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Corona-Proteste

Autogramme, Blumen, Warnungen: Hunderte feiern Querdenker-Star Bodo Schiffmann in Pforzheim

Er kommt mit einem großen schwarzen Doppeldeckerbus angefahren und lockt die Menschenmassen: Der sogenannte Schwindelarzt Bodo Schiffmann ist längst ein Star der „Querdenker“-Szene. Zum Abschluss machte er Stopp in Pforzheim.

Gefeiert in Pforzheim: Bodo Schiffmann, Arzt aus Sinsheim, machte auf seiner „Corona-Info-Tour“ durch Deutschland nun auch Station in der Goldstadt. Zwischen 450 und 500 Teilnehmer lauschten seiner Rede. Foto: Harry Rubner

Bodo Schiffmann baut vor: „Macht mal den Hubschrauber“, ruft er den Demonstranten am Samstag am Pforzheimer Marktplatz zu. Viele der Teilnehmer aus der Querdenker- und Corona-Kritiker-Szene wissen sofort, was das heißt. Sie breiten ihre Arme aus und beginnen sich zu drehen. Das soll Abstand schaffen, die Menge entzerrt sich prompt. Polizei und Ordnungsamt sind zufrieden. Vorerst.

Es ist die vorletzte Station der Tournee durch Deutschland des prominenten einst als„Schwindelarztes“ bezeichneten Bodo Schiffmann aus Sinsheim. 450 bis 500 Menschen laut Polizei und Veranstalter sind gekommen, sie sind von der Maskenpflicht befreit, solange sie die Abstände einhalten. Überall feierten sogenannte Querdenker den HNO-Arzt dafür, dass er sich gegen die Coronamaßnahmen der Regierung, gegen Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen auflehnt.

Autogramme, Blumen und Schokolade

Dass er dabei auch oft übers Ziel hinausschießt, Desinformationen verbreitet und sich in die Nähe von Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann stellt, stört hier erst mal keinen.

Am Ende muss er Autogramme geben, bekommt Blumen überreicht und Schokolade. Eine Frau ist aus Achern angereist, sie lässt sich mit Schiffmann fotografieren, dankt ihm überschwänglich. „Weil er so viel bewegt hat und so viel Ablehnung erfahren muss“, erklärt sie.

Schiffmann reist mit einem schwarzen Doppeldecker-Bus durchs Land. Als er in Pforzheim eintrifft, gibt es Trommelwirbel und Jubel, einige Fans strömen direkt auf den Bus zu. Das sehen die Ordnungskräfte ungern, die Abstände stimmen nicht mehr. Anmelder Wolfgang Greulich wird beiseite genommen, Bodo Schiffmann verliest die Regeln.

Und ja, ich habe auch noch nie so viel geweint. Ich bin ein anderer Mensch.
Bodo Schiffmann über Erfahrungen auf seiner „Deutschland-Tour“

Dann aber kann’s losgehen. Schiffmanns rotes Wangen-Mikro sieht aus wie eine Clownsnase - seine Worte dringen über den Platz. Zunächst echauffiert er sich über seine Gegner aus seinem Heimatort Sinsheim, die nicht mit Schiffmann in Verbindung gebracht werden wollen, sie erwarte Strafanzeige wegen Rufmords, die Menge applaudiert.

Dann wird der Arzt plötzlich emotional. Er liest einen Patientenbrief vor: Die Folgen der Beschränkungen seien für den Schreiber viel schlimmer als das Virus selbst. Schiffmann selbst habe auf seiner Tour so viel Liebe und Gastfreundschaft erfahren, wie noch nie im Leben zuvor. „Und ja, ich habe auch noch nie so viel geweint. Ich bin ein anderer Mensch.“ Er ist sich sicher: „Diese Bewegung ist nicht zu stoppen.“ Polizisten, die, wie jüngst in Berlin geschehen, Wasserwerfer auf die Demonstranten richteten, stehen für Schiffmann „auf einer Stufe mit den Mauerschützen in der DDR.“

Nach der Deutschland-Tour geht es weiter

Mitorganisator Wolfgang Greulich übernimmt das Mikro. Zig Menschen filmen die Veranstaltung mit Handys, per Livestream geht das Ganze ins Internet. Nach sechs Wochen Tour durch Deutschland ist nicht Schluss, verspricht er unter Jubel. „Jetzt erst recht.“ Die Vorweihnachtszeit soll zum „unvergesslichen Erlebnis“ werden, man habe kreative Ideen. „Wir sind euch immer einen Schritt voraus“, ruft er den Politikern zu.

Er wehrt sich gegen Vorwürfe: „Was sind das für Dackel, die uns hier als Nazis und Antisemiten beschimpfen? Wir werden Weihnachten so feiern, wie wir uns das vorstellen und nicht wie Angela Merkel uns es erlaubt.“ Und: „Irgendwann kommt der Tag“, raunt Greulich vielsagend. Er sei sich sicher: „Wir Deutschen werden diese Lüge beenden.“ Bald werden auch die anderen merken, dass das Virus nichts anderes als eine Grippe ist, glaubt er.

Dass viele Pforzheimer gerade um den vor wenigen Tagen nach einer Covid-19-Erkrankung verstorbenen SPD-Stadtrat und Arzt Ralf Fuhrmann trauern, spielt hier heute keine Rolle. Auch Michael Schreyer, der schon viele Pforzheimer Demos mitorganisiert hat, zuckt mit den Schultern: „Ich habe das nur als Tatsache gehört. Jeder Tod in jüngeren Jahren ist natürlich tragisch“, sagt er.

Bei Greulich und weiteren Rednern wie Samuel Eckert oder Markus Haintz geht es derweil um die verhasste Maskenpflicht, um die „Plandemie“, laut Greulich angeblich von „transnationalen Elitenfaschisten“ eingefädelt. „Die Rockefellers, Gates und Rothschilds“ füllten sich die Kassen, so raunt der Mann, der sich kurz zuvor gegen Antisemitismusvorwürfe gewehrt hat. Der Mann, der das, „was hier abgeht“ für das größte Verbrechen in der Geschichte Deutschlands hält. Die 17-jährige Anna aus Nürnberg geißelt die undurchschaubaren Regeln an Schulen und dass Atteste nicht akzeptiert würden.

Gegendemonstranten fühlen sich bedroht

Gegen 12.30 Uhr - alle Autogramme sind geschrieben - steigen Schiffmann und sein Team in den Bus. Die Versammlung löst sich auf. Zwei Gegendemonstranten hatten sich mit einem Plakat „Klar denken statt Querdenken“ am Rand positioniert. Nachdem sie sich bedroht fühlten, viele hatten sie auch fotografiert, stellt die Polizei zwei Beamte ab. Friedlich gehen die Teilnehmer am Mittag ihrer Wege. Polizei und Ordnungsamt bemängelten immer wieder die Abstände, zeigten sich aber ansonsten zufrieden mit dem Verlauf. „Wir hatten ausreichend Kräfte da“, erklärt Einsatzleiterin Elke Heilig.

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