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Nöttinger Physiotherapeutin demonstriert in Berlin

Corona macht Heilmittelpraxen in Remchingen zu schaffen

Modesta Kriebel kämpft dafür, dass sich die Situation der Heilmittelpraxen verbessert. Und das seit Jahren. Corona habe alles noch weiter verschärft. Kriebel will nun Kollegen ermutigen, bei einer Demo in Berlin mitzumachen.

Therapie unter erschwerten Bedingungen: Die Nöttinger Physiotherapeutin Modesta Kriebel (hier bei der reflektorischen Atemtherapie) kämpft für bessere Arbeitsbedingungen in Heilmittelpraxen. Die Lage ist durch Corona noch schwieriger geworden. Foto: Herbert Ehmann

„Es sind die Schwächsten, die das Nachsehen haben: Patienten mit Hirntumor, mit schweren neurologischen Krankheitsbildern oder Kinder mit Stoffwechselkrankheiten“, sagt Modesta Kriebel.

Die Nachfrage von Patienten aus dem ganzen Enzkreis sei massiv, „doch wir können sie nicht alle behandeln“, schildert sie die Situation in Remchingen. Denn bis vor wenigen Jahren gab es in der Gemeinde sieben Heilarztpraxen, jetzt sind es nur noch vier.

Ein Grund ist der Fachkräftemangel in der Branche. Abiturienten beispielsweise haken von vornherein den Therapieberuf ab, nachdem sie sich über Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten informiert haben, erzählt die Physiotherapeutin: „Wir suchen händeringend nach Kollegen.“

Es sind die Schwächsten, die das Nachsehen haben.
Modesta Kriebel, Physiotherapeutin aus Nöttingen

Hinzu komme, dass drei ihrer vier Angestellten aus familiären Gründen nicht in der Lage seien, mehr Zeit in die Arbeit zu investieren. Patienten nicht behandeln zu können oder mit Wartezeit vertrösten zu müssen – das sei schon frustrierend, sagt Kriebel, die in ihrer Praxis überwiegend mit behinderten Kindern und Erwachsenen arbeitet.

Schwierig sei auch, Patienten, die für einstündige Post-Covid-Atemtherapien kommen, die notwendige Behandlungszeit einzuräumen.

Demo am 5. Juni in Berlin

Was die Lage noch zusätzlich erschwere, seien die ganzen Auflagen rund um Corona: „Der Beruf der Physiotherapeutin ist vorher schon anstrengend gewesen, aber die Pandemie hat alles noch verschlimmert“, so Kriebel. Jeden Tag acht bis zehn Stunden Arbeit mit FFP2-Maske und ein „enormer Putzaufwand“.

Hinzu kommen hohe zusätzliche Ausgaben für Masken und Desinfektionsmittel. Für bessere Rahmenbedingungen für Heilmittelerbringer wie Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Masseure und Podologen will die 43-Jährige bei einer Demo der Therapeutenvereinigung am 5. Juni in Berlin auf die Straße gehen.

Dafür will sie auch Kollegen mobilisieren. Die Teilnehmer fordern eine angemessene Vergütung: 50 Prozent mehr Geld, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Außerdem eine Reform der Ausbildung, die Abschaffung des Schulgeldes und ein Mitspracherecht im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

Stärkere Zusammenarbeit mit Ärzten erwünscht

Kriebel wünscht sich auch eine stärkere Kooperation mit Ärzten. Auf dem Dorf sei das möglich, aber in den Städten utopisch, sagt die Physiotherapeutin. Sie will sich – genau wie viele ihrer Kollegen – Zeit lassen mit der Zustimmung zu den neuen Versorgungsverträgen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), deren Inhalte noch unbekannt seien.

Erzürnt sei die Branche über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem Bundestagsmitglied Roy Kühne persönliche Bereicherung vorgeworfen werde, weil sein Gesundheitszentrum im südniedersächsischen Northeim vom Rettungsschirm des Bundes profitiert habe.

„Der Vorwurf ist einfach falsch. Der Rettungsschirm hat mit Sicherheit vielen Therapiepraxen den Hals gerettet“, ist Kriebel überzeugt. Sie hat einen langen Leserbrief geschrieben, der auf Facebook mehr als 23.600 Likes erhalten hat.

Kühne ist gelernter Sport- und Physiotherapeut und Mitglied im Gesundheitsausschuss und habe als Fürsprecher der Heilmittelpraxen „dicke Bretter gebohrt“. Erreicht habe er, dass die Therapeuten von der Grundlohnsumme abgekoppelt wurden. „

Das ist ein Meilenstein. Das hat noch kein Gesundheitsminister angepackt“, so Kriebel. Seitdem könne frei über die Vergütung verhandelt werden.

Trotz aller Schwierigkeiten ist Aufgeben für die Nöttinger Physiotherapeutin momentan keine Option. „Mir ist klar, dass durch Corona Existenzen bedroht sind und Lebensträume platzen. Meiner ist auch kurz davor.“

Wie lange die Kraft noch reicht? „Keine Ahnung. Aber noch werde ich das nicht kampflos hinnehmen. Ich habe zu viel in meine Aus- und Weiterbildung investiert, ich tue genau das, worin ich gut bin. Ich helfe behinderten Kindern und Erwachsenen.“

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