Wunschbeschäftigung? Wenn es um ihre Lebensumstände geht, haben Behinderte oft nicht die Wahl. Arbeitsstellen bekommen sie meist in Werkstätten zugewiesen. | Foto: dpa

Schwerbehinderte befragt

Die Freiheit der Wahl

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Behinderte haben nicht immer die Wahl, wenn es um ihre Lebensumstände geht. Sie werden meist in speziellen Einrichtungen betreut und dort Wohnheimen und Arbeitsstellen in Werkstätten zugewiesen. Oft scheint das kaum anders möglich zu sein, schon weil viele je nach Behinderungsgrad gar nicht in der Lage sind, ihre Wünsche adäquat zu äußern.
Doch die Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Seit 2008 ist sie in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verankert, die auch die Bundesrepublik unterzeichnet hat. Artikel 19 besagt, dass Menschen mit Behinderungen ein Recht darauf haben, mit den gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen in der Gemeinschaft zu leben. Doch was sind die Wünsche Behinderter? Und wie kann man sie herausfinden, wenn ein Behinderter so stark beeinträchtigt ist, dass er sie gar nicht äußern kann?

Die Wünsche behinderter Menschen erfragt

Rahel Schowalter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik der Universität Landau, befasst sich seit längerem mit diesem Thema. „Manche wollen lieber alleine wohnen statt in einem Wohnheim, andere wollen mit weniger Menschen wohnen, lieber in der Stadt oder lieber auf dem Land, wieder andere sind mit ihrer Wohnsituation, so wie sie ist, komplett zufrieden. Und manche sagen, dass sie am liebsten in der Nähe eines Eiscafés leben wollen“, sagt Schowalter und lacht. Erfragt hat sie diese Wohn-Wünsche in einer großen Behinderteneinrichtung in Landau, die 170 Menschen betreut. „Personenzentrierte, zukunftsorientierte Lebenslagen-Analyse“ (PeZuLa) heißt das dafür im Rahmen eines Projektes entwickelte Instrumentarium, das durch eigene Beobachtungen und Gespräche ergänzt wurde.

Flexible Strukturen mit kleinen Wohneinheiten

Um auch die Wünsche schwer- und mehrfachbehinderter Menschen herauszufinden, die sich nicht äußern können, hat Schowalter ein Konzept entwickelt, bei dem „Stellvertreter“ befragt werden und zwar neben dem gesetzlichen Betreuer des Behinderten auch weitere Personen im Umfeld, um sich so quasi aus  verschiedenen Blickrichtungen  den Wünschen der Betroffenen anzunähern.
Möglich wurde diese Arbeit, weil der Träger der Landauer Behinderteneinrichtung seine Angebote bis zum Jahr 2020 dezentralisieren möchte und dabei eine wissenschaftliche Begleitung wünschte. Denn es ist klar: Die Behindertenarbeit hat gewachsene Strukturen, bei der zentrale, stationäre Einrichtungen bisher eine wichtige Rolle spielen. Das ist nur mit einigem Aufwand zu ändern. Um auf Wünsche Behinderter eingehen zu können, sei neben einer besseren Vernetzung der Angebote unterschiedlicher Träger auch eine flexible Struktur mit mehr dezentralisierten, kleinen Wohneinheiten sinnvoll. Bisher herrsche eine „Versorgungsgrundhaltung“, stellt Michael Wagner, Professor am Institut für Sonderpädagogik, fest. Die Planungen sollten aber stärker von den Wünschen der Betroffenen ausgehen, als von den Institutionen.

Barrierefreiheit und Arbeitsplätze

Doch wenn das Wunsch- und Wahlrecht, das die UN-Behindertenkonvention einfordert, auch im Sinne eines inklusiven Zusammenlebens Behinderter und Nichtbehinderter umgesetzt werden soll, muss noch viel passieren. Andreas Kuhn von der Arbeitseinheit „Pädagogische und soziale Rehabilitation“ des Instituts für Sonderpädagogik hat deshalb vor kurzem eine Fachtagung unter dem Titel „Wohnen-Inklusiv-Regional-Entwickeln“ organisiert. Dabei sind laut Kuhn viele Akteure gefragt: Politik, Sozialämter, Architekten, Städteplaner und auch die Öffentlichkeit. Denn neben alternativen Wohnangeboten müssten auch andere Strukturen im Wohnumfeld stimmen. Ohne Barrierefreiheit und geeignete Arbeitsplätze für Behinderte werden sonst auch künftig viele Wahlmöglichkeiten nur graue Theorie sein und viele Wünsche unerfüllt bleiben.