Professor Holger Hanselka, Präsident des KIT, sieht die Forschungs- und Lehranstalt eng verwoben mit der Stadt und der Region. | Foto: Andrea Fabry

Interview mit KIT-Präsident

Arbeit gegen das Postfaktische am Tag der offenen Tür

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Der Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) öffnet seine Pforten für das große Publikum. Zum Tag der offenen Tür am 24. Juni zeigen die zahlreichen Institute, wie sie durch ihre Arbeit an einer der größten Forschungseinrichtungen Europas die Wissenschaft nach vorne bringen und neue Erkenntnisse fördern. Im Gespräch erklärt Präsident Professor Holger Hanselka, unter anderem, warum dieser Tag so wichtig ist.

Mit dem Tag der offenen Tür zeigt das KIT sein Leistungsspektrum in Forschung, Lehre und Innovation am Campus Nord. Welche Motivation steht denn hinter der organisatorisch anspruchsvollen Veranstaltung?

Der Tag der offenen Tür am Campus Nord ist tatsächlich mit enormem logistischen Aufwand verbunden, nichtsdestotrotz gilt: Wir machen es gerne und mit Begeisterung. Das hat zum einen damit zu tun, dass wir ein sehr großer Arbeitgeber in der Region sind, mit den entsprechenden Vernetzungen. Viele Menschen von hier arbeiten auf dem Campus Nord. Die Verwandten, die Bekannten und Freunde, können nun einmal schauen, was machen Vater oder Mutter, Freund oder Bekannter? Diese Gelegenheit nutzen die Bürgerinnen und Bürger gerne und wir freuen uns über das große Interesse. Gerade jetzt, in einer Phase der Fake-News und des Postfaktischen, hat Wissenschaft einen ganz besonderen Wert. Am Tag der offenen Tür machen wir Forschung greifbar und erkundbar. Wir zeigen die Prinzipien, nach denen geforscht wird und mittels derer man zu nachvollziehbaren Ergebnissen gelangt. Am KIT setzen wir auf eine forschungsorientierte Lehre und wir wollen die Faszination für die Wissenschaft wecken. Gerade auch für Kinder und Schüler der Region ist dieser Tag ein Highlight.

Am 24. Juni zeigt das KIT am Campus Nord am Tag der offenen Tür, was sich alles hinter der Pforte des riesigen Geländes befinden. | Foto: KIT

Ein weiterer Grund für unsere Tage der offenen Tür ist die Verbundenheit mit Stadt und Region, auf die das KIT stolz ist. Das reicht zurück bis Johann Gottfried Tulla, bis Friedrich Weinbrenner, die ihre Ingenieurs- und Architekturschulen hier gegründet haben und deren Spuren man auch heute noch in der Fächerstadt und ihrer Umgebung erkennt. Schauen wir in die nähere Vergangenheit, sind es beispielsweise Heinrich Hertz, Entdecker der elektromagnetischen Wellen, oder Otto Lehmann, auf dessen Forschung die Entwicklung des Flüssigkeitsdisplays zurückgeht. All das ist unsere Geschichte, all das hat eine unmittelbare Verbindung zum KIT als Forschungs- und Bildungseinrichtung. So ist in diesem Jahr unser Tag der offenen Tür gleichzeitig Auftakt für das Wissenschaftsfestival der Stadt, das wir gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup eröffnen.

Über sieben Jahre nach der Fusion von Universität und Forschungszentrum hat das KIT seinen Ruf als ausgezeichnete Forschungsanstalt und renommierte Bildungseinrichtung gefestigt, wie sehr spielen Positionen in Rankings da auch eine Rolle?

Wenn wir über Rankings sprechen, müssen wir die unterschiedlichen Kriterien betrachten, nach denen diese erstellt werden. Das ist für sich genommen schon eine Wissenschaft. Naturgemäß werden Volluniversitäten mit ihren Fakultäten für beispielsweise Recht oder Medizin besser abschneiden als Technische Universitäten, denen solche Institute fehlen und die Publikationszahlen in entsprechender Quantität nicht vorweisen können. In Ranglisten technischer Universitäten – das ist unser Maßstab – schneidet das KIT sehr gut ab.

