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Gebürtige Waldbronnerin

Fotografin Sibylle Fendt gibt Geflüchteten im Holzbachtal ein Gesicht

Drei Jahre lang hat die gebürtig aus Waldbronn stammende Fotografin Sibylle Fendt die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Holzbachtal mit der Kamera porträtiert. Die Bilder sind nun in dem Fotoband „Holzbachtal, nothing, nothing” erschienen.

Hasibullah Gholamnabi hat von seinen Eltern dieses Gewand für das Fest des Fastenbrechens per Post zugeschickt bekommen. Foto: Sibylle Fendt

Schlafen, kochen, warten, mit dem Handy spielen: Mehr hatten die Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft im Holzbachtal nicht zu tun. 14 Mal hat Sibylle Fendt die Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft besucht. Meistens drei bis fünf Tage lang. Übernachtet hat die 46-Jährige in der Zeit bei ihren Eltern in Waldbronn, wo sie aufgewachsen ist.

Die Schließung der Unterkunft im Dezember 2018 hat auch ihr Fotoprojekt beendet. „Ich glaube, sonst säße ich heute noch mit den Bewohnern zusammen”, sagt die gebürtige Karlsruherin lachend. Sie hat ihnen beim Kochen zugeschaut, mit ihnen Tee getrunken, sie aber auch beim Einkaufen und bei Behördengängen begleitet.

„Frühstück” heißt die Aufnahme, mit der Fotografin Sibylle Fendt in ihrem Fotobuch „Holzbachtal, nothing, nothing“ über Jahre den Alltag der Bewohner in der Flüchtlingsunterkunft im Holzbachtal festgehalten hat. Foto: Sibylle Fendt

Der Kontakt sei „supernett” gewesen, manche hätten ihr zwischen den Besuchen Nachrichten geschickt und gefragt, wann sie wiederkäme.

Mit einigen von ihnen, die immer noch in der Gegend wohnen, hat sie sich vor kurzem im Conweiler Bürgerhaus getroffen und dabei auch das Fotobuch verteilt. Das Wiedersehen sei „berührend” gewesen, sagt Fendt.

Fendt begleitet Menschen in Krisensituationen

Porträtfotografie ist Fendts Spezialgebiet. Für ihre oft auf Jahre angelegten, sozialkritischen Projekte begleitet die Mutter von zwei Söhnen Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Bekannt wurde Fendt mit Bildern von Messies, die sie in ihrem Umfeld fotografierte.

Auf das Holzbachtal stieß die Fotografin 2011, als sie nach abgelegenen Flüchtlingsheimen recherchierte. Die Unterkunft „im Nichts” zwischen Langenalb und Marxzell stand in einem schlechten Ruf, ein „worst case” also, erzählt sie.

Beim Landratsamt Enzkreis, das seit 1998 für das Heim zuständig war, rief sie an und erzählte dem zuständigen Mitarbeiter von ihrem Fotoprojekt. „Der hat nur gesagt: Muss das sein?”, erinnert sich die Fotografin.

Fotos soll Mitgefühl für Betroffenen wecken

Mit ihren Porträts und Stillleben, die sie mit einer analogen Mittelformat-Kamera gemacht hat, will Fendt Mitgefühl und Verständnis für die Situation der Flüchtlinge wecken. Unter anderem indem der Betrachter die Perspektive des Bewohners einnimmt – etwa beim Blick durch das Fenster auf die immer gleiche Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten.

Sicher sei es anmaßend, wenn sie als Fremde die oft deprimierenden Zustände in der Flüchtlingsunterkunft festhalte, reflektiert Fendt. „Das ist eine Ohrfeige für die Ehrenamtlichen, die sich im Holzbachtal engagiert haben.”

Das Gebäude war heruntergekommen, kaum jemand kümmerte sich um die Bewohner, die im Heim an den Rand der Gemeinde und der Gesellschaft gerückt wurden. „Das ist tragisch, weil es in vielen Orten so ist. Daher hat das Buch auch kein Verfallsdatum – auch wenn die Unterkunft inzwischen geschlossen ist”, so Fendt.

Das Leben der Bewohner blieb ein Rätsel

Mit ihren Fotos will Fendt auch Verantwortung übernehmen: „Wenn wir in Deutschland Flüchtlinge aufnehmen, entscheiden wir doch, in welche Situation wir die Leute stecken.” Auch wenn mit einigen der Bewohner der Unterkunft ein fast freundschaftliches Verhältnis entstand, sei deren Leben für sie dennoch ein Rätsel geblieben, räumt Fendt ein.

Auch die Frage, was man machen würde, wäre man selbst Flüchtling, greife zu kurz: „Ich weiß nicht, was sie alles erlebt haben und welche Traumata sie mit sich rumschleppen. Mit oberschlauen Tipps kann man ihnen jedenfalls nicht kommen.”

Einige der Bewohner hat Fendt beim Auszug aus dem Holzbachtal begleitet. Einige leben inzwischen in eigenen Wohnungen und zu manchen hat sie immer noch Kontakt. Ein Flüchtling aus Afghanistan, der mit 17 Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat inzwischen eine Ausbildung beendet. „Davor ziehe ich meinen Hut.”

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