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Interview zu Corona

DRK-Landesarzt spricht über die Lage im Pforzheimer Impfzentrum: „Die Impfung ist sehr sicher“

Rotkreuz-Landesarzt Wolfgang Kramer kommt aus dem Enzkreis. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und Erwartungen als Impfarzt in der Corona-Pandemie – und erklärt, warum auch der eher unbeliebte Impfstoff Astrazeneca sicher ist.

Wiedersehen mit Spritze: Viele Impflinge bedankten sich bei Wolfgang Kramer auch für bestandene Operationen in der Vergangenheit. Foto: Stefan Adam/Rotes Kreuz

Der Präsident des Roten Kreuzes (DRK) im Enzkreis und DRK-Landesarzt Wolfgang Kramer aus Kämpfelbach-Bilfingen hat sich vergangene Woche selbst ein Bild von der Lage im Pforzheimer Impfzentrum gemacht. Redaktionsmitglied Sebastian Kapp sprach mit im über seine Erfahrungen dort – und was abseits der Impfstoffbeschaffung auf anderen Ebenen schief läuft.

Herr Kramer, Sie waren als Impfarzt im Pforzheimer Kreisimpfzentrum im Dienst. Haben Sie sich den Ablauf so vorgestellt?
Kramer

Ich war ja als Landesarzt des DRK schon in die Planungen für Impfzentren involviert. Insofern kannte ich den Ablauf. Aber es war sehr schön zu sehen, wie menschlich die Mitarbeiter dort mit den Impflingen umgegangen sind. Niemand musste lange warten. Alles lief ruhig, aber zügig ab. Wenn jemand zum Beispiel mit seiner Gehhilfe Probleme hatte, dann wurde sofort geholfen; die Mitarbeiter sind dort sehr freundlich. Das hat mich überzeugt. Es ist alles klug organisiert.

Und in der Impfkabine selbst? Hatten Sie das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen?
Kramer (lacht)

Tatsächlich, aber aus anderen Gründen. Ich bin ja der ehemalige Chefchirurg des St. Trudpert. Viele haben mich wiedererkannt, sich bei mir für eine – Gott sei Dank – gelungene Operation bedankt, gefragt, wie es mir geht. Das waren mitunter sehr herzliche Momente.

Konnten Sie sich denn an die Patienten erinnern?
Kramer

Leider nicht an alle. Aber es ist trotzdem ein schönes Gefühl. Für einen Chirurgen ist dieses Zwischenmenschliche sehr wichtig.

Die Stimmung war also super – könnte das auch an der mangelnden Auslastung gelegen haben?
Kramer

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Zentrum auch für Volllast optimal aufgebaut ist und auch dann schnell und gründlich arbeitet.

Also gibt es nichts auszusetzen?
Kramer

Nein. Das heißt: Die Stadt könnte einen Getränkeautomaten aufstellen. Aber das war’s auch.

Warum haben Sie sich fürs Impfen entschieden?
Kramer

Wir sind als DRK ja ohnehin landesweit beteiligt. So auch hier in Pforzheim. Unsere Mitarbeiter fahren die Fahrzeuge der Mobilen Teams, unsere Sanitäter passen im Wartebereich auf, falls Nebenwirkungen auftreten. Da wollte ich als Präsident auf Kreisebene nicht außen vor bleiben und mich auch der Verantwortung stellen. Außerdem tue ich es ja gerne.

Mussten Sie viele Menschen vom Impfstoff überzeugen?
Kramer

Im Impfzentrum nicht. Da hatten wir eher mit anderen Vorurteilen zu kämpfen. Zum Beispiel mit angeblich langen Nadeln, vor denen sich viele gefürchtet haben.

Also gibt es die lange Kanüle nicht?
Kramer

Das müssen die Menschen im Fernsehen so gesehen haben. Viele haben davor Angst. Aber nein, wir benutzen fürs Spritzen dünne kurze Nadeln. Und wir müssen auch nicht lange nach einer Vene suchen, wir spritzen in den Muskel. Die meisten waren angenehm überrascht.

