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Ampel ist Rot

Grund zur Sorge bei Miet-Entwicklung in Pforzheim?

Pforzheim versagt auf vielen Ebenen: Die Mieten steigen, in großen Bereichen der Oststadt und der Weststadt bezieht jede fünfte Familie Hartz IV. Was sagen die Vertreter der Stadt dazu?

In der Oststadt leben zahlreiche Menschen mit Hartz-IV-Bezug, die kaum noch ihre Mieten zahlen können
In der Oststadt leben zahlreiche Menschen mit Hartz-IV-Bezug, die kaum noch ihre Mieten zahlen können Foto: Jürgen Peche

Die Ampel als Indikator ist auch bei der Bewertung von Sozialdaten sehr beliebt. In vielen Bereichen steht sie in Pforzheim inzwischen auf Rot, etwa bei den Mieten, bei Arbeit, Erziehung und Bildung. Alles Kernbereiche des Lebens. Kirstin Niemann von der Abteilung Sozialplanung und Controlling des Jugend- und Sozialamts legte das Dilemma in der gemeinsamen Sitzung von Jugendhilfeausschuss und Ausschuss für Soziales und Beschäftigung offen.

Bei den Mieten ist die Entwicklung auch in Pforzheim dramatisch. So beträgt der Mietanstieg in den Jahren von 2010 bis 2020 im Mittel 25 Prozent. Von einer „sehr deutlichen“ Mietpreissteigerung sind Niemann zufolge Wohnungen mit älterem Baujahr vor 1948 mit 40 Prozent Teuerung betroffen.

Ein Weg aus der Notlage könnte sozialer Wohnungsbau sein, doch der befinde sich in Pforzheim auf einem niedrigen Niveau mit einem „sehr geringen Bestand“: Von den rund 43 000 Wohnungen der Stadt sind gerade einmal 1144 Mietpreisgebunden, das entspricht 2,7 Prozent.

Ein bekanntes Bild mit wenig Aussicht auf Änderung.
Kirstin Niemann, Abteilung Sozialplanung und Controlling des Jugend- und Sozialamts

Wegen der eingeschränkten Fördermöglichkeiten wird sich laut Niemann beim Sozialen Wohnungsbau auch in naher Zukunft wenig tun. Die sozialen Folgen daraus zeigt sich in der sogenannten Segregation, einer Konzentration von armen Mitbürgern in den schlechten Wohnlagen entlang der Enz von Ost bis West.

Viel Verkehr, alte Bausubstanz und noch relativ niedrige Mieten bestimmen das Wohnungsangebot für Menschen mit geringem Einkommen. In großen Bereichen der Oststadt und der Weststadt bezieht jede fünfte Familie Hartz IV. „Ein bekanntes Bild mit wenig Aussicht auf Änderung“, stellt Niemann fest.

Zahl der Säuglinge nimmt zu

Die Zahl der Säuglinge und Kleinkinder hat seit 2014 um 34 beziehungsweise 25 Prozent zugenommen – ein Ergebnis der wachsenden Zuwanderung. Derzeit haben über 77 Prozent aller Kinder bis 14 Jahren einen Migrationshintergrund. Von diesen Kindern lebt inzwischen jedes fünfte in prekären Verhältnissen, weil in einer Bedarfsgemeinschaft mit Eltern, die Hartz IV beziehen.

Bei dieser Gruppe wird gemeinhin von Kinderarmut gesprochen. Mit 20 Prozent Anteil nimmt Pforzheim damit einen traurigen Spitzenplatz im Land ein – der Landesdurchschnitt liegt bei 15 Prozent. In ganz schwierigen Lagen wie in der West- und Oststadt sowie der Au liegt der Anteil der Kinderarmut sogar um die 35 Prozent.

Bei den Mieten steuern wir auf eine Katastrophe zu.
Jacqueline Roos (SPD), Fraktionsvorsitzende

Diese Zahlen versetzen Jacqueline Roos (SPD) in „große Sorge“. Sie rechnet dazu auch die schwierige Lage beim Thema Arbeit mit hoher Arbeitslosigkeit und Defiziten in der Ausbildung. Dies ziehe sich wie ein roter Faden bis hin zur Kinderarmut und auch Gesundheit. „Bei den Mieten steuern wir auf eine Katastrophe zu“, befürchtet die Sozialdemokratin, weil sich viele die nicht leisten könnten.

„Ich kenne Dutzende Menschen, die keinen bezahlbaren Wohnraum finden“, stimmt Caritas-Chef Frank Johannes Lemke mit ein. Der Oberbürgermeister müsse Kita und Wohnen mehr in den Fokus nehmen. Seine Forderung zielt auf eine Sozialquote beim Wohnungsbau.

„Sonst habe ich größte Sorge, dass wir weiter angehängt werden“. Ute Hötzer vom Paritätischen sieht „erschreckende Zahlen der Kinderarmut“. Einen Schlüssel bei den Anstrengungen, dies zu ändern, sieht sie im Bildungsplan. Die Sozialquote ist laut Hötzer in der Schublade des OB verschwunden, auf Wunsch der CDU.

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