Riesensalamander
Aus dem Versteck wagt sich der gut getarnte Chinesische Riesensalamander. Tierpfleger Michael Speck versorgt den Lauerjäger regelmäßig mit Tiefkühlfisch. In der Natur ist die Art inzwischen vom Aussterben bedroht. | Foto: Sandbiller

Karlsruhe hütet kostbare Tiere

Zuflucht für Riesensalamander

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Mit dem Schwanz peitscht der junge Riesensalamander im Keller des Naturkundemuseums das Wasser. Der größere Artgenosse im separaten Ex-Krokodil-Quarantänebecken gleitet ruhiger aus seinem Wurzelversteck. Michael Speck erzeugt mit der Futterzange Wellen und lockt das urtümliche Amphibium so vor die Kamera. Mit schlammfarbenen Tupfern bestens getarnt, öffnet es gähnend den rosigen Rachen. Beute von der Größe einer Avocado könnte der Lauerjäger mit einem Happs verschlingen. Auf dem Speisezettel stehen Garnelen und Tiefkühlfisch. Mehr als handgroße Rotfedern rutschen ihm mit Schuppen und Flossen durch die Gurgel.

Lebende Fossilien sind putzmunter

Lebende Fossilien sind die zwei Chinesischen Riesensalamander, mit wissenschaftlichem Namen „Andrias davidianus“. Viele erinnern sich an den gigantisch wirkenden, eineinhalb Meter langen Vorgänger „Karlo“. Er imponierte in der Eingangshalle, bis er vor vier Jahren ausgerechnet zum 75. Geburtstag des Vivariums nach Prag umzog ins neue, europaweit einzige Riesensalamanderhaus. Im Gegenzug kamen von dort die Nachwuchsgrößen an den Friedrichsplatz.

Existenz hinter den Kulissen

Besucher sehen die putzmunteren Karlo-Nachfolger allerdings seither nicht. Erst war der Ausbau des Westflügels, dann der Brandschutz im Weg. Gar nicht wegzudenken ist das Urvieh mit dem massigen Kopf aus Karlsruhes Naturkundemuseum. Als dessen Wappentier windet es sich um eine Pyramide, das Wahrzeichen der Fächerstadt.

Neue Aquariumsheimat entsteht schrittweise

Dem Schauaquarium fürs lebende Maskottchen fehle inzwischen nur noch die Innenausstattung, verrät Speck. Es steht nicht in der Aquarienwelt „Form und Funktion“, sondern im Saal „Leben in der Urzeit“ mit den identitätsstiftenden Herzstücken des Museums. Vor dem Huf eines lebensgroßen Urpferd-Modells liegen dort ein dickes Salamander- Modell und ein Skelett eines kleinen Verwandten.

Das Staatliche Naturkundemuseum Karlsruhe, Ausstellungen, Öffnungszeiten und Preise finden Sie hier.

Originale unter sich

Der Fossilienexperte Eberhard „Dino“ Frey zeigt daneben die Originalfunde des „Andrius scheuchzeri“, des badischen Ur-Salamanders. In einem Steinbruch in Öhningen am Bodensee tauchten bestens erhaltene Skelette im 18. Jahrhundert auf. Weniger Hand und Fuß als die Funde hatte die zeitgenössische Interpretation: Man hielt das Urtier für ein menschliches Opfer der biblischen Sintflut.

Fossilienspezialist zeigt Originalskelett
Originale zeigt Fossilienspezialist Eberhard „Dino“ Frey im Saal „Leben in der Urzeit“. Das Salamanderskelett vom Bodensee hielt man anfangs für menschliche Überreste. | Foto: Sandbiller

Als wären Karlsruhes Maxi-Salamander nicht schon wertvoll genug, nun erhält ihre Bedeutung eine weitere Dimension. Denn Artenschützer schlagen Alarm: In China droht „Andrius davidianus“ in Freiheit auszusterben.

Bau von Stauwerken zerstört Bäche

Frey nennt die beiden Hauptursachen für die akute Bedrohung der Tiere, die sich seit der Urzeit kaum verändert haben und vor vier Millionen Jahren auch im Badischen lebten. „Der Bau von Stauwerken zerstört die Bäche, in denen die Riesensalamander leben. Und dadurch, dass die Tiere inzwischen als Delikatesse gelten und intensiv gezüchtet werden, vermischen sich die Arten“, erklärt Frey.

Biologen entdeckten kryptische Arten

Erst jüngst entdeckten Biologen nämlich, dass sich durch strenge räumliche Trennung mehrere Arten des Chinesischen Riesensalamanders entwickelten, die sich äußerlich nicht unterscheiden. „Das nennt man kryptische Arten“, sagt Michael Speck. Nun werden aus Zuchtfarmen aber Hybride ausgesetzt. Treffen sie auf letzte, ursprüngliche Salamander, die Nominatform, geht das Original in der nächsten Generation verloren. „So kommen Arten ganz schnell an den Rand des Aussterbens“, betont Frey.

Trauriges Paradebeispiel

Ein trauriges Paradebeispiel dafür, ebenfalls aus dem Reich der Mitte, hütet der Artenkenner selbst: eine Chinesische Dreikielschildkröte, vor Jahren im Karlsruher Zoofachhandel erworben, „zufällig eine Nominatform. Heute bekommt man sie gar nicht mehr.“

Trotz kostbarer Ur-Lurche startet Karlsruhe keine Erhaltungszucht

Eine Erhaltungszucht ist in solchen Fällen die letzte Rettung. Zwar sind bei den Karlsruher Kennern die beiden kostbaren Ur-Lurche, vermutlich ein Männchen und ein Weibchen, in besten Händen. Das nötige Wissen ist vorhanden, nicht aber den Raum und die Personalkapazitäten für die Aufzucht. Jeder „Wurf“ eines Riesensalamanders umfasst schließlich 500 bis 600 Eier, aus denen die Larven der nächsten Generation schlüpfen.