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Klage über Vorgehen der Stadt

Elternvertreterin aus Pforzheim: „Kinder sind die größten Verlierer dieser Krise“

Ende des Monats sollen Kitas und Schulen im Land wieder für alle Kinder geöffnet sein. Bis dahin waren manche dreieinhalb Monate am Stück zuhause. Eine herausfordernde Zeit, wie Jasmin Schäfer im Gespräch berichtet. Die zweifache Mutter ist im Vorstand des Gesamtelternbeirats für Pforzheimer Kindertageseinrichtungen - und kritisiert die Stadt.

Viele Rollen gleichzeitig: Jasmin Schäfer aus dem Vorstand des Gesamtelternbeirats der Pforzheimer Kindertagseinrichtungen war zuletzt gleichzeitig als Hausfrau, Mutter, Lehrerin, Erzieherin, Ehefrau und Arbeitnehmerin gefordert. Foto: J. Müller

Normalerweise fragt man zum Einstieg ja: Wie geht es Ihnen? Aus gegebenem Anlass frage ich heute lieber: Wie geht es Ihren Kindern?

Schäfer: Wir fahren zuhause ziemlich am Limit. Die Unzufriedenheit ist von allen Seiten immer mehr zu spüren, besonders bei meinen Kindern. Während der Corona-Zeit haben sich zum Teil ihre Wesen verändert. Die Ausgelassenheit und die Unbeschwertheit, die sie vorher an den Tag gelegt haben, sind ein bisschen verschwunden – was mir unglaublich leid tut.

Zwischen Homeoffice bei mir und Homeschooling bei meinem Jungen musste sich meine kleine Kindergartentochter weitgehend selbst beschäftigen. Das fiel ihr nicht leicht, und mir auch nicht, weil ich wusste, dass ich ihr gar nicht gerecht werde.

Wann haben Sie diese Wesensveränderung bei Ihren Kindern bemerkt?

Bei meinem Sohn, der sehr gern in die Schule geht, ging es nach vier Wochen los. Anfangs fand er es noch lustig, aber dann hat er gemerkt, die Mama wird auch mal ein bisschen ärgerlicher, wenn er nicht lernen will. Da hatte er irgendwann gar keine Lust mehr, mit mir zu lernen. Und meine Kleine war einfach stiller als vorher, weil viel Spaß über den Tag verloren ging.

Ich habe festgestellt, dass die Kinder manchmal sehr, sehr traurig waren.

Mein Mann hat uns unterstützt, so viel es ging. Aber 24 Stunden immer nur Mama und Papa sehen und keine Freunde: Das ist überhaupt nicht gesund. Ich habe festgestellt, dass die Kinder manchmal sehr, sehr traurig waren. Oder weinerlicher in Situationen, in denen sie früher nicht geweint hätten.

Ihr Sohn, sieben, geht seit dieser Woche wieder zur Schule. Da werden Sie wohl so schnell keine Veränderung zurück zum Guten bemerken...

Doch. Doch! Das war unglaublich. Er kam am ersten Tag freudestrahlend aus der Schule und meinte nur: Schade, dass es schon vorbei ist. Denn es waren nur zwei Stunden. Dieses Strahlen habe ich die letzten drei Monate wirklich vermisst.

Und Ihre Tochter, fünf, geht seit zwei Wochen als Vorschulkind wieder in den Kindergarten...

Wenn ich sie um drei Uhr abhole, fragt sie: Mama, warum bist du schon da? Ich merke, so langsam löst sich der Knoten. Wir sind wieder auf dem richtigen Weg.

Merken Sie bei sich auch schon eine Entspannung, oder hängen Ihnen die drei Monate noch nach?

Es ist natürlich sehr kräftezehrend, gleichzeitig Hausfrau, Mutter, Lehrerin, Erzieherin, Ehefrau und Arbeitnehmerin zu sein. Nach drei Monaten ist die Kondition da ziemlich am Ende. Ich bin noch nicht wieder so belastbar wie davor.

