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76. Jahrestag der Zerstörung

Pforzheim gedenkt des Luftangriffs auf die Stadt am 23. Februar digital

In der Corona-Pandemie hat Pforzheim zu ungewöhnlichen Gestaltungsmitteln beim Programm für den 76. Jahrestag der Zerstörung gegriffen. Die Friedensbotschaften und Ansprachen wirken im Internet nach.

Das traditionelle Lichtermeer vor dem Rathaus mit Hunderten Besuchern fiel in diesem Jahr aus. Nur die auf die Rathauswand projizierte Friedenstaube erinnerte an den Gedenktag. Foto: Daniel Streib

Gemeinsam vereint und vernetzt im digitalen Gedenken: Mit dieser Botschaft stimmte Oberbürgermeister Peter Boch auf einen außergewöhnlichen 23. Februar ein.

Die Pandemie verhinderte am 76. Jahrestag der Zerstörung Pforzheims ein dichtes Miteinander auf dem Marktplatz. Sie ließ auch die traditionelle Gedenkfeier auf dem Hauptfriedhof nur im allerkleinsten Kreis zu und sorgte im Vorfeld dafür, dass Kundgebungen verboten waren.

Dass würdevolles Erinnern an die Bombennacht des 23. Februar 1945 und die über 17.600 Menschen, die damals ihr Leben verloren, auch anders möglich ist, zeigten Stadt und Arbeitskreis 23. Februar mit ihrem ins Internet verlegten Programm.

Videoansprache des Pforzheimer OB Boch zum 23. Februar

Zu der Zeit, in der sonst auf dem Marktplatz Hunderte Menschen Lichter als Symbole des Friedens entzünden, konnte die Bürgerschaft den interreligiösen Segen im Internet verfolgen und eine Videoansprache Bochs sehen und hören.

Menschenmeer auf dem Marktplatz: So gedenkt die Bevölkerung am 23. Februar der Zerstörung ihrer Stadt wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs. An diesem Gedenktag durfte es wegen der Pandemie keine Menschenansammlungen geben. Foto: Björn Fix

Der OB nahm darin nicht nur auf die beim Luftangriff getöteten Menschen Bezug. Er sagte: „Wir sind geeint in unserer Trauer um die sechs Millionen jüdische Opfer der Shoa sowie aller anderen Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Geeint in unserer Erinnerung an die Abermillionen von Toten, Verfolgten, Verletzten, Vertriebenen und Geschundenen des von deutschem Boden ausgehenden Zweiten Weltkriegs und aller anderen Kriege der Vergangenheit und der Gegenwart.“

Boch beschwor den kollektiven Willen seiner Zuhörerschaft herauf, „so etwas nie wieder geschehen zu lassen“.

Erinnerung daran, wer den Zweiten Weltkrieg entfachte

An die Menschen, die im von Deutschland entfachten Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen, erinnerte auch Dekanin Christiane Quincke. „Wir trauern um die Opfer der Zerstörung Pforzheims, die Opfer des Nationalsozialismus und der Menschen, die heute Opfer von Kriegen werden.“

Sie erklärte, dass es nur gemeinsam gelingen könne, zu verhindern, was vor 76 Jahren geschah. Dass es eine starke Gemeinschaft im Pforzheim von heute gibt, verdeutlichten Sprecherinnen und Sprecher von acht Glaubensgemeinschaften nachdrücklich beim virtuellen Segen.

„Frieden ist ein Privileg, das nicht jeder hat
Joyceline Esaias, Studentin

Ihre einzelnen Botschaften mündeten in ein kollektives Friedensbekenntnis. „Frieden ist ein Privileg, das nicht jeder hat“, sagte die Pforzheimer Hochschulstudentin Joyceline Esaias. Ihre Eltern mussten sich dieses Privileg seinerzeit erkämpfen. „Um Frieden zu bekommen, verließen sie ihre Heimat, den Sudan.“

Julia Kurt, ebenfalls eine junge Frau, gehört der jesidischen Gemeinde an. Sie zitierte aus einem Gebet der Vereinten Nationen. Die Friedensbotschaft der Jüdischen Gemeinde sprach Michael Bar Lev. Aleyna Özdemir von der Fatih Moschee richtete ihre Wünsche nach mehr Empathie der Menschen füreinander an ihre Geburtsstadt Pforzheim und alle Menschen auf der Welt.

Der von Violinistin Martina Bürck musikalisch begleitete Segen endete mit dem Glockengeläut der Pforzheimer Kirchen, das traditionell einsetzt zum Zeitpunkt der Bombardierung am 23. Februar 1945.

Virtueller Poetry Slam der Kepler-Schüler

Zum digitalen Gedenken an diesem 23. Februar melden sich auch Jugendliche zu Wort. Kepler-Schüler hatten sich in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde mit dem Thema Krieg und Frieden befasst und bewegende Beiträge in einem virtuellen Poetry Slam zusammen gestellt. Darin sieht man ein Bombengeschwader, das über die Stadt fliegt.

Ein Schüler versucht, sich in den „Gewissenskampf“ eines Piloten hineinzuversetzen, der weiß: gleich muss er etwas tun, was er nicht tun will, „gefühllos sein und Städte zerstören“. Eine Schülerin rät: „Lass uns das Ganze durch Liebe betrachten, denn sie lehrt uns den anderen zu achten.“ Auch die Pandemie und egoistische Kämpfe um Impfstoffe und Toilettenpapier werden thematisiert.

Wegen des Versammlungsverbots hatte die Polizei ihre Einsatzkräfte an diesem 23. Februar reduziert. „Aber es waren ausreichend Leute da, um gegebenenfalls im Bereich Wartberg reagieren zu können“, sagte Sprecher Michael Wenz. Doch das war nicht nötig. Alle hielten sich ans Verbot. Auch aus Polizeisicht verlief der Gedenktag 2021 „ruhig, friedlich vorbildlich“.

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