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Polizei ermittelt

Toter Vater und tote Tochter in Neuhausen-Steinegg: Der Schock im Ort sitzt tief

Zwei Tage, nachdem ein Familienvater und seine 13-jährige Tochter in Steinegg gestorben sind, wertet die Polizei Spuren aus. Gegenstand der Ermittlungen ist insbesondere, ob es sich um einen erweiterten Suizid handelt.

Ort unter Schock: In Steinegg hat sich am Samstagabend ein Familiendrama zugetragen. Ein Familienvater und seine Tochter wurden tot aufgefunden. Foto: Herbert Ehmann

Der Wind wirbelt Blätter durch die Luft, es herrscht eine fast friedvolle Stille in Steinegg, einem Teilort der Gemeinde Neuhausen. Nur wenige Menschen sind an diesem Vormittag unterwegs in dem Wohngebiet, in dem sich am Samstagabend Schreckliches ereignet hat. Mutter und Sohn fanden den 62-jährigen Familienvater und die 13-jährige Tochter tot auf.

Schock sitzt tief im 1.000-Einwohner-Ort

Am Montag sind an dem Anwesen die Läden heruntergelassen. „Es ist schlimm genug“, meint eine Nachbarin, mehr will sie nicht sagen. Eine andere Anwohnerin, die mit einer jüngeren Frau einen Kinderwagen durch die Straße schiebt, sieht kurz auf. „Es berührt mich zu sehr, um darüber zu reden“, sagt sie. Der Schock über ein Ereignis, das niemand begreifen kann, sitzt tief.

Was geschehen ist und warum, versucht die Polizei herauszufinden. „Der Opferschutz steht an oberster Stelle“, begründet Polizeisprecher Dirk Wagner, warum er zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Aussagen machen will oder kann. Ob es sich um einen erweiterten Suizid handelt, sei Gegenstand der Untersuchung. Es müssten noch Spuren ausgewertet werden. Die Kriminalpolizei ermittelt.

Familienvater galt als fröhlicher Mensch

Die Frage nach dem Warum beschäftigt auch Menschen im weiteren Umfeld der Familie. Volker Heuchele hat keine Antwort darauf. Der Feuerwehrabteilungskommandant war mit seiner Truppe am Samstagabend vor Ort.

Als er zu der ihm bekannten Adresse gerufen wurde, habe er es nicht glauben können. „Das Bild wird mich mein Leben lang begleiten“, sagt Heuchele. In der Nacht danach habe er kein Auge zugetan. „Man hat sich vom Sandkasten her gekannt und immer miteinander geredet“, erzählt der Feuerwehrmann.

Den Familienvater beschreibt er als gutmütigen, fröhlichen und hilfsbereiten Menschen, der seine Tochter, die eine Behinderung hatte, sehr geliebt habe.

Wenn etwas ist, macht man es mit sich selbst aus.
Julian Albrecht, Pfarrer

In dem knapp 1.000 Einwohner zählenden Ort kennt man sich. Eine „große Betroffenheit“ spürt Pfarrer Julian Albrecht. Er kannte den Verstorbenen vom Sehen. Der Geistliche wohnt in Mühlhausen, Steinegg zählt zu seinem Zuständigkeitsbereich.

„Wenn so etwas passiert, werden die Menschen aus ihrer heilen Welt herausgerissen und merken, dass sie doch nicht so heil ist.“ Albrecht ist seit zehn Jahren Seelsorger im Speckgürtel von Pforzheim, wie er es beschreibt, weit genug entfernt von sozialen Brennpunkten der Großstadt.

„Die Menschen haben sich hochgearbeitet, sie ziehen aufs Land, bauen sich etwas auf, wiegen sich in Sicherheit. Und wenn etwas ist, macht man es mit sich selbst aus.“ Niemand lasse sich in den Kopf schauen.

Seelsorgerliche Angebote sind da, doch keiner nutzt sie

Albrecht vermutet, dass der Zwang, sich und der Welt beweisen zu müssen, dass man alles unter Kontrolle hat, noch stärker ist, wenn man an einem Ort fest verwurzelt ist. Die „Angst, als Versager dazustehen“, ist für Albrecht das Hauptproblem.

Durch die Corona-Pandemie habe es sich noch verschärft. Der Bedarf an seelsorgerlicher Betreuung sei groß. „Die Angebote sind da, aber sie werden nicht genutzt.“ Jüngere Menschen suchten sich eher professionelle Hilfe. Die Gefahr, dass sich angestaute Probleme auf solche Weise entluden, sei groß.

Wie groß, das haben der Pfarrer und viele andere Menschen vor anderthalb Jahren erlebt, als im wenige Kilometer entfernten Tiefenbronn-Mühlhausen ein Familienvater Ehefrau und einen Sohn tötete und sich selbst das Leben nehmen wollte.

Feuerwehrleute dankbar um Betreuung

Feuerwehrabteilungskommandant Heuchele und seine Leute jedenfalls waren froh und dankbar, dass sie am Samstagabend, ebenso wie die betroffene Familie, seelsorgerliche Hilfe erhielten. „Kreisbrandmeister Carsten Sorg hat die Notfallseelsorge gerufen, sie waren ruckzuck da.“ Ein sechsköpfiges Team aus Notfallseelsorge Pforzheim/Enzkreis, die verzahnt ist mit einem Einsatznachfolgeteam, kümmerte sich.

Der Pforzheimer Pfarrer Hans Gölz-Eisinger war unter ihnen. Er berichtet von einer für alle Beteiligte belastende Situation, in der sensibles Handeln das Wichtigste sei. Es gehe immer auch um die persönliche Betroffenheit der Einsatzkräfte, erklärt er. Die ist umso stärker in einem Ort, in dem, wie Gölz-Eisinger sagt, „jeder irgendwie jeden kennt“. Seinem jungem Kollegen hätten die Knie gezittert, erzählt Kommandant Heuchele. „Es ist wichtig, dass man nicht glaubt, den starken Mann spielen zu müssen.“ Sein älterer Kollege habe zum Verstorbenen ein sehr gutes Verhältnis gehabt. „Wir haben alle lange miteinander gesprochen.“

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