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Er wollte sich für den Weltuntergang wappnen

Dieb von vollbeladenem Einkaufswagen aus Pforzheimer Kaufland könnte in Psychiatrie kommen

Für einen jungen Angeklagten steht einiges auf dem Spiel. Er wollte sich mit einem voll beladenen Einkaufswagen für den Weltuntergang wappnen. Doch der Diebstahl flog auf.

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: picture alliance / Peter Steffen/dpa/Symbolbild

Von Isabel Hansen

Hamsterkäufe waren Mitte März 2020 normal. Wie verrückt war der Diebstahl eines voll beladenen Einkaufswagens aus dem Pforzheimer Kaufland für eine Weltuntergangsparty? Das muss nun die Auswärtige Große Strafkammer in Pforzheim klären. Für den Angeklagten könnte der besonders schwere räuberische Diebstahl mit der Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie enden.

Ein Schulfreund aus China soll den Angeklagten vor einer bevorstehenden „Hölle“ gewarnt haben. „Schnapp deine Sachen und guck, dass du dich verschanzt“, will der 21-Jährige per Facebook eine Schreckensnachricht bekommen haben. Rund eine Woche habe er sich dann in die Angst vor Apokalypse und Coronavirus hineingesteigert.

„Ich habe mich berauscht. Ich habe Drogen genommen. Ich war voll auf Psychose“, analysierte der Angeklagte vor der Auswärtigen Strafkammer des Landgerichtes Karlsruhe in Pforzheim seinen damaligen labilen Zustand, bevor er am Morgen des 16. März gegen 8 Uhr zur Tat schritt, im Kaufland einen Einkaufswagen mit Bier, Red Bull und weiteren Waren im Wert von 315,49 Euro belud und sich damit wenig heimlich in Richtung Oranienstraße und Oststadtpark aus dem Staub machte mit einem Verfolgertross aus fünf Supermarktmitarbeiterin im Schlepptau.

Mit dem Einkaufswagen hatte er keine Chance. Es ging bergauf.
Angestellte des Supermarkts

Die kann der Angeklagte zwar mit einem Küchenmesser auf 15 Meter Distanz halten, eine erfolgreiche Flucht inklusive Diebesbeute, wäre zu jeder Zeit utopisch gewesen. „Mit dem Einkaufswagen hatte er keine Chance. Vielleicht, wenn er ihn stehen gelassen hätte. Es ging bergauf. Die Polizei war schon alarmiert“, sind sich die Angestellten im Zeugenstand einig, dass die Strategie des Angeklagten zumindest merkwürdig war.

Mutter des Angeklagten hatte mit Drama gerechnet

Einer der Polizisten, die ihn schließlich im Oststadtpark ohne Gegenwehr festnahmen, wunderte sich über die Ambivalenz aus Ruhe und Verbalattacken.

Mir wurde gesagt, dass verrückt sein nicht strafbar sei.
Mutter des Angeklagten

Seine Mutter hatte ein Drama kommen sehen: „Mein Sohn ist polizeibekannt. Er wollte schon einmal vom Dach springen. Ich habe schon am 14. März mehrmals vergeblich die Polizei um Hilfe gebeten. Er hat nur wirres Zeug geredet. Mir wurde gesagt, dass verrückt sein nicht strafbar sei“, fühlte sich die Mutter, bei der der Angeklagte noch wohnt, im Stich gelassen.

Eine Woche nach seiner Festnahme wurde der 21-Jährige in die Psychiatrie verlegt und ist im Hinblick auf seine Zukunft überraschend guten Mutes. „Meine Mutter hat mir einen Ausbildungsplatz besorgt. Meine Familie steht hinter mir. Es geht mir gut.“ Als Jugendlicher mit Abschluss der Werkrealschule hätten ihm einige Türen offengestanden.

Ausdrucksweise, Zahlen- und Namensgedächtnis des 21-Jährigen können sich hören lassen. Die Stationen seines Lebens schildert er dem Vorsitzenden Richter Andreas Heidrich zeitlich geordnet und verständlich, die Zungenbrecher-Bezeichnungen seiner verschreibungspflichtigen Medikamente kommen ihn unfallfrei über die Lippen, Fremdwörter aus dem Alltag verwendet er ebenso souverän wie Fachjargon aus der Psychiatrie.

Mann leidet nach eigenen Angaben unter Verfolgungswahn

„Ich hatte keine Tagesstruktur. Ich habe eine drogeninduzierte Psychose. Ich leide unter Verfolgungswahn“, erläuterte er dem Gericht. „Ob ich Halluzinationen habe, kann ich schlecht sagen. Ich denke nicht. Aber die würde auch nicht ich sehen“, gab er Vorsitzende Richter eine Kostprobe seines logischen Denkvermögens. Daran, dass im seinem Leben einiges schief gelaufen ist, sind andere Schuld.

Sein alkoholkranker Vater, der das Geld der Mutter versoffen hat, eine Mutter, die in der Sexbranche arbeitet, um ihre Söhne zu ernähren, missgünstige Pädagogen und Mitbewohner in diversen Heimen und Außenwohngruppen, die ihn zur Flucht aus diversen Heimen und Außenwohngruppen getrieben hätten und die Panikmache von Presse und TV.

„Ich bin im Bordell aufgewachsen. Ich bin mit dem Beruf meiner Mutter nicht klar gekommen. Wäre ich anders aufgewachsen, wäre ich ein anderer Mensch geworden.“

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