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Nach Anschlag in Hanau

Keine Hinweise in Pforzheim auf Hanau-Nachahmer

Am Tag nach den Angriffen auf Shishabars in Hanau geben sich die Betreiber solcher Bars in Pforzheim kämpferisch und fordern mehr Hilfe von der Polizei. Dabei hat die türkische Gemeinde auch in der Goldstadt mit Gewalt und Alltagsrassismus zu kämpfen.

Die Ruhe bewahrt haben die Stammgäste von Ulas Özyilmaz (links in Rot). Zwar haben die meisten erst in der Shishabar London von den Attacken in Hanau gehört. Aus dem Konzept gebracht hat sie das aber nicht. Besorgter sind da schon die Inhaber. Foto: Kapp

Die Morde von Hanau scheinen in der Pforzheimer Shishabar London weit weg. Diesen Eindruck vermittelt die gut gelaunte und rauchende Kundschaft am Tag danach – auch, weil kaum jemand von dem Anschlag auf zwei Shishabars in Hessen gehört hat.

Anders allerdings ist die Gemütslage bei den Betreibern. „Unsere Türen sind offen. Man weiß nie, wer da kommt und was der dabei hat“, sagt Inhabersohn Ulas Özyilmaz. „Es könnte jedem passieren.“ Auch in Pforzheim? „Die Stadt ist schwierig“, sagt er. „Eigentlich nicht so groß, aber trotzdem mit viel Gewalt. Auch ohne Nazis habe man schon über Security am Wochenende nachgedacht. Die Tat in Hanau trage nicht zur Beruhigung bei.

Stadt Pforzheim kann Zahl der Shishabars nur schätzen

Rund 20 Shishabars gibt es in Pforzheim. Wie viele genau, das konnte die Stadt auf Nachfrage nicht genau sagen. Zu häufig wechselten die Betreiber, heißt es dort. Und viele wollen sich gegenüber der Presse nicht äußern. Tenor: Man hofft einfach, dass die Kunden weiter kommen.

Enes Deveci aus Pforzheim jedenfalls möchte an seinen Gewohnheiten nichts ändern. Zweimal in der Woche besuche er entsprechende Lokale, und das soll auch so bleiben. „Nachgeben ist nicht mein Ding. Dann kriegen die ja, was sie wollen“, sagt er – im Gegensatz zu Kübra Kilic, die betont: „Ich habe auf jeden Fall Angst. Da überlegt man zweimal.“

Polizei sieht keine Gefahr durch Trittbrettfahrer in Pforzheim

Verständnis für beide hat Ergan Askar, Inhaber von Golden Döner in der Westlichen Karl-Friedrich-Straße. Nur weil es diesmal Shishabars und nicht wie in Halle einen Dönerladen erwischt habe, sei er ja nicht weniger in Sorge. Nicht um sich selbst, wie er betont. „Aber ich sorge mich um meine fünf Kinder.“

Als Familienvater besorgt ist auch Fazli Isbilen. Dem Mitglied des Internationalen Beirats geht es dabei ähnlich wie Askar. „Ich fühle mich schon noch sicher in Pforzheim.“ Und doch werde er seinen Kindern sagen: „Passt auf, so lange die Geschichte noch heiß ist.“ Trittbrettfahrer seien möglich. Dafür habe die Polizei Pforzheim auf Nachfrage aber keine Hinweise erkannt.

Isbilen fordert schnellere Aufklärung bei Fatihspor-Attacken

Allerdings müssen die Pforzheimer auch gar nicht bis Hanau schauen, um aufgeschreckt zu sein. Erst vor einer Woche kam es zu einer Bombendrohung gegen die Fatih-Moschee . Zudem bleiben die Attacken auf das Vereinsheim von Fatihspor Pforzheim unaufgeklärt. Die Polizei erklärte, man werte derzeit im Fall Fatihspor Spuren aus, könne sich nicht weiter dazu äußern. Für Isbilen ist das zu wenig. „Es wäre besser, wenn die Polizei öfter darüber berichten würde.“

Alltagsrassismus ist auch Teil meiner Realität
Stadtrat Emre Nazli (Grüne Liste)

Dass das Gefühl von Sicherheit in den vergangenen Wochen gelitten hat, bestätigt Emre Nazli (Grüne Liste). „Es brodelt, auch in Pforzheim“, sagt er. „Es gibt einen Alltagsrassismus. Das ist auch Teil meiner Realität.“ Eine gewisse hetzerische Rhetorik werde „im Alltag mehr und mehr akzeptiert. Es sind Dinge normal geworden wie Ausgrenzungen und Ja-Aber-Rhetorik“.

Was man tun kann? „Sie konfrontieren, aber nicht streiten“, sagt Nazli und betont: „Egal, um wen es geht. Heute sind wir es, morgen vielleicht die Blonden und Blauäugigen. Es kann jeden treffen.“

Shishabar-Betreiber fordern erhöhte Polizeipräsenz

Die Pforzheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast teilt aus Berlin dazu mit: „Wir sind alle gefordert, alles zu tun, dass es erst gar nicht zu solchen entsetzlichen Taten kommt.“ Die Familie Özyilmaz in der Shishabar London allerdings treiben konkretere Sorgen um: „Worauf sollen wir hoffen, wenn etwas passiert? Auf ein Wunder?“, fragt Inhaberin Fatma Özyilmaz. Helfen könne nur eine verstärkte Polizeipräsenz vor Shishabars. „Wir können nur hoffen, dass der Freund und Helfer immer in der Nähe ist“, ergänzt Sohn Ulas.

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