Bei Betrachtung internationaler Rankings sollte aber auch immer eines im Hinterkopf bleiben: Das deutsche Wissenschaftssystem ist ein recht spezielles. Die Unterscheidung zwischen Forschungseinrichtungen des Bundes und den Universitäten der Länder hat deutlichen Einfluss auf die Rankingergebnisse deutscher Einrichtungen, denn in den internationalen Ranglisten wird lediglich der Output unserer föderalen Universitäten betrachtet, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Max-Planck-Gesellschaft finden keinen Niederschlag. Das bedeutet, dass nur etwa die Hälfte des in Deutschland ausgegebenen wissenschaftlichen Budgets Auswirkungen auf diese Ranglisten hat. Nur wer sich dessen bewusst ist, kann nachvollziehen, warum Deutschland als viertstärkste Industrienation der Erde in Wissenschaftsrankings nur unter „ferner liefen“ zu finden ist.

Sie sagten, das KIT spiele bei der Rangliste der technischen Universitäten ganz vorne mit. Was sind die Erfolgsfaktoren des KIT?

Ein Beispiel: Wir verfügen am KIT über die ideale Verknüpfung von Themenfeldern. Damit haben wir die Werkzeuge, um bei den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den großen Zukunftsfragen Energie, Mobilität und Information zu leisten. So ist die Energiewende ohne eine intelligente IT undenkbar, denn künftig werden Stromerzeuger, Speicher und Verbraucher vernetzt sein. Zudem kommt es zu einem Wandel in der Rollenverteilung bei der Energieversorgung und wir werden künftig mehr dezentrale Erzeuger haben als heute. Das gleiche gilt für die Mobilität, die nicht mehr unabhängig vom Energienetz zu denken ist. Die Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen lassen sich nicht allein aus einer wissenschaftlichen Disziplin heraus generieren – sie liegen vielmehr an den gemeinsamen Schnittstellen. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten auf einer breiten Basis der Disziplinen in den Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung. Genau das ist unsere Stärke. Ein weiterer Vorteil ist unsere Marktorientierung. Mit einer Gründerförderung erreichen wir, dass Forschung rasch in marktfähige Produkte mündet. Nur so nutzen wir der Gesellschaft optimal in ihrem Wandel hin zur Digitalisierung. Wir fördern übrigens auch Studierende beim Ausgründen, denn die Lehre ist bei uns ganz stark mit der Forschung und Innovation verzahnt.

Das KIT ist auch marktorientiert. Die Hilfestellungen für Gründer haben schon zahlreiche Unternehmen den Weg auf den freien Markt geebnet. | Foto: KIT

Anlässlich des fünften Geburtstags des KIT sagten Sie vor drei Jahren, die Fusion sei noch nicht gänzlich abgeschlossen. Wie ist denn der aktuelle Stand?

Man muss dies aus zweierlei Perspektiven beantworten. Auf der einen Seite haben wir im Forschungsbereich große Fortschritte erzielt. Wir sind zwischen Campus Nord und Campus Süd stark vernetzt und haben gemeinsame Themen gefunden, die sich ergänzen. Ein gutes Beispiel für das Zusammenwachsen ist die Bewerbung in der Exzellenzstrategie, die wir mit Ressourcen von Forscherinnen und Forscher beider Teile des KIT tragen.

