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Prozess vor dem Amtsgericht

Vorwurf des Missbrauchs: Pforzheimer Richter werten Kuss als Belästigung

Ein betrunkener Mann küsst eine Neunjährige auf die Wange und wird des Missbrauchs angeklagt. Wieso das Amtsgericht Pforzheim ihn zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Die Justitia ist an einer Scheibe am Eingang zum Oberlandesgericht zu sehen.
Die Justitia ist an einer Scheibe am Eingang zum Oberlandesgericht zu sehen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/Symbolbild

„Küssen geht gar nicht“, befand auch Verteidiger Bastian Meyer in seinem Plädoyer. Aber des sexuellen Missbrauchs eines Kindes habe sich sein Mandant dennoch nicht schuldig gemacht, so seine Überzeugung. Doch den sexuellen Missbrauch einer Neunjährigen hatte die Staatsanwaltschaft dem Mann vorgeworfen, und so musste sich der 58-Jährige am Dienstag vor dem Schöffengericht des Pforzheimer Amtsgerichtes verantworten.

Am Ende der Verhandlung waren sich Staatsanwalt Lars Jaklin, der Verteidiger und die Richter unter Vorsitz von Philipp Hauenschild allerdings einig: Es habe sich „nur“ um eine sexuelle Belästigung und Nötigung gehandelt. Der Angeklagte wurde zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Was war geschehen an diesem 29. November im vergangenen Jahr? Die Ermittlungen und die Erkenntnisse der Verhandlung ergeben folgendes Bild: Nach dem Genuss von mindestens vier Bieren und Schnäpsen während der Übertragung eines Fußballspiels torkelte der Mann aus einem Lokal in der Pforzheimer Nordstadt.

Es dämmerte an diesem Spätnachmittag bereits und war fast dunkel, als er das Mädchen entdeckte, das sich auf dem Heimweg vom Hort befand. Er habe sich um die Kleine gesorgt, habe sie gefragt, ob sie nach Hause gehe, berichtete er. Dabei hielt er das Kind an der Kapuze fest und küsste es auf die linke Wange.

Ein Mann wird zufällig Zeuge und schreitet ein

Doch das Mädchen verstand „Du kommst mit mir nach Hause“. Die Aussprache des Mannes, der eine Bierflasche in der Hand hielt, dürfte verwaschen gewesen sein. Ob sie was trinken wolle, erkundigte er sich noch – