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Experten sind besorgt

Spaziergänger im Enzkreis gefährden junge Wildtiere durch gut gemeinte Rettungsaktionen

Rehkitze und Waldkäuze lösen bei Spaziergängern häufig den Helferinstinkt aus – meistens sind diese Tiere jedoch gar nicht in Not. Experten blicken daher mit Sorge auf die nächsten Wochen.

Rehkitze liegen am Anfang häufig allein auf dem Boden. Sie sind geruchslos und verlassen sich ganz auf ihre Tarnung. Foto: Franz Lechner

Naturschützern wie Thomas Köberle, dem Mühlackerer Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes Enzkreis oder Simone Reusch, Mönsheimer Vorstandsmitglied der BUND-Gruppe Heckengäu und auch dem im Landratsamt angestellten Wildtierbeauftragten für den Enzkreis, Bernhard Brenneis stehen die Haare zu Berge, wenn sie an die nächsten Wochen denken.

„Schon in normalen Jahren sind gut die Hälfte aller Tiere, die uns als Notfälle gemeldet beziehungsweise gebracht werden, nicht wirklich in Not“, erklärt Köberle. Er fürchtet, genauso wie Brenneis und Reusch, dass das in diesem Jahr sogar noch schlimmer wird.

Jedes zweite Tier also, das im vergangenen Jahr von gutmeinenden, aber unwissenden Enzkreis-Bewohnern bei den privaten Wildtierhelfern im Enzkreis abgeliefert wurde, geriet also erst durch die Hilfe seiner Retter in Gefahr. „Was vielen Menschen heute leider fehlt, ist Wissen über die heimische Natur und das führt immer wieder zu unsinnigen Rettungsaktionen“, bestätigt auch Simone Reusch.

Spaziergänger stoßen im Wald auf junge Wildtiere – und reagieren falsch

Die Kinderstuben in der Natur, die sich jetzt langsam zu füllen beginnen, sind also schon in normalen Zeiten durch „helfende“ Hände gefährdet. „Derzeit strömen aber wegen Corona so viele Menschen in die Wälder, dass die Begegnungen zwischen Jungtieren und Menschen zwangsläufig deutlich zunehmen werden“, erklären Köberle, Reusch und Brenneis, warum sie mit Sorge auf die nächsten Wochen blicken.

Ausgerechnet solche Menschen stoßen am ehesten auf junge Hasen, Rehe oder andere Jungtiere.
Bernhard Brenneis, Wildtierbeauftragter

Zumal viele von diesen neuen „Naturfreunden“ rücksichtslos kreuz und quer über Wiesen, Felder und durch Wälder laufen, wie auch viele Jäger und Förster beklagen. „Ausgerechnet solche Menschen, die nicht auf den Wegen bleiben, stoßen am ehesten auf junge Hasen, Rehe oder andere Jungtiere“, sagt auch der Wildtierbeauftragte Bernhard Brenneis.

Tierfreunde, die nicht wissen, dass es ganz normal ist, dass Rehkitze oder kleine Häslein in den ersten Lebenstagen allein und ohne Muttertier auf dem Boden liegen, werden dann tatsächlich schnell vom Helfersyndrom überwältigt. Zum Leid der Jungtiere und ihrer Mütter. „Rehkitze sind in den ersten Lebenstagen völlig geruchslos und verlassen sich daher völlig auf ihre Tarnung“, erklärt Brenneis, warum die Tiere manchmal bis zum bitteren Ende durch freilaufende Hunde, Mähmaschinen oder helfende Hände regungslos liegen bleiben.

Werden die Kitze von Menschen ohne Handschuhe angefasst, riechen sie für ihre Mütter so fremd, dass die ihren Nachwuchs oft verlassen. „Wer also auf ein im Versteck liegendes Rehkitz, auf kleine Feldhasen oder junge Wildschweine trifft, sollte sich, ohne die Tiere zu berühren, schnell zurückziehen“, rät der Wildtierbeauftragte.

Junge Waldkäuze erscheinen Menschen oft hilfsbedürftig

Ähnliche Gefühle wie Rehkitze lösen häufig auch Waldkäuze bei Spaziergängern aus. Mit ihren riesigen, dunklen Babyaugen und ihrem strubbeligen Daunengefieder wecken sie bei vielen Menschen den Helferinstinkt. „Junge Waldkäuze werden immer wieder eingesammelt und bei uns abgeliefert“, bestätigen Simone Reusch und Thomas Köberle. Der Grund sei, dass Waldkäuze aber auch andere Greifvögel oft lange bevor sie fliegen können, ihr Nest verlassen.

Ästlinge nennt man diese Jungvögel, die oft in geringer Höhe nebeneinander auf einem Ast sitzen und die dem vor ihnen stehenden Menschen meist ohne Scheu neugierig entgegenblinzeln. „Solche junge Eulen oder andere Greifvögel wirklich nur dann mitnehmen, wenn sie völlig offensichtlich in Not sind“, bittet Simone Reusch.

Dieser Waldkauz wurde bei den Wildtierhelfern abgegeben. Dabei war er gar nicht in Not. Foto: Franz Lechner

Das gilt selbstverständlich auch für andere Jungvögel. Lediglich kleine Schwalben oder Mauersegler seien tatsächlich auf Hilfe angewiesen, wenn sie irgendwo auf dem Boden sitzen – „alle anderen jungen Singvögel werden von ihren Elterntieren auch außerhalb des Nestes gefüttert“, betont Thomas Köberle und ergänzt, dass es auch bei jungen Singvögeln oft vorkommt, dass sie ihr Nest verlassen, bevor sie fliegen können.

„Wer auf solche scheinbar hilflosen Jungvögel trifft, sollte sie am besten wieder in ihr Nest oder zumindest in einen Strauch setzen, so dass sie vor Katzen und anderen Beutegreifern geschützt sind“, lautet der Ratschlag der drei Fachleute.

Tatsächlich gehören junge Tiere nur im äußersten Notfall in die Hände von Menschen. „Auch Tierkinder werden nämlich durch ihre Eltern auf ihr Leben vorbereitet und ohne diese Anleitung sinken die Chancen auf ein erfolgreiches Überleben in der Natur“, sind sich die drei Naturkenner einig.

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