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Vom Preis des Fleisches

Metzgerei-Handwerk will Kritik an Müller-Fleisch für sich nutzen

Inhabergeführte Metzgereien, von denen es früher in jeder Ortschaft wenigstens eine gab, führen seit Jahren einen schwierigen Abwehrkampf gegen Großbetriebe. Der Wirbel in der Corona-Krise um Müller-Fleisch in Birkenfeld eröffnet ihnen eine Chance, darauf aufmerksam zu machen.

Eine Metzgerei mit Tradition betreiben Andreas Beier und seine Tochter Nicole in Remchingen. Der Innungs-Obermeister will deutlich machen, wie die Arbeit in Handwerkbetrieben wie dem seinen mit Müller-Fleisch und anderen Industriebetrieben zusammenhängt. Foto: Zachmann

Wie viel darf ein Wurstbrötchen kosten? Es kann sein, dass die Pforzheimer Vesperkirche sich diese Frage auch nächstes Jahr nicht stellen muss. Wesentliche Kräfte der Fleischer-Innung erwägen dafür zu sorgen, dass es weder an Wurstbelag fehlt noch finanzielle Engpässe gibt, nachdem Müller-Fleisch als Spender nicht mehr willkommen ist. Ob es klappt und die Idee von Obermeister Andreas Beier umgesetzt wird, ist derzeit allerdings noch offen.

Es gleicht einem Coup, an Stelle des öffentlich einmal mehr in Misskredit geratenen industriellen Fleischbetriebs auf den Plan zu treten. Inhabergeführte Metzgereien, von denen es früher in jeder Ortschaft wenigstens eine gab, führen seit Jahren einen schwierigen Abwehrkampf gegen Großbetriebe.

Auch Innungsmitglieder kaufen bei Müller-Fleisch

Innungsmitglieder selbst schwächen zusätzlich ihre Position, wenn sie Schlachtgut aus der Fleischindustrie beziehen und mundgerecht für den Verkauf verarbeiten. Seitdem öffentliche Schlachthöfe weg sind und Vorschriften für das Töten und Zerlegen von Tieren derart verschärft wurden, dass normale Metzgereien die erforderlichen Investitionen nicht stemmen konnten, fehlt es allerdings oft an Alternativen.

Großhandelspreise lassen sich mit dieser Einkaufspolitik dennoch nicht erzielen. Konsequenz daraus ist, dass Metzgereien zum Beispiel bei Schnitzeln und Würsten für Vereinsfeste das Nachsehen haben. Wenn man beim Direkteinkauf in Birkenfeld weniger als die Hälfte bezahlen muss, dann ist dem Vorstand die Vereinkasse eben näher als der Existenzkampf der Metzger. Auch der Gastronom sieht eher seine Einnahmen.

Ein Grenzfall: Die Produktionshallen von Müller-Fleisch am Übergang von Pforzheim nach Birkenfeld. Foto: Fix

Klare Worte zu diesem Prozess findet Innungschef Beier gegenüber seinen Kreistagskollegen. In einer Stellungnahme zu Müller-Fleisch und zum weiteren Vorgehen des Enzkreises rechnet der SPD-Mann aus Remchingen überdies vor, was strukturell nicht stimmt in der Branche.

Dazu gehöre zum Beispiel, dass ein Handwerksbetrieb pro Schwein 15,40 Euro für die Fleischbeschau bezahle, „der Industriebetrieb Müller-Fleisch einen Euro“. Auch bei einer EU-Verordnung habe die Birkenfelder Firma versucht, „den Markt zu beherrschen“, indem sie auf eine wöchentliche Hackfleischprobe abgezielt habe.

Digitalisierung scheitert am Fehlen der Norm-Sau

Jüngst sei über das Veterinäramt eine Digitalisierung der Schweineschlachtung gefordert worden. Das habe zu einer 2.000-Euro-Investiton geführt, die jetzt mangels Norm-Sau unnötig sei. Und dann gibt es da noch EU-Subventionen in Höhe von 1,2 Millionen, die Beier auf die Palme bringen. Das Geld wurde 2017 und 2018 für „Investitionen“ gegeben, „die zu einer wettbewerbsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden, tiergerechten und multifunktionalen Land- und Ernährungswirtschaft beitragen“. Dies, so legt Beier vor, ist auf der Homepage der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ausgewiesen.

Verbraucher sollen erkennen, was passiert und warum Fleisch zu billig ist.
Andreas Beier, Obermeister der Fleischer-Innung

„Verbraucher sollen erkennen, was passiert und warum Fleisch zu billig ist“, sagt Beier. Das hänge auch damit zusammen, ob Metzger Messergeld bezahlen müssen oder wie Arbeitszeit gerechnet wird – am Eingang oder erst nach dem Umziehen am Fließband. Beier will deshalb, dass Müller-Fleisch die ganze Rechnung für die Unterbringung infizierten Leiharbeiter in drei Quarantänezentren bezahlt.

Noch 51 Menschen befinden sich in den drei Corona-Quarantänezentren

Auf den 240 angemieteten Plätzen waren laut Landratsamt bis zu 161 Männer und Frauen untergebracht. Aktuell seien noch 15 in Schömberg, 16 im Queens in Niefern und 20 im Hohenwart Forum, teilt der Enzkreis weiter mit. Alle anderen leben wieder in den heftig kritisierten bisherigen Unterkünften. Hier, so fordert Beier, müsse die Industriefleischerei Müller generell dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter menschenwürdig mit Privatsphäre wohnen können.

In der Pforzheimer Vesperkirche gibt es Essen und mehr, weiß Alexander Lazuk, der dort öfter anzutreffen ist. Foto: Wacker

Dass die Vesperkirche dies unterstützt und wegen „moralisch angreifbaren Bedingungen“ dankend auf Müller-Fleisch-Spenden verzichtet, eröffnet der Fleischer-Innung jetzt ein Fenster, mit dem sie gar nicht rechnen konnte. Sollte sie tatsächlich über vier Wochen täglich 15 Kilo Aufschnitt liefern, springt sie nicht nur in die Bresche. Die Betriebe, die sich beteiligen, können auch Tag für Tag nachweisen, dass die Wurst aus ihren Betrieben ihren Preis wert ist.

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