Wie ein gewöhnlicher Schraubverschluss sieht der OilFox von LIV-T aus. Die Technik wird auf Öltanks angebracht. | Foto: pr

Start-up LIV-T will wachsen

Vom Öltank bis ins Klassenzimmer

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Viele Konzerne leisten sich inzwischen eine eigene Start-up-Schmiede. Eigene Mitarbeiter werden freigestellt, um erfolgversprechende Projekte voranzutreiben. Oder junge Unternehmen docken beim Konzern an, um das dortige Know-how und die Infrastruktur zu nutzen. Auch der Karlsruher Energiekonzern EnBW hat einen Start-up-Campus eingerichtet. Im Rheinhafen sollen junge Firmen mit Ideen für die eigene Branche oder Innovationen heranreifen.

Dazu zählt etwa die smarte Straßenlampe Sm!ght. Sie schaffte es mit ihrer vielfältigen Einsatzfähigkeit schon häufiger in die Schlagzeilen. Fast unbemerkt ist hingegen LIV-T aus dem Campus herausgewachsen. Die Firma entwickelt zwar technische Geräte für den Energiesektor, verspricht ihren Kunden jedoch in erster Linie eines: mehr Zeit.

Zeit als Verkaufsargument

„LIV-T ist die Antwort auf ein Leben, in dem uns Technologien immer häufiger Zeit stehlen – anstatt uns Zeit zu schenken“, lautet eine Werbebotschaft, die gleich beim Öffnen der Internet-Seite von LIV-T auftaucht. Produkte sind zunächst nicht zu sehen. Die stehen für die Kunden laut Firmenchef Til Landwehrmann aber auch nicht im Mittelpunkt. Es gehe in erster Linie darum, welchen Nutzen sie vom Einsatz der Geräte haben. „Eben Zeitersparnis“, sagt Landwehrmann.

Er wirkt nicht wie der nächste junge Manager, der die nächste super App für das Smartphone an den Mann bringen will. Landwehrmann möchte auch Mikrowellen nicht das Sprechen beibringen oder einen smarten Wasserkocher vermarkten. Er richtet sich an Firmenkunden. Beispielsweise mit OilFox, einem intelligenten Füllstandsmesser für Öltanks. Das Gerät soll dem Lieferanten Verbrauchprognosen liefern und somit
das Nachbestellen vereinfachen. Oder Raumgold, eine selbstlernende Wärmesteuerung. Sie könne etwa in Schulen eingesetzt werden und den Hausmeistern die Arbeit erleichtern – ihnen eben vor allem mehr Zeit verschaffen.

Geräte sollen Nähe zum Kunden schaffen

Die Geräte „schaffen Nähe zum Kunden“, sagt Landwehrmann. „Dadurch lassen sich ihre Ansprüche schnell umsetzen und schnell Verbesserungen erzielen.“ Obwohl der Einsatz auch in Privathaushalten denkbar wäre, sei das nicht das Ziel von LIV-T. „Es spricht zwar jeder über das Internet der Dinge oder Smart Home, aber keiner verdient Geld damit“, so Landwehrmann. Unternehmenskunden hätten jedoch spezifische Anforderungen. Etwa präzise Prognosen zum Füllstand beim Öl, schnelles Nachbestellen oder auch eine rund um die Uhr Verfügbarkeit des Angebots. Für sie ist Zeit Geld, also seien sie auch bereit, in Dinge zu investieren, die ihnen einen zeitlichen Vorteil bringen.

Landwehrmann macht keinen Hehl daraus, dass es für ein Unternehmen letztlich ums Geldverdienen geht. „Wir müssen sehen, wo Skalierung möglich ist.“ Bloß in Wachstum zu investieren, könne nicht das Ziel sein. Gleichwohl werden für die Expansion noch Investoren gesucht. OilFox soll in diesem Jahr noch auf den Märkten in Großbritannien und Irland etabliert werden. Für Raumgold sei man mit vielen Kommunen im Gespräch. Der Vertrieb läuft größtenteils über die Firmen-Mutter EnBW.

EnBW hält 72 Prozent der Anteile

Die Karlsruher halten 72 Prozent an LIV-T, das 2017 aus dem Karlsruher Innovationscampus aus gegründet wurde und inzwischen seine Firmenzentrale in München hat. Nach Bayern zog es das Start-up, weil sich dort mit der Firma Mantro ein Partner gefunden habe, der die Produkte und deren technische Entwicklung vorantrieb. Wachstums-Vorgaben aus Karlsruhe bekommt Landwehrmann, der keine Geschäftszahlen nennt, laut eigenen Angaben nicht. „Natürlich hat auch die EnBW die Erwartung, dass unser Geschäft skaliert.“ Zeitlich würden in dieser Hinsicht aber keine Vorschriften gemacht.

Zumal auch LIV-T mit den üblichen Anfangsschwierigkeiten kämpft. In München tummeln sich zwar viele Fachkräfte, allerdings buhlen um sie auch viele Konkurrenten. Bei Kinderkrankheiten der Produkte könne LIV-T zudem nicht so schnell reagieren wie etablierte Größen im Markt. Das erlaube schon allein die Struktur mit bislang 27 Mitarbeitern nicht. „Da gibt es dann schon auch mal einen bösen Anruf aus einem Gymnasium“, sagt Landwehrmann.

Es sind Probleme, die es zu meistern gilt. Gelingt dies, verspreche das Geschäftsfeld jedoch viel Potenzial. „Allein in Deutschland gibt es 5,5 Millionen Öltanks, vier Millionen davon können wir adressieren“, rechnet der Firmenchef vor. Raumgold biete ebenfalls große Optionen, etwa dass Stadtwerke oder kirchliche Träger das System vertreiben. „Wir haben bewiesen, dass unsere Produkte vermarktbar sind“, sagt Landwehrmann.