Erfolg im Doppelpack: Die Stuttgarterinnen Lisa (links) und Lena haben sich mit ihren Videos auf Musical.ly ein lukratives Geschäft aufgebaut.
Erfolg im Doppelpack: Die Stuttgarterinnen Lisa (links) und Lena haben sich mit ihren Videos auf Musical.ly ein lukratives Geschäft aufgebaut. | Foto: dpa

Karaoke in Sozialen Medien

Millionen-Geschäft mit 15 Sekunden Ruhm

Was früher heimlich im Kinderzimmer passierte, präsentieren Jugendliche heute öffentlichkeitswirksam im Internet. Grob umschrieben: Karaoke. Zahlreiche musikbegeisterte Teenager präsentieren sich auf Musical.ly, nutzen die App als soziales Netzwerk wie Facebook oder Instagram. Neben vielversprechenden Nutzerzahlen generiert das Unternehmen am Smartphone vor allem die Idole der jüngsten Generation.

Talentshow auf dem Smartphone

Musical.ly ist eine Plattform, die es den Musern – so heißen die Nutzer der App – ermöglicht, etwa 15 Sekunden lange Videos hochzuladen und auf anderen Kanälen weiterzuverbreiten. Zunächst wird ein Lied ausgewählt, worauf die Muser dann synchron ihre Lippen bewegen und sich vor der Handykamera in Szene setzen. „Inzwischen handelt es sich um eine Art digitale Supertalent-Show, die weitaus mehr als nur Lip-Sync-Videos zu bieten hat“, betont eine Sprecherin von Musical.ly – von Comedy über Fußball bis hin zu kleinen Kochshows.

Zehn Millionen deutsche Muser

„Weltweit nutzen mehr als 240 Millionen Menschen Musical.ly, allein in Deutschland sind es über zehn Millionen“, teilt die Unternehmenssprecherin mit. Gegründet wurde das Start-up von den Chinesen Louis Yang und Alex Zhu. „Als Zhu in Kalifornien mit dem Zug unterwegs war, inspirierte ihn eine Gruppe Jugendlicher zu der Idee, Kurzvideos, musikalische Untermalung und soziales Netzwerk miteinander zu kombinieren“, berichtet sie. Die Hälfte von ihnen habe Musik gehört, während die andere Hälfte Selfies schoss.

Musical.ly wechselt den Besitzer

Im Oktober 2014 war das Unternehmen Musical.ly mit Sitz in Los Angeles schließlich auf dem Markt. Im Sommer 2015 schnellte die App weltweit an die Spitze der App-Store-Charts. 2017 wurde sie vom chinesischen Medienunternehmen Beijing Bytedance Technology gekauft – laut Medienberichten für eine Summe zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Dollar. Zu Umsatz und Gewinn von Musical.ly machte die Unternehmenssprecherin keine Angaben.

Gründer tritt eine Mode los.

„Die Profitabilität von Youtube und Google lockt neue Jäger“, erklärt Gerd Nollmann, Professor für Soziologie am Karlsruher Institut für Technik, das Geschäft mit Social Media. „Wer vorausdenkt, wie der Musical.ly-Gründer Yang, der sieht, dass er eine neue Mode lostreten kann.“ Die App sei eine moderne Form, ein Spiel zu spielen – definiert durch die Möglichkeit der Technologien. Dass der Musical.ly-Hype auch auf Erwachsene überspringt, das würde der Soziologe nicht ausschließen. „Als nächstes drehen die dann Karaoke-Videos.“

Gefahr von Missbrauch

Doch die Plattform geriet im April in die Kritik: Für Klicks und Follower zeigen einige junge Mädchen in ihren Beiträgen Haut – zu viel, wenn es nach Verbraucherschützern geht. Sie warnten vor Missbrauch und sexueller Nötigung. Auf Seiten des Unternehmens fehle es an Schutzmaßnahmen, hieß es damals. Erlaubt ist die Nutzung der App ab einem Alter von 13 Jahren, kontrolliert wird das bei der Anmeldung jedoch nicht.

Musical.ly sprach von einem „komplexen Problem“ und kündigte an, die Schutzmaßnahmen auszubauen. Auf Nachfrage der BNN, was sich dahingehend seit den Vorwürfen geändert hätte, reagierte das Unternehmen allerdings nicht. Auf der Website gibt es lediglich einen Hinweis für Eltern, die Nutzung „nicht zu erlauben, wenn Kinder jünger sind“. Zudem wird geraten, die Sichtbarkeit des Profils zu beschränken.

Region singt Karaoke

Die App hat sich dennoch weltweit etabliert – und in der Region. Sucht man auf Musical.ly nach dem Hashtag „Karlsruhe“, finden sich rund 2 580 Beiträge, unter „Pforzheim“ sind es 460. Gibt man hingegen das Schlagwort „Stuttgart“ ein, tauchen circa 31 500 sogenannte „musical.lys“ auf. Kein Wunder, denn die weltweit erfolgreichsten Muserinnen stammen aus Baden-Württemberg: die 15-jährigen Zwillinge Lisa und Lena.

Die Stuttgarterinnen haben rund 28 Millionen Fans und aus ihren Auftritten vor der Handykamera einen gut bezahlten Beruf gemacht. Zur Schule gehen sie nicht mehr, dafür heimsen sie Werbeverträge und „Influencer Awards“ ein. Weit abgelegen sind da Platz zwei und drei im deutschlandweiten Ranking: Lukas Rieger mit etwa 3,18 Millionen Fans und Tina Neumann mit rund 1,75 Millionen.

App weckt Fantasien.

Damit Jugendliche ihren Idolen nacheifern können, veröffentlicht das Unternehmen online sogar ein „Creator Playback“ – eine Anleitung für erfolgreiche Profile. „Die App weckt Fantasien, etwas werden zu können“, erläutert Gerd Nollmann die Ambitionen der meist 13- bis 20-Jährigen. Das Format sei maßgeschneidert für Nutzer in dieser Lebensphase. „Gerade unsichere Menschen können dort nach Bestätigung suchen, die sie von den Eltern oder in der Schule nicht bekommen.“