Ist die Impfung denn sicher?
Kramer

Ich will das mal an einigen Zahlen einer Studie des Paul-Ehrlich-Institut veranschaulichen: Von 600.000 Menschen wurden circa 325 Komplikationen gemeldet. Lediglich bei 51 Patienten kam es zu schwerwiegenderen Reaktionen, vier davon mit heftigen allergischen Reaktionen. Darunter fallen aber auch solche, die nicht dramatisch sind. Spontane Gesichtslähmungen sind beispielsweise bei fünf Impflingen aufgetreten, bei vier davon haben sich diese schnell wieder zurückgebildet. Spontan liegt die Quote für solche Phänomene unter Umständen sogar höher. Man kann auch sagen: Die Gefahr, dass man im Straßenverkehr auf dem Weg zum Impfzentrum zu Schaden kommt, ist möglicherweise gleich hoch oder höher, als dass etwas beim Impfen selbst geschieht. Die Impfung ist sehr sicher. Außer eher seltenen möglichen kurzzeitigen Beschwerden wie etwas Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle für kurze Zeit ist kaum etwas zu erwarten.

Wo spüren Sie noch eine Unsicherheit bei der Bevölkerung?
Kramer

Vor allem gebärfähige jüngere Frauen scheinen mir verunsichert, haben Sorge, durch die Impfung unfruchtbar zu werden. Dazu gibt es keine wissenschaftlich begründeten Anhaltspunkte. Größere Sorgen in dieser Hinsicht sollten sie sich machen, wenn sie an Corona schwer erkranken.

Sie haben noch ausschließlich den Biontech/Pfizer-Impfstoff gespritzt. Nun ist auch Astrazeneca hinzugekommen. Ändert das etwas?
Kramer

Es ändert etwas dahingehend, dass Astrazeneca nur für Menschen bis 65 Jahre zugelassen ist. Ansonsten ist auch dieser Impfstoff zuverlässig. Angesichts der Not gibt es für mich keinen Grund, auf ihn zu verzichten. Es ist ein sogenannter Vektor-Impfstoff, ein etwas anderes Prinzip als der neuartige RNA-Impfstoff von Biontech. Aus medizinischen Gründen spricht aber nichts gegen ihn. Und bevor Sie fragen: Über mögliche Langzeitfolgen wissen wir ohnehin noch nichts, das gilt aber auch für Biontech/Pfizer und die anderen Impfstoffe.

Sie sind 72 Jahre alt. Haben Sie da nicht selbst Angst vor dem Virus?
Kramer

Jeder von uns muss aufpassen. Wenn man die AHAL-Regeln konsequent einhält, kann man sich gut schützen. Die sind sehr wirkungsvoll. Ich und meine Familie achten sehr darauf.

Läuft nach Ihrer Meinung in unserer Impfreihenfolge alles richtig?
Kramer

Das kommt darauf an. Ich finde, dass wichtige Entscheidungsträger, deren Funktion angesichts ihrer besonderen Verantwortung systemrelevant wichtig ist, wie etwa die einer Kanzlerin, längst geimpft sein müssten. Und nicht nur sie. Es gibt viele Menschen, die nicht ausfallen dürfen, obwohl sie zu vielen menschlichen Kontakten gezwungen sind, so dass sie besonderen Schutz benötigen. Ich denke da an Menschen, die besonders exponiert sind. Dazu gehören Polizisten, Sanitäter, Feuerwehr, Gesundheitspersonal und auch manche Politiker. Dass Lehrer und Erzieher jetzt geimpft werden sollen ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wie geht es für Sie beim Impfen weiter?
Kramer

Ich habe mich auch für den März beworben. Ob ich schließlich genommen werde, weiß ich noch nicht. Es gibt ja bei den Ärzten zum Glück genügend Freiwillige.

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