Material aus dem Meer: Spezialisierte Taucher bergen für das Hamburger Unternehmen Bracenet wöchentlich Geisternetze aus dem Wasser, zum Umweltschutz und für die Produktion ihrer Waren.
Material aus dem Meer: Spezialisierte Taucher bergen für das Hamburger Unternehmen Bracenet wöchentlich Geisternetze aus dem Wasser, zum Umweltschutz und für die Produktion ihrer Waren. | Foto: privat

Nachhaltigkeit aus dem Meer

Tauchgang mit Unternehmergeist

Der Traum von der Weltreise muss warten. Denn ihr Erspartes haben Madeleine von Hohenthal und Benjamin Wenke in die Meere gesteckt – genauer gesagt, in deren Rettung. Zeit für einen ausgedehnten Urlaub hätten die Zwei sowieso nicht mehr. Denn ihr Nachhaltigkeitsprojekt „Bracenet – Save the seas. Wear a net“ ist inzwischen zu einem lukrativen Unternehmen geworden.

Projekt für den Seelenfrieden

In Zusammenarbeit mit drei Partnerorganisationen ziehen sie Geisternetze, die beim Fischen abreißen oder absichtlich entsorgt werden, aus dem Meer, verwandeln sie in Schmuckstücke und beraten Konzerne zum Thema Nachhaltigkeit. „Anfangs war das Projekt für den eigenen Seelenfrieden gedacht“, erinnert sich Mitgründer Benjamin Wenke. Doch das Hobby wurde schnell zu zeitaufwendig.

Geisternetze werden zum Beruf

„Wir mussten uns fragen, ob wir das Risiko eingehen und unsere sicheren gut bezahlten Jobs kündigen wollen.“ Der 33-Jährige war in Hamburg im Marketing tätig, seine Partnerin in einer Werbeagentur. Mittlerweile haben sie ihre Festanstellungen gekündigt und eine Mitarbeiterin eingestellt. Dass sich das Vorhaben zu einem Unternehmen entwickeln würde, damit hätten sie nicht gerechnet, erzählt Madeleine von Hohenthal.

Dagegen müssen wir etwas tun.

Die Idee zu Bracenet hatten die Jungunternehmer auf einer Reise durch Afrika. „Beim Tauchen haben wir unter Wasser die Netze entdeckt“, sagt die 30-Jährige. Laut Angaben des Unternehmens gelangen jährlich bis zu 640 000 Tonnen davon in die Weltmeere, weil sie an Korallen und Riffen hängenbleiben oder Fischer sie im Wasser entsorgen. Für Tieren werden die Netze zu tödlichen Fallen. Kurzerhand beschließen von Hohenthal und Wenke: „Dagegen müssen und wollen wir etwas tun.“ Zurück in Hamburg gründen sie im September 2016 das Unternehmen Bracenet.

Jungunternehmer beraten Konzerne

Die recycelten Geisternetze finden nicht nur bei den Endkunden zahlreiche Abnehmer. „Unternehmen laden uns ein, Vorträge über das Problem zu halten“, sagt Wenke. Große Firmen wie Otto oder T-Mobile lassen sich von dem Duo zum Thema Nachhaltigkeit beraten. Auch in den Bordshops von Condor und der Lufthansa sind ihre Produkte inzwischen vertreten. Die Nachfrage wachse stetig.

Den Umsatz könnten die Bracenet-Gründer für das Jahr 2017 noch nicht genau beziffern, der Abschluss stehe aus. Zehn Prozent ihres Umsatzes spende das Unternehmen an ihre Partnerorganisationen. Zuletzt sei das im November eine Zwischensumme von rund 7 000 Euro gewesen, die an die Meeresschutzorganisation Healthy Seas ausgezahlt wurde. Die nächste Spende, schätzen die Wahlhamburger, wird etwa doppelt so hoch ausfallen. „Langsam bewegt sich etwas, die Spenden werden höher. Man merkt, wofür man das alles macht.“

Nicht nur eine nette Idee.

Längst entstehen bei Bracenet nicht mehr nur wie zu Beginn Armbänder – das erste fertigten sie damals noch in Afrika. Etwa Pullover, Taschen und Schlüsselanhänger kamen dazu. „Es sollte nicht nur eine nette Idee sein, sondern etwas bewegen“, erklärt von Hohenthal.

Drei Partner für das Produkt

Wenige Monate nach ihrer Rückkehr stand die Zusammenarbeit mit Healthy Seas, die sich um die Koordination der Bergung kümmert, und der Non-Profit-Organisation Ghost Fishing, ein Team speziell ausgebildeter Taucher. 150 Experten springen mittlerweile wöchentlich im Auftrag von Bracenet in über zwölf Ländern in die Meere, darunter zum Beispiel in Italien, Neuseeland, Norwegen, Libanon und Großbritannien.

„Mittlerweile melden sich Fischer auch von selbst bei uns, die ihre Netze loswerden wollen“, sagt Wenke. Partner Nummer drei, die Firma Nofir, reinigt die Fundstücke anschließend und bereitet sie zur Wiederverwertung auf.

Sozial und nachhaltig

„Inzwischen werden unsere Armbänder in zwei großen Behindertenwerkstätten gefertigt, dem Lebenshilfewerk Neumünster und der Werkstatt für behinderte Menschen in Duisburg“, sagt Wenke. 30 bis 50 Personen zerlegen und sortieren die Netze, bis hin zum fertigen Produkt. „Aus denen, die wir nicht gebrauchen können, entsteht Nylongarn“, ergänzt von Hohenthal. Farbe und Größe des Materials sind dabei immer eine Überraschung: „Wir wissen nie, was für ein Netz dieses Mal aus dem Meer geborgen wird.“