Ist der Klimawandel schuld? Häuser stehen wie auf einer Insel umgeben von Wassermassen nach schweren Überflutungen in der Nähe von Maitland im australischen Bundesstaat New South Wales. | Foto: dpa

Blick auf Fakten ist getrübt

Die Wahrheit alleine genügt nicht

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Warum nur haben die meisten Anhänger der Republikaner in den USA anscheinend ein Brett vor dem Kopf? Wollen sie doch partout keiner wissenschaftlichen Studie glauben, die nachweist, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Und das, obwohl 97 Prozent der einschlägigen Veröffentlichungen zu diesem Schluss kommen. „Das ist so, weil jeder von uns die Welt vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen, Wünsche, Stimmungen oder Bedürfnisse betrachtet“, sagt Tobias Rothmund, Juniorprofessor für politische Psychologie an der Universität Landau.

Voreingenommener Blick auf Fakten

Wie durch eine gefärbte Brille schaut der Mensch offenbar höchst voreingenommen auch auf Fakten, wie sie die Wissenschaft liefert. Rothmund spricht deshalb von einem „motivierten“ Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vereinfacht gesagt: Argumente, die mit der eigenen Motivlage übereinstimmen, werden bereitwillig akzeptiert. Davon Abweichendes wird kritisch hinterfragt, penibel auf Widersprüche untersucht und bekrittelt. Das macht anfällig – im Zweifel auch für Fake News, für „alternative Fakten“, die meist nichts anderes sind als blanke Lügen.

„Bedrohungserleben“ produziert Widerstand

Beim Thema menschengemachter Klimawandel würden die Forschungsergebnisse oft mit Appellen verbunden, den eigenen Lebensstil von Grund auf zu ändern. Dieses „Bedrohungserleben“ löse bei Menschen mit konservativem Weltbild jedoch besonders starken Widerstand aus, erläutert Rothmund. Solche „asymmetrischen Bewertungsprozesse“ seien unabhängig von der politischen Einstellung auf dem linken wie dem rechten Spektrum, quer durch Bevölkerungsschichten und unabhängig vom Bildungsstand zu finden. Sie beeinflussen auch in Deutschland so gut wie alle Debatten vom Für und Wider frühkindlicher Impfungen, den Risiken gentechnisch veränderter Lebensmittel bis hin zum Thema „Gewalt in Videospielen“.
Die Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren – und im schlimmsten Fall „alternative“ Fakten für bare Münze zu nehmen – sei eine Herausforderung für Wissenschaftler. „Wir müssen uns fragen, wie wir Ergebnisse so kommunizieren, dass Widerstände umgangen werden“, erläutert Rothmund. Einem amerikanischen Konservativen zu sagen, er müsse wegen des Klimawandels seinen Lebensstil radikal ändern, erzeuge nur Gegenreaktionen. „Sagt man jedoch, wir müssen den Klimawandel stoppen, um den American Way of Life zu erhalten, dann sind die Menschen viel offener“.

Überzeugungsarbeit mit individueller Ansprache

Rothmunds Fazit: Man kann nicht alle Leute mit denselben Argumenten von wissenschaftlichen Ergebnissen überzeugen, sie müssten – im Prinzip wie bei personalisierter Werbung – vielmehr unterschiedlich angesprochen werden, „je nachdem, wen ich überzeugen will“.
Dass ihm die Sache mit der Kommunikation selbst ganz gut gelingt, beweist der „Transferpreis Wissenschaft und Gesellschaft“, den Rothmund in seinem Fachbereich an der Universität Landau für die Leistung erhielt, wissenschaftliche Ergebnisse gut vermittelt zu haben. Er ist Mitglied einer Forschungsgruppe der Universitäten Landau und Marburg, die über mehrere Jahre hinweg untersucht hat, warum viele Menschen geneigt sind, an „alternative Fakten“ zu glauben.