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Kundgebungen auf dem Wallberg

Gegendemonstranten bei NPD-Demo in Pforzheim deutlich in der Überzahl

Der Opfer des Bombenangriffs auf Pforzheim gedachte die NPD auf dem Wallberg. Kurzfristig hatte sich eine Gegendemonstration angekündigt. Deren Teilnehmer waren deutlich in der Überzahl.

Deutlich in der Überzahl: 200 Gegendemonstranten protestierten am Samstagnachmittag auf dem Wallberg gegen die Gedenkveranstaltung der NPD für die Opfer des Bombenangriffs auf Pforzheim. Foto: Heike Schaub

Friedlich und störungsfrei verlief nach Einschätzung von Polizeisprecher Michael Wenz am Samstagnachmittag die Gedenkveranstaltung der NPD samt Gegendemonstration auf dem Wallberg.

40 Teilnehmer hatte Alexander Neidlein, Generalsekretär der Bundes-NPD, für die Kundgebung zu Ehren der über 17.600 Toten des Bombenangriffs vom 23. Februar 1945 angekündigt. Das Polizeiaufgebot war groß. Ordnungsamtsleiter Wolfgang Raff hatte mit bis zu 100 Teilnehmern gerechnet – gekommen waren schließlich nur 20 Personen.

Räumlich getrennt, aber in Hörweite, fanden bedingt durch Baustellen beim Parkplatz „Auf der Wanne“ die beiden Veranstaltungen statt. Das Bündnis Pforzheim Nazifrei und der Rat der Religionen hatte kurzfristig noch am Freitagabend zur Gegendemonstration aufgerufen. Bis 16 Uhr am Samstag hatten sich 200 Personen hinter einem grünen Absperrgitter eingefunden – ein breites Bündnis aus Politik, Kirchen und Gewerkschaft.

Transparente und rote Fahnen

Transparente forderten „Rechten Hetzern keinen Platz“ oder gedachten der Opfer rechtsradikaler Angriffe in Hanau und Chemnitz. Rote Fahnen wurden geschwenkt. Sprechchöre skandierten lautstark „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ oder den Schlachtruf „Alerta, alerta, antifascista” („Achtung, Achtung, Antifaschisten“).

Fackeln im Wind: Bei der NPD-Veranstaltung unweit des Parkplatz „Auf der Wanne“ legten die 20 Teilnehmer eine Gedenkminute ein. Foto: Heike Schaub

Unterhalb des Parkplatzes hatten nach 16 Uhr die 20 Teilnehmer der NPD-Kundgebung eine Musikanlage aufgebaut. Auch dort gab es Fahnen, diesmal in Schwarz. Das Soldatenlied „Ich hatt‘ einen Kameraden“ erklang ebenso wie die Trauermusik für die englische Königin Maria des Komponisten Henry Purcell. Im Hintergrund waren die Rufe der Gegenprotestanten zu hören.

„Götterdämmerung“ zum Gedenken

Dazwischen erinnerte NPD-Funktionärin Edda Schmidt an den 20-minütigen Angriff der englischen Bomberpiloten auf Pforzheim. Das Schicksal der 17.600 Toten, deren Zahl sie anzweifelte, solle auch in Zeiten von Corona nicht in Vergessenheit geraten.

Ein anderer Redner schlug den Bogen in die Gegenwart. Er beklagte, dass Deutschland nicht mehr die Heimat der Deutschen sei. Mit einer Schweigeminute im Kreis und schwarzen Fackeln im kalten Wind fand die NPD-Kundgebung um 17.20 Uhr schließlich ein Ende. Wagners „Götterdämmerung“ sorgte für die Begleitung.

Ein Sprecher der „Initiative gegen Rechts“ hatte zuvor den „Tabubruch“ kritisiert, weil eine „offen faschistische Partei“ auf dem Wallberg eine Gedenkveranstaltung abhalte. Der Wallberg, der aus den Trümmern der Stadt und den sterblichen Überresten der Toten entstand, sei bisher ein Ort der Mahnung und Versöhnung gewesen. Für wenig glaubwürdig hielt er Oberbürgermeister Peter Boch (CDU), der sich viel Mühe gegeben habe zu erklären, warum man die NPD-Gedenkveranstaltung nicht verbieten könne: „Warum steht er dann nicht hier oben und zeigt sein Gesicht?“

Zeichen des Zusammenhalts

Bereits am Freitagnachmittag hatten Christof Weisenbacher und Claus Spohn für die Gruppierung WiP/DIE Linke OB Boch aufgefordert, die Demonstration zu verbieten. Das „Neutralitätsgebot“ werde nicht verletzt, da die NPD bei der Landtagswahl nicht antrete. Auch das Bündnis Pforzheim Nazifrei und der Rat der Religionen kritisierten die Kundgebung: „Indem nun ausgerechnet eine Partei, die in der Tradition des Nationalsozialismus steht, auf dem Wallberg demonstrieren will, verhöhnt sie die Opfer“, hieß es in einem Statement. Sie forderten ein Zeichen des Zusammenhalts „gegen die alten und neuen Nazis“.

Historiker Gerhard Brändle erinnerte an Rudolf Kuppenheim, den Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung des späteren Siloah Krankenhauses. 19.000 Kindern hatte er auf die Welt geholfen. Eine Straße erinnert unweit des Veranstaltungsorts an das Schicksal des mit Orden dekorierten Teilnehmers des Ersten Weltkriegs. Brändle sah die NPD-Veranstaltung als Verhöhnung der Opfer: Am 22. Oktober 1940 nahm Kuppenheim zusammen mit seiner Frau Lily Gift, um dem Abtransport nach Gurs zu entgehen.

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