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Mittelalterliches Ritual mit Hammerschlägen

Goldschmiede feiern in Pforzheim ihre Meisterleistung

Ein roter Punkt auf der Stirn und darüber ein weißer: Nur Insider können diese Zeichen deuten. Es ist das Erkennungszeichen der neuen Gold- und Silberschmiedemeister.

Mit Polierrot zum Meistertitel: Beim Meistertrunk werden alte Rituale gepflegt. Die Jungmeister des Gold- und Silberschmiedehandwerks bekommen einen roten Punkt auf die Stirn. Foto: Christina Zäpfel

18-Karat-Gelbgold – mit diesem Material arbeitet die 26-jährige Clara Löwe am liebsten. Und ziemlich wahrscheinlich ist es, dass sie das die nächsten Monate und Jahre sehr erfolgreich tun wird.

Zum einen ist Gelbgold nach wie vor angesagt, zum anderen ist die frischgebackene Meister-Gold- und Silberschmiedin gerade in Pforzheim mit dem Ernst-Alexander-Wellendorff-Preis ausgezeichnet worden.

Ein Jobangebot aus Wien liegt schon vor. Vielleicht geht sie aber auch in ihre Heimat zurück. Es gilt, weitere Erfahrung zu sammeln, um sich dann irgendwann selbständig zu machen.

Die Werke der neuen Gold- und Silberschmiedemeister sind noch unter Verschluss

Löwe stammt aus der Messerstadt Solingen. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr hat sie dort ihre Ausbildung absolviert und kurz als Gesellin gearbeitet, bevor es nach Pforzheim zur Meisterschule ging.

Löwe hat den Preis mit ihrem Meisterstück verdient – „für herausragende praktische Arbeit“, wie der ehemalige Wellendorff-Produktionsleiter Karl Urbitsch erklärte.

Es handelt sich dabei nicht um eine Kette, einen Ring oder eine Brosche: Löwe hat einen Lippenstift gestaltet, aus – na klar – 18-karätigem Gold, schlicht, edel - und er soll sich perfekt in die Hand schmiegen, wie Urbitsch erklärte. In echt zu sehen gab es das Stück beim Meistertrunk im Pforzheimer Parkhotel freilich nicht. Die Stücke aller acht Absolventen sind noch unter Verschluss.

Absolventen in Pforzheim stammen aus ganz Deutschland

Den Meisterbrief haben sie nach einem Jahr auf der Goldschmiedeschule aber in der Tasche. Und das wurde gefeiert. Dazu hatte die Gold- und Silberschmiede-Innung Pforzheim-Enzkreis geladen.

Die Zeremonie des Meistertrunks stammt aus dem Mittelalter wie Obermeisterin Margit Köpfer erklärte. Mit einem Schwur, einem Hammerschlag auf die Schulter, dem Trunk und mit einem roten und weißen Punkt auf der Stirn werden die Jungmeister in den Kreis der „ehrbaren Goldschmiedemeister“ aufgenommen.

Punktgenau: Mit dem Mineral Borax bekommen die neuen Goldschmiede-Meister einen weißen Punkt auf die Stirn gemalt. Damit gehören sie fortan zur Meisterriege ihres Faches. Foto: Christina Zäpfel

Die acht Absolventen stammen aus ganz Deutschland. Ortwin Thyssen aus Münster etwa hat die vergangenen 20 Jahre in England gelebt und dort eine eigene Schmuckfirma betrieben. Der Brexit hat ihn zurück nach Deutschland getrieben – Fachkräftemangel in Großbritannien. Er wird ab nächstem Schuljahr in Pforzheim an der Goldschmiedeschule unterrichten.

Ich verspreche dies, so wahr ich Goldschmied bin
Schwur der neuen Goldschmiedemeister

Auch künftig werde hochwertig gefertigter Schmuck konkurrenzfähig sein, prophezeite Köpfer. Mit qualitativer Handwerksarbeit könne man sich von der Massenproduktion absetzen. „Der Meisterbrief wird in Ihrem Berufsleben für Sie von großer Bedeutung sein. Er zeigt ihre Begeisterung für Qualität.“

Michael Kiefer, Rektor der Pforzheimer Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule, erinnerte an Unterricht unter Corona-Bedingungen: Löten, Feilen, Sägen, das war nicht ohne Weiteres digital zu vermitteln. Er sprach von den „Grenzen der Digitalisierung“. Trotzdem konnte er nun die acht Neumeister ins weitere Berufsleben entlassen. „Reichen Sie das Wissen an die nächste Generation weiter“, rief er den Gold- und Silberschmieden zu.

Mittelmaß ist unerträglich

Vier Hammerschläge läuteten die Zeremonie ein. 1972 hatte sich die Innung an den mittelalterlichen Brauch erinnert und ihn wieder ins Leben gerufen. Verpflichtet wurden die Absolventen 2020 dabei auch auf Tugenden, die nicht geprüft wurden: Ehrlichkeit etwa oder die Verpflichtung zu höchster Qualität und zur Ehrbarkeit des Handwerks.

„Ich verspreche dies, so wahr ich Goldschmied bin“, mussten die acht nachsprechen. Die Mitglieder der Prüfungskommission schritten zur Tat. Zunächst bekamen die Meister einen weißen Punkt auf die Stirn verpasst, mit Borax, einem Mineral, das beim Schmelzen von Gold verwendet wird. Danach gab es den roten Punkt mit Polierrot, ein Mittel, das zum Polieren von edlen Materialien eingesetzt wird.

Es folgte der sanfte Hammerschlag auf die Schulter und dann der Trunk. Vier Kelche wurden ausgeteilt, jeder versehen mit einem Spruch. „Für den wahren Meister ist das Mittelmaß unerträglich“, mahnt etwa ein Satz. Damit wurden die acht Absolventen der einjährigen Pforzheimer Meisterschule offiziell in ihr Meistersein entlassen.

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