DIE INNENSTÄDTE EROBERN will unter anderem die Bruchsaler Firma Volocopter mit ihren Flugtaxis. Das gestaltet sich laut Expertenmeinung aber vor allem in Europa schwer. Foto: Volocopter.com/Volocopter GmbH/obs

Startschuss wohl in Asien

Wohl kein schneller Durchbruch bei Flugtaxen

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Eine konkrete Zahl will Michael Decker nicht nennen. Der Leiter des Projekts „myCopter“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) kann auch nicht genau sagen, wann Flugtaxis hierzulande im Regelverkehr unterwegs sein werden. „Die Wann-Frage ist sehr schwer zu beantworten“, sagt der Professor vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS).

 

Während die Politik, zig Unternehmen und vor allem Investoren große Hoffnungen in das Flugtaxi als wichtiges Verkehrsmittel der Zukunft setzen, zweifeln Experten daran, dass diese Zukunft schon bald beginnt.

In Europa passen die Voraussetzungen noch nicht

Die Voraussetzungen für den Einsatz der mit Elektromotor und Rotoren betriebenen Flugobjekte stimmen bislang noch nicht – zumindest in Europa. Zu diesem Schluss kommt beispielsweise auch eine Studie, die Decker und seine Kollegen im Zuge des Projekts „myCopter“ erstellt haben. „In europäischen Städten fehlt es an Landeplätzen“, beschreibt der Wissenschaftler das Kernproblem.

Manfred Hajek, Professor für Hubschraubertechnologie an der Technischen Universität (TU) München, sagte bei einer Diskussionsrunde in Berlin: „Es wird kommen“, schob allerdings ergänzend hinterher, dass Flugtaxis nicht schon in fünf Jahren im Regelbetrieb durch die Luft sausen werden. „Also ich würde mich nicht reinsetzen in fünf Jahren“, so Huber.

Einsatz am Frankfurter Flughafen?

Die etwas flapsige Formulierung bringt ein weiteres Problem der Lufttaxis ans Licht. „Sie fallen eben runter und rollen im Gegensatz zum Auto nicht aus“, sagt Decker im Gespräch mit den BNN. Weil die Folgen eines Unfalls – zumindest theoretisch – größer als bei Autos wären, sei die private Nutzung problematisch. Von daher kommt laut Decker eigentlich zunächst nur ein Einsatz als Taxi oder Shuttle in Frage.

Das Bruchsaler Unternehmen Volocopter arbeitet genau daran. Derzeit wird gemeinsam mit Fraport geprüft, wie und ob Lufttaxis als Zubringer für den Frankfurter Flughafen dienen können. Wann daraus tatsächlich ein Geschäft werden könnte? Diese Frage ließ Volocopter auch nach mehrmaliger BNN-Anfrage unbeantwortet.

Studie: Von Pforzheim nach Stuttart in elf Minuten

Porsche Consulting hat in Sachen Zubringer-Dienste eine durchaus verheißungsvolle Studie vorgelegt. Demnach soll es schon 2025 möglich sein, mit dem Flugtaxi zum Flughafen Stuttgart zu reisen. Das Landeplatz-Problem sieht die Beratungsagentur nicht. Die Geräte benötigen nur kleine Flächen, „kaum größer als ein Autoparkplatz“, heißt es in der Machbarkeitsanalyse.

Sogar Preise werden in der Studie „The Future of Vertical Mobility“ genannt. Von Pforzheim aus soll es beispielsweise mit dem Lufttaxi in elf Minuten für 111 Euro zum Airport Stuttgart gehen. Kein ganz günstiges Vergnügen verglichen mit der Bahn als Zubringer – allerdings erheblich schneller.

Geringe Personenkapazität

Billiger würde es vermutlich, wenn mehr Passagiere in ein Lufttaxi passen. Das verkompliziert laut Decker allerdings auch die Technik. Mehr oder größere Batterien müssten an Bord. Zudem wachsen die Maschinen als Ganzes, was letztlich wieder den Einsatz in Städten erschwert. „Die Technik ist weniger das Problem, sondern die Infrastruktur“, sagt Decker. Überall starten und landen sei in den dicht besiedelten Städten Europas quasi unmöglich. Gibt es nur einen festen Ausgangspunkt, könne man laut Decker nicht mehr von einem Taxi sprechen. „Dann ist es eher eine Art Seilbahn ohne Seil.“

Auch ein solches System hätte seinen Charme, die Vorteile gegenüber der Bahn wären aber nicht mehr so groß. Reisende müssten immer noch den Zwischenschritt zu einer Art Bahnhof machen – oder eben der Station für die Seilbahn ohne Seil – und könnten nicht direkt vor der eigenen Haustür starten.

Andere Situation im arabischen Raum

Anders als in Europa verhält sich die Situation allerdings im arabischen Raum. Decker führt das Beispiel Dubai an. „Dort sind Freiräume im Stadtbild vorhanden.“ Die Besiedelung sei eben nicht so dicht wie in europäischen Metropolen. In Dubai war auch der Volocopter schon im Einsatz. Zudem setzen die Hersteller große wirtschaftliche Hoffnungen in den asiatischen Raum.

Dort dürfte der Einsatz im öffentlichen Verkehr auch zunächst beginnen, nicht in Europa oder gar in Deutschland. Dass es dann wohl zunächst nur in kleinen Schritten vorangeht, zeigt auch die Marktanalyse von Porsche Consulting. Bis zum Jahr 2035 verspreche der Passagiermarkt weltweit zwar ein Volumen von 32 Milliarden Euro. Allerdings rechnen die Berater bis dahin nur mit 23 000 Lufttaxis im Regelbetrieb. Zum Vergleich: Allein in Berlin sind mehr als 8 000 normale Taxis konzessioniert.

Mit Pilot nicht wirtschaftlich

Wichtig für die Etablierung ist laut Decker auch der autonome Betrieb. Mit Pilot an Bord seien Lufttaxis nicht wirtschaftlich. Deshalb arbeiten Firmen wie Volocopter auch vor allem am autonomen Fliegen. Die Luft bietet in dieser Hinsicht viele Vorteile gegenüber dem Verkehr auf der Straße. „Es gibt dort keine Fahrradfahrer, auf die man aufpassen muss, oder Hunde, die plötzlich auf die Straße laufen“, erklärt Decker. Vögel seien auch kein erhebliches Problem. Autonomes Fliegen kommt also womöglich viel schneller als autonomes Fahren. Nur wann es genau losgeht, bleibt weiter offen.