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Richtig, aber bitter

Münchner Schmuckmesse Inhorgenta abgesagt: Corona fegt Pforzheims Marktplatz weg

Die Absage der Münchner Schmuck- und Uhrenmesse ist bitter für die Traditionsbranche im Nordschwarzwald. Gleichzeitig zeigen die Fabrikanten Verständnis. Eine wegen der Einschränkungen kleine Messe hätte die Erwartungen ohnehin nicht erfüllt.

Defilee der Spitzenklasse: Zum Programm der Inhorgenta gehört auch eine große Show, bei der hochwertigster Schmuck gezeigt wird. Foto: Edith Kopf

Richtig, aber bitter für die hiesige Uhren- und Schmuckindustrie ist die Nachricht, die am Dienstag aus München nach Pforzheim drang. Die ohnehin bereits auf April verschobene Messe Inhorgenta ist abgesagt. Sie war vor exakt einem Jahr eine der letzten großen, noch geöffneten Marktplätze für Uhren und Schmuck. Danach begann der Lockdown. Nun läuft die Branche in ihr zweites Jahr ohne Aussicht auf Kontakte und Aufmerksamkeit jenseits des angestammten, gleichwohl ebenfalls durch Corona gebeutelten Kundenstamms.

„Wir werden halt die Koffer in die Hand nehmen müssen und verstärkt Außendienst machen“, blickt Frank Dettinger auf die nächsten Monate. Die abgesagte Messe sei „ein echter Verlust“. Noch gravierender sei aber, dass Hongkong, Las Vegas und Vicenza messemäßig bislang abgeschrieben werden mussten. Denn diese Kundschaft der drei Dettinger-Firmen können nicht einfach einzeln besucht werden.

Hinzu kommt aus Sicht des Seniorchefs die Bedeutung von Messen fürs Jahresgeschäft. Wenn im Februar mit Liefertermin September bestellt wird, ist das schon Mal eine sichere Bank. Richtig zerknirscht schaut der Seniorchef der Dettinger-Gruppe deshalb allerdings nicht in die Zukunft: „Wir werden nach der Öffnung ein richtig gutes Geschäft haben.“

Vorgeschmack auf Geschäft aus Österreich

Einen Vorgeschmack darauf gibt es bei der Trauringfabrik A. Gerstner. „Seit in Österreich die Geschäfte auf sind, kaufen die Leute wie die Wilden“, sagt Firmenchef Eberhard Auerbach-Fröhling. Er mache sich insofern trotz Kurzarbeit keine Sorgen. Zur Inhorgenta sagt der Trauringhersteller: Eine richtig große Messe mit internationalen Besuchern und Ausstellung werde nicht stattfinden können, für eine kleine Inhorgenta seien Aufwand und Kosten aber zu groß.

Hinzu kommt für Trauringhersteller, dass ihnen ein späterer Termin nichts nützt. Trauringe werden im Winter gekauft und im Frühjahr und Sommer an den Finger gesteckt.

Preziosen aus dem Nordschwarzwald: Bei der Inhorgenta in München stellt der Perlenspezialist Gellner aus Wiernstheim und der Schmuckfabrikant Bruno Mayer aus Keltern (rechts) aus. Foto: Edith Kopf

Bereits ins dritte Jahr ohne Inhorgenta geht Stephan Rivoir. Der Pforzheimer Juwelenfabrikant ist nicht erfreut über die Absage aus München. „Die Messe ist ein Stimmungsbarometer und eröffnet die Chance, Kunden neu oder enger zu binden.“ Sein Rezept gegen die pandemiegeschwächte Wirtschaftslage ist eine verstärkte Produktion für andere Marken.

Online statt Messen

„Klick & Collect“ heißt ein neues Zauberwort, um den Verkauf trotz Corona-Beschränkungen zu befördern. A. Gerstner ist seit zwei Wochen damit am Markt, bei Leo Wittwer kommt diese Unterstützung für den Fachhandel jetzt zusammen mit einem großen Relaunch der Marke auf alle Kanäle, die dem Haus online zur Verfügung stehen. Dies kündigt Firmenchef Frank Maier an, der mit der Inhorgenta die einzige Messe verliert, die er besucht. Die Entscheidung sei dennoch richtig. „Die Messe hätte durch die internationalen Reise- und Kontaktbeschränkungen nicht ihrem Anspruch gerecht werden können, eine internationale Leitmesse zu sein.“

Feinarbeit der Superlative: Maximilian Maier zeigt eine mit Diamanten besetzte Ketter aus der Kollektion von Leo Wittwer. Foto: Edith Kopf

Neben dem Wagnis, die über Jahre neu aufgebaute Marke Inhorgenta zu beschädigen, gab es für alle Beteiligten wohl auch die Sorge vor Kannibalisierungseffekten. Die Messe hatte vor der Absage ermittelt, ob Juweliere und Fabrikanten - darunter rund 90 aus dem Raum Pforzheim - statt eines Verzichts einer Verschiebung auf Juli oder September den Vorzug geben.

Dabei habe sich ein leichtes Plus für September ergeben, erzählt der Geschäftsführer des Bundesverbands Schmuck und Uhren, Guido Grohmann. Eine Inhorgenta am 24. September wäre allerdings die sechste Messe binnen vier Wochen nach zwei Messen in Las Vegas, der Inova-Collection im Rhein-Main-Messecenter, Vicenza und Hongkong gewesen.

Allein Quarantänevorschriften lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass München hier noch hätte reüssieren können, ist sich die Fachwelt einig. Hinzu kommt die nicht planbare Entwicklung der Pandemie. Das weiß man auch in Basel, wo dieses Frühjahr die Hour Universe die nicht mehr haltbare Baselworld hätte vergessen machen sollen. Dort heißt es jetzt auf der Homepage in aller Offenheit gegenüber allem, was da kommen mag: „Die Show macht sich für den Sommer 2021 bereit.“

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