Aber ein Stein ist mir vom Herzen gefallen: Dass ich nicht mehr das schlechte Gewissen haben muss, morgens nicht richtig für meine Tochter da sein zu können. Die Kleine ist jetzt wieder adäquat versorgt.

Wer war denn in den drei Monaten das größte Opfer der Umstände?

Kinder sind die größten Verlierer dieser Krise. Zusammen mit den Familien. Auf ihrem Rücken wurde das komplett ausgetragen – wenn man die Wirtschaft mal ausblendet. Man hat den Kindern absolut den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Schüler mussten funktionieren und ihre Arbeitsblätter machen, zu den Kindergartenkindern musste man sagen: Hier sind deine Bauklötze, deine Autos und deine Puppen, jetzt beschäftige dich mal damit, bis Mama mit dem Homeoffice fertig ist.

Man hat ihnen ihr ganzes Leben weggenommen: Spielplätze, Sportvereine. Dafür haben das die Kinder großartig gemeistert. Immer wenn ich dachte, dass ich nicht mehr kann, dachte ich gleich auch: Doch, du musst können. Deinen Kindern geht es noch viel schlimmer.

Die Spielplätze wurden dann wieder geöffnet, die Kitas liefen dagegen nur im Notbetrieb. Für Sie nachvollziehbar?

Wenn man da durch Pforzheim fährt und sich die Spielplätze anschaut, fragt man sich schon, nach welcher Logik das funktioniert. Wir wohnen direkt neben einem Spielplatz. Welche Abstandsregel wird da gewahrt? Gar keine. Die Kinder benutzen alle dieselbe Rutsche, alle dieselbe Schaukel, die fassen alle dieselben Sachen an. Da ist für die Eltern schwer zu verstehen, warum sie das nicht im Kindergarten tun dürfen. Und dort könnte man es noch besser regulieren.

Nun sind Sie ja auch im Vorstand des Gesamtelternbeirats für Pforzheimer Kindertageseinrichtungen. Wie fühlen Sie sich von der Stadt eingebunden, wenn es um die nächsten Schritte geht?

Gar nicht. Die nehmen uns überhaupt nicht mit. Warum hört man denn nicht mal die Stimmen der Leute, die tagtäglich damit zu tun haben? Warum passiert immer alles hinter verschlossenen Türen? Man kann das doch viel transparenter gestalten.  Wir Eltern wären auch gar nicht mehr so böse, wenn wir mitgenommen würden.

Es wäre wirklich gut, wenn man uns mal mitnimmt an einen Runden Tisch.

Ich vermisse da das Engagement unseres Sozialbürgermeisters und unseres Oberbürgermeisters. Sie lassen alle total im Dunkeln tappen. Das ist doch kein Zustand. Es wäre wirklich gut, wenn man uns mal mitnimmt an einen Runden Tisch.

Neben der Stadt kritisieren Sie auch das Krisenmanagement von Ministerin Eisenmann, generell die Maßnahmen der Politik. Jetzt bekommen Sie ja immerhin die Kita-Gebühren von der Stadt zurück und vom Bund gibt’s 300 Euro für Familien. Besänftigt Sie das?

Ich habe meine Stunden bei der Arbeit so weit reduziert, dass die 300 Euro nicht mal die Hälfte auffangen. Den Eltern geht’s doch auch gar nicht um 300 Euro. Den Eltern geht’s doch darum, dass man seinen Kindern wieder gerecht wird.

Was wünschen Sie sich als Vertreterin der Eltern von der Stadt?

Die Kita-Krise gibt es ja nicht erst seit Corona. Es fehlen im kommenden Jahr über 1.000 Kitaplätze, weil Fachpersonal fehlt und weil der Ausbau dem Bedarf hinterher hinkt. Die Schließung jetzt hat gezeigt, welchen elementaren Beitrag die Kinderbetreuungsangebote zur frühkindlichen Bildung und Entwicklung leisten. Bedauerlich, dass es erst dadurch der breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein kam.

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