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Amtsleiter im Interview

Migration im Enzkreis: „Nach der Flüchtlingswelle hat sich alles sehr gut eingependelt“

Eine noch Jahrzehnte andauernde Aufgabe, so sieht Lukas Klingenberg die Herausforderung Einwanderung. Der Leiter des Amts für Migration beim Landratsamt Enzkreis gibt im Interview einen Einblick in die Arbeit des Amts.

Die Arbeit geht nicht aus: Lukas Klingenberg steht vor dem Ausländeramt, das zu seinem Arbeitsgebiet im Landratsamt zählt. Foto: Jürgen Peche

Lukas Klingenberg (45) hat zur Jahresmitte die Leitung des rund 40 Mitarbeiter zählenden Amts für Migration und Flüchtlinge beim Landratsamt Enzkreis übernommen.

Im Jahr 2016, zum Höhepunkt des Flüchtlingszustroms, war er bereits als stellvertretender Leiter im gleichen Amt – um dann noch für zwei Jahre Chef des Straßenverkehrsamts in Calw zu werden.

Die alte Wirkungsstätte in Pforzheim kennt der gebürtige Donaueschinger also gut. Wie er seine Aufgabe sieht, schildert er unserem Mitarbeiter Jürgen Peche.

Sie haben eine bunte Abfolge in ihrer Ausbildung hingelegt. Wie kam das zustande?
Klingenberg

Das stimmt. Nach der Mittlerem Reife hätte ich nicht gedacht, dass ich mal in der Verwaltung lande. Nach meiner schulischen Ausbildung habe ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Nach dem Zivildienst stand früh fest, dass ich noch weitermachen möchte und ich habe auf dem zweiten Bildungsweg die Allgemeine Hochschulreife nachgeholt. Ein Nachbar von mir arbeitete damals in der Arbeitsagentur und hat mich für die Verwaltung begeistert. So habe ich dann mein Studium als Diplom-Verwaltungswirt (FH) absolviert und bin letztlich in der Verwaltung gelandet. Bis jetzt bereue ich den Schritt nicht, da Verwaltung sehr facettenreich ist.

Sie haben den Höhepunkt der Flüchtlingswelle hier erlebt. Rechnen Sie damit, dass es jetzt eher ruhig bleibt?
Klingenberg

Die politische Welt ist sehr volatil, um die Lage mal mit Aktienkursen zu vergleichen. Deshalb fahre ich immer auf Sicht und hoffe, dass so eine Flüchtlingswelle, wie wir sie 2015/2016 erlebt haben, so schnell nicht wieder kommt. Man muss aber stetig die Lage beobachten. Derzeit ist der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan eine unsichere Komponente auf die Entwicklung der Flüchtlingsbewegung.

Geht Ihnen die Arbeit aus?
Klingenberg

Nein, absolut nicht. Kein Tag ist wie der andere. Es werden ja noch monatlich Flüchtlinge zugewiesen, sodass uns nicht langweilig wird.

Ist nach der Unterbringung nun die Integration für Sie die Hauptaufgabe?
Klingenberg

Auf jeden Fall. Für mich ist Integration eine Aufgabe, die uns als Gesellschaft noch sehr lange beschäftigten wird, aber äußerst komplex ist und nicht so schnell erledigt sein wird, sondern noch Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte benötigt.

Welche Unterbringungsprobleme gibt es derzeit noch?
Klingenberg

Akute Probleme gibt es nicht, bezogen auf die Unterbringung, für die wir als untere Aufnahmebehörde zuständig sind. Nach der Flüchtlingswelle hat sich insoweit alles sehr gut eingependelt. Dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass viele anerkannte Flüchtlinge noch in Anschlussunterbringung in den Gemeinden untergebracht sind, die Wohnraum außerhalb der Obdachlosenunterbringung benötigen. Hier ist die Politik gefragt, im Rahmen von sozialem Wohnungsraum etwas zu tun, und dies nicht nur für Flüchtlinge, sondern allgemein.

Sind die Erstunterkünfte inzwischen alle geschlossen?
Klingenberg

Derzeit betreiben wir als untere Aufnahmebehörde noch zehn Unterkünfte, in denen 260 Personen leben. Wenn keine Krise kommt, wird dies voraussichtlich das Niveau sein, das wir dauerhaft benötigen.

Wie sind Ihre Kontakte in die Gemeinden, in denen die Migranten und Flüchtlinge leben?
Klingenberg

Ich bin natürlich jetzt am Aufbau der Kontakte. Der Kontakt zu den Gemeinden ist mir ganz besonders wichtig. Besonders wichtig ist mir, dass wir bei Problemen möglichst pragmatische Lösungen finden. Nur zusammen können wir das Thema Flüchtlinge gut bearbeiten.

Haben Sie eine mögliche Radikalisierung der Flüchtlinge im Blick?
Klingenberg

Ja. Zum Glück handelt es sich ja um absolute Einzelfälle. Beim Innenministerium ist hierfür eine extra Stelle eingerichtet worden, denen wir diese Fälle melden. Diese prüfen dann die weiteren Schritte.

Wo hört bei der Integration Ihre Arbeit auf und wo fängt sie bei Mitbürgern, Arbeitsagentur oder Jobcenter an?
Klingenberg

Wir als Amt für Migration und Flüchtlinge sind ganz am Anfang der Kette, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Wir vermitteln dann in Sprachkurse. Bei positiv abgeschlossenem Asylverfahren ist in vielen Fällen das Jobcenter zuständig. Hier erfolgt eine äußerst gute Zusammenarbeit, da wir das Jobcenter im Hause haben.

Gibt es ausreichend Angebote für Sprachkurse und Integration allgemein?
Klingenberg

Ja. Während der Krise 2015/2016 gab es noch zu wenig Plätze. Dies hat sich aber nun gut eingependelt.

Welche Arbeit können und sollten Ehrenamtliche leisten bei der Integration?
Klingenberg

Ehrenamtliche sind ein wichtiger Baustein bei der Integration. Gerade in der Flüchtlingswelle haben sie einen wichtigen Beitrag geleistet und uns auch unterstützt. Hierfür auch ein Dank von meiner Seite aus. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man immer „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Fokus hat und nicht alles abnimmt.

Sind Sie auch in Rückführungen oder Abschiebungen involviert und in wieweit geht Ihnen das persönlich nahe?
Klingenberg

Nein, sind wir nicht. Abschiebungen oder Rückführungen werden über das Regierungspräsidium Karlsruhe koordiniert. Wir erfahren sehr spät davon. An meiner Stelle muss ich eine professionelle Distanz haben zu dem Thema, ansonsten wäre ich fehl am Platz. Natürlich verstehe ich jeden, dem das persönlich nahegeht, wenn ein enger Freund oder Kollege plötzlich abgeschoben wird.

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