte ihre Mitarbeiter tatsächlich permanent unter Stress setzen.

Chefs sorgen für Stress

„Aus meiner Erfahrung kann ich die Frage nicht uneingeschränkt mit ja beantworten“, sagt Psychologin Rosanna Brand vom Arbeitsmedizin-Dienstleister ias AG. Seit eineinhalb Jahren beschäftigt sich die Systemische Beraterin im ias-Büro in Neustadt an der Weinstraße mit den verschiedenen Stressfaktoren. In dieser Zeit hat Brand auch Vorschläge zum Abbau der psychischen Belastungen für die Beschäftigten erarbeitet.

„Natürlich können Führungskräfte für Stress in der Belegschaft sorgen“, sagt Brand. Allerdings komme es immer auch darauf an, wie die Führungskräfte mit sich selbst umgingen und ob sie die eigenen hohen Ansprüche ungefiltert auf das ganze Unternehmen übertragen würden. Für Brand sind Transparenz und gegenseitige Wertschätzung die Schlüssel zu einem einigermaßen entspannten Arbeitsumfeld. „Führungskräfte und Beschäftigte sollten in beiden Richtungen klar kommunizieren, wie sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen. Dann gibt es auch weniger Stress“, betont Brand.

Immer erreichbar, immer gestresst?

Den größten Stressfaktor in den meisten Betrieben stellt nach Einschätzung der Arbeitspsychologin derzeit ohnehin die permanente Erreichbarkeit dar. „Auch hier braucht es klare Absprachen“, so Brand. Wenn ein Chef auch in den Abendstunden und an den Wochenenden dienstliche Mails verschickt, sei das prinzipiell in Ordnung. Aber dann müsste auch klar kommuniziert werden, dass Mitarbeiter solche Nachrichten erst am nächsten Arbeitsmorgen lesen und gegebenenfalls beantworten sollen. „Natürlich gibt es in jedem Unternehmen auch Phasen, in denen die Leute mehr als acht Stunden arbeiten müssen“, so Brand. Aber nach dem Abschluss solcher Projekte sollten die Mitarbeiter wieder in einen normalen Rhythmus mit festen Arbeitszeiten, Feierabend und Wochenende zurückfinden.

Rückmeldung und Lob ist wichtig

Für Stressvermeidung in Unternehmen kann nach Brands Einschätzung auch eine funktionierende Feedback-Kultur sorgen. „Wenn die Leute regelmäßig Rückmeldung über ihre Arbeit und ab und zu auch ein Lob erhalten, ist das ein wichtiger Beitrag zur Mitarbeiterzufriedenheit“, so Brand. Vor allem jüngere Leute aus der mit sozialen Medien groß gewordenen „Generation like“ würden großen Wert auf regelmäßiges Feedback legen.

Allerdings müssten solche Prozesse in den meisten Unternehmen nach dem Top-Down-Prinzip, also von oben nach unten, implementiert werden. „Wenn bereits Führungskräfte aus dem Mittelbau eines Unternehmens von ihren direkten Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden, geben sie diesen Druck oft nach unten weiter“, so Brand. Ob der Stress in der Wirtschaft in den vergangenen Jahren durch moderne Medien und einer Fülle an neuen Aufgaben zugenommen habe, könne sie allerdings nicht sagen. „Es wird aber auf jeden Fall mehr über Stress gesprochen“, so Brand. Erwiesenermaßen sei die Überforderung durch Multitasking auch ein Auslöser für psychische Erkrankungen. Außerdem habe die Zufriedenheit der Mitarbeiter durch weniger Krankheitstage und eine längere Verweildauer einen direkten Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. „Allerdings trauen sich viele Mitarbeiter nicht, die Probleme in ihrem Arbeitsumfeld offen anzusprechen“, sagt Brand. Deshalb müssten sich die Unternehmen selbst um eine verbesserte Kommunikationskultur zum Abbau von Arbeitsstress bemühen.

Wie läuft es in der Region?

Wie die großen Unternehmen in der Region mit dem Thema Stress umgehen, bleibt teilweise offen. Der Betriebsrat des Daimler-Werks in Wörth beantwortete eine entsprechende Anfrage der BNN trotz mehrmaligen Nachhakens nicht und auch SEW in Bruchsal will sich zu diesem Thema nicht öffentlich äußern. Offener reagiert die SAP AG.

Bei der Softwareschmiede mit Geschäftssitz in Walldorf sei zum Kampf gegen die „always on“-Kultur ein großes Unternehmensprogramm für mehr Achtsamkeit und Wohlbefinden ausgerollt worden, lässt Personalchef Cawa Younosi mitteilen. „Dafür haben wir das Thema auch ganz bewusst aus dem Bio-Regal geholt, denn die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang miteinander geht schließlich alle etwas an“, so Younosi weiter. Für die Umsetzung der Maßnahmen werden Mitarbeiter von SAP ebenso wie die Führungskräfte in speziellen Kursen geschult. Außerdem werden SAPler bei Personalgesprächen nicht mehr nach dem Schulnotenprinzip beurteilt. Stattdessen werde bei Mitarbeitergesprächen regelmäßig nach der Work-Life-Balance gefragt. „Das Thema ist auch deshalb wichtig, weil sich ein Unternehmen durch solche Maßnahmen beim Werben um die besten Köpfe positiv von den Mitbewerbern abheben kann“, sagt Björn Emde von der Unternehmenskommunikation. Die Erreichbarkeit nach Büroschluss müsse bei SAP im Rahmen der sogenannten Vertrauensarbeitszeit allerdings jeder Mitarbeiter mit sich und seinen Kollegen selbst regeln.

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