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Unter dem Motto #zusammenhalten

170 Menschen gedenken in Pforzheim Corona-Opfern und demonstrieren gegen „Querdenker“

Flagge zeigen gegen Querdenker und Antidemokraten: Rund 170 Menschen haben am Samstagvormittag auf dem Pforzheimer Marktplatz demonstriert und vor allem der täglich hunderten Corona-Opfer im Land gedacht.

Mit Abstand und unter den Augen zahlreicher Polizisten kamen am Samstag rund 170 Menschen zusammen, um gegen Corona-Leugner und Antidemokraten Flagge zu zeigen. Foto: Irmeli Thienes

Pforzheim. „Ich möchte noch mal mit dir ins Fußballstadion gehen“, schreibt ein Sohn seinem Vater auf der Corona-Station. „Wir sind dabei, wenn die Sauerstoffsättigung sinkt und die Atemnot größer wird. Wir sind diejenigen, die meist die Sterbebegleitung leisten.“ Zitate, wie das erste vom Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Siloah St. Trudpert, Thushira Weerawarna, und der Intensiv-Schwester Daniela Eberle, die im Coronabereich derselben Klinik tätig ist, hörten viele am Samstagvormittag auf dem Pforzheimer Marktplatz. Sie kamen zur ersten Gegendemo, mit der unter dem Motto #zusammenhalten Flagge gezeigt wurde gegen Corona-Leugner oder auch sogenannte Querdenker. Laut Polizei seien es 170 Teilnehmer gewesen, laut Veranstalter 450.

Online waren weitere 257 Menschen dabei. Laut Polizei waren wenige Querdenker am Vormittag mit auf dem Platz. Grobe Verstöße gegen Auflagen habe es nicht gegeben. Die Kundgebung der Querdenker selbst am Nachmittag hatte laut Polizei rund 140 Teilnehmer. Wiederholt hätten die Beamten auf die Maskenpflicht hinweisen müssen, manche Personen auch mehrmals. Ob daraufhin Verfahren eingeleitet wurden, könne derzeit nicht beantwortet werden, so die Polizei.

Schulterschluss von Gewerkschaften, Wissenschaft, Kirchen und Klinikum

Solidarisch für den Schutz und die Wehrhaftigkeit der Demokratie einzutreten, um die Straße – bei allem nötigen Abstand – nicht den „Querdenkern“ zu überlassen, sei wichtig, so das Veranstalter-Ehepaar Heike Reisner-Baral und Gerhard Baral. Unter 33 Vereinen und Organisationen waren Vertreter von Gewerkschaft, Wissenschaft, der Klinik und der Hochschule Pforzheim sowie von Kirchen und Unternehmen. In ihren Beiträge bezogen sie klar Stellung. Immer wieder brandete Beifall auf, ab und zu durch Masken gedämpftes Johlen.

Heike Reisner-Baral, auch Pfarrerin an der Schloßkirche St. Michael, betonte, es gehe um hunderte Menschen, die täglich in Deutschland sterben. Dekanin Christiane Quincke: „Ganz konkrete Menschen, die geliebt haben und die eine Zukunft gehabt hätten“. Gerhard Baral zitierte ein Medien-Beispiel: Man stelle sich vor, die Nachrichten berichteten, wie am Montag in Stuttgart ein Flugzeug mit 350 Menschen abstürzte, am Dienstag eines in Hamburg mit 450 Menschen und weitere an Folgetagen. „Der Aufschrei wäre groß.“ Die Einzelschicksale und ihre Tragweite für die Angehörigen würden zu wenig gesehen, so Baral. So starben in Pforzheim auch zwei engagierte Personen an Covid-19, so Reisner-Baral. Bruder Martin und Ralf Fuhrmann, Sprecher der SPD-Gemeinderatsfraktion und Aktiver in vielen Initiativen in Pforzheim. Ihnen und der Verstorbenen wurde zum 12-Uhr-Geläut gemeinsam gedacht.

Sie stellen sich als Opfer dar. Aber das sind sie nicht. Sie sind Täter.
Dentaurum-CEO Mark Stephan Pace

Großen Beifall erhielten Anmerkungen des Dentaurum-CEO Mark Stephan Pace. Reisner-Baral verlas unter anderem: „Es gibt Leute, die die Demokratie und Freiheit missbrauchen. Sie zahlen nicht für die, die sie angesteckt haben. Sie übernehmen keine Verantwortung für die, die ihr Leben verlieren. Sie stellen sich als Opfer dar. Aber das sind sie nicht, sie sind Täter.“

Mitdenken und nachdenken statt Querdenken

Die geladenen Politiker betonten, Meinungsfreiheit ende, wo Gesundheit und Leben gefährdet würden. Es sprachen der CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum, Katja Mast als SPD- Bundestagsabgeordnete, Ulrich Rülke, FDP-Landtagsabgeordneter und die Landtagsabgeordnete der Grünen, Stephanie Seemann.

Querdenken sei in einer Demokratie ausdrücklich erlaubt, so Krichbaum. Besser sei aber Nachdenken, Mitdenken und Vorausdenken im Sinne von Vorsicht und Rücksicht. Es gelte, so Mast, den Leisen eine Stimme zu geben. Rülke lehnte, sagte er, Einladungen der Querdenker ab und stehe hier bei den Demokraten. Er finde die Vergleiche mit Sophie Scholl oder Anne Frank sind unsäglich“.

Die Mehrheit sieht die Maske als kleinstes Übel

Seemann zufolge müsse sich die Demokratie wehren, wo Meinungsfreiheit missbraucht werde. Wie Vorredner dankte sie der Mehrheit, die Verantwortung übernehme. „Rund Dreiviertel der Bevölkerung tragen seit neun Monaten Masken und die Coronamaßnahmen mit,“ so Reisner-Baral. „Sie sehen Masken als das kleinste Übel.“ Baral mahnte, dass die wegen Covid 19 berechtigten Ängste Aktivitäten zutage förderten „aus dem ultrarechten Spektrum, von vorbestraften Volksverhetzern und Antisemiten, die mit Gewählten…. der AfD unseren Staat… in seinen Grundfesten zerstören wollen.“

Ich verstehe nicht, warum unterschieden wird zwischen an und mit Corona gestorben.
Intensivkrankenschwester Daniela Eberle von der Corona-Station am St. Trudpert Pforzheim

Chefarzt Weerawarna schilderte, wie sich eine Mitarbeiterin gegen den Wunsch ihrer besorgten Mutter wehre, die ihre Tochter nicht gern zur Arbeit auf der Corona-Station gehen sieht. Aber, so der Chefarzt, sie alle müssten, wollten und würden „weiterkämpfen.“ Obwohl die psychische Belastung enorm sei, so Intensivschwester Eberle. Angehörige dürften nicht herein, nur kurz vor dem Tod der Patienten. „Ich verstehe nicht, weshalb unterschieden wird zwischen an und mit Corona“, so Eberle.

Trotz enormer Kosten einer Woche Lockdowns müsse man, so Dirk Wentzel, Professor für Europäische Wirtschaftsbeziehungen, aus Solidarität fürs Einhalten der Regeln eintreten. Solidarität sei für Gewerkschafter immer schon selbstverständlich, fügte der DGB- Landesvorsitzende Baden-Württembergs an, Martin Kunzmann und er schloss: „Wir sind mehr.“

Musikbeiträge von Andreas Pagani und Matthias Hautsch thematisierten zudem die Existenznöte in der Künstlerbranche sowie Sorge und Trauer.

Der Livestream auf dem Kanal „Bündnis Pforzheim nazifrei!“ ist verfügbar unter:

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