Unser großes Handicap aber ist, dass wir im administrativen Bereich immer noch mit zwei unterschiedlichen Finanzierungstöpfen arbeiten müssen. Ein Teil des KIT finanziert sich aus dem Bundeshaushalt, der andere Teil aus dem Landeshaushalt, je nachdem ob es sich um eine Bundes- oder Landesaufgabe handelt. Das führt zu zwei unterschiedlichen Berichtswegen in der internen Administration. Unsere Forscher arbeiten also mit beiden Finanzierungen, müssen sich aber beim Nachweis genau überlegen, ob Landes- oder Bundesmitteln verwendet worden sind. Diese Rahmenbedingungen zu ändern, ist Aufgabe der Politik. Zwar wurde der entsprechende Paragraf 91 b im Grundgesetz, der Förderungen durch Bundes- oder Landesmitteln regelt, bereits gelockert. An der Anpassung unseres KIT-Gesetzes wird von Seiten der Gesetzgeber aber noch gearbeitet. Das Ziel: Wir brauchen für das KIT mehr Flexibilität und Eigenverantwortung.

Schaut man andernorts in Deutschland oder weltweit ein bisschen neidisch auf das KIT?

In der Tat stehen wir bei vielen Menschen aus der Wissenschaftsgemeinde unter Beobachtung. Aber es gibt nicht viele Menschen, die mit uns tauschen möchten. Man weiß um unsere Anstrengungen. Darum beneidet uns niemand. Was andere aber gerne hätten, sind unsere Infrastrukturen, die vielfältigen Möglichkeiten und die damit verbundene Flexibilität. Die Vorteile sieht man deutlich, wenn Studierende aus dem Lehrbetrieb in Einrichtungen aus dem Großforschungsbereich arbeiten können. Unsere Innovationsstrategie zielt darauf ab, auf allen Ebenen und Karrierestufen einen „Gründergeist“ zu etablieren – von der pfiffigen Idee in studentischen Start-ups bis hin zu Unternehmen, die auf langjährige Forschung aufbauen.

Sie sind Unterstützer des Science March, der am 22. April stattfand. Die Gesellschaft hat an diesem Tag die Bedeutung der Wissenschaft betont. Warum setzen Sie sich dafür ein?

Als globale Gesellschaft haben wir die Herausforderung, Meinungsbildung und deren Qualitätssicherung in den Fokus zu stellen. Ein sinnvoller Weg, um sich eine eigene Meinung zu bilden, ist, sich aus verschiedenen Quellen Informationen zu holen. Eine einfache Suche über Google oder die sozialen Medien liefert zwar ein Ergebnis, hält aber oftmals einer Qualitätsprüfung nicht stand. Denn oft fehlt die kritische Reflexion über Relevanz oder die Quelle völlig. Und das bereitet mir durchaus Sorge. Die Wissenschaft ist hier in der Verantwortung, sich zu artikulieren und Stellung zu beziehen. Wir müssen den Menschen vermitteln, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen wissenschaftlichen Fakten und persönlichen Meinungen gibt. Denn nur verlässliche Informationen sind eine Grundlage für Debatten und eine fundierte demokratische Entscheidungsfindung. Die Gesellschaft als Ganzes muss kritischer sein! Unter anderem deshalb waren die Science Marches wichtig und hoffentlich bleiben diese nicht eine einmalige Veranstaltung. Es ist eine Pflicht der Wissenschaft, weiter Aufklärungsarbeit zu betreiben.

Seit Oktober 2013 sind Sie Präsident des KIT – sind Sie mit dem bisher Erreichten zufrieden und welche Vorhaben möchten Sie noch umsetzen?

Bei meinem Amtsantritt habe ich im Präsidium einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt und diskutiert, für dessen Umsetzung ich einen Zeitraum von zehn Jahren anvisiert hatte. Wir sind in allen diesen Punkten auf einem guten Weg. Einige der Themen waren schneller umzusetzen als gedacht, andere sind im Lauf der Zeit im Umfang der Aufgabe gewachsen. Ich spreche hier Punkte an, die viel mit der inneren Kultur am KIT zu tun haben. Es ist an uns allen, in den kommenden Jahren daran zu arbeiten, zuzuhören und im Dialog mit den Menschen an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Wir haben sehr viel erreicht, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.

Das komplette Programm zum Tag der offenen Tür gibt es hier auf der Seite des KIT. Die BNN-Sonderbeilage zum Tag der offenen Tür gibt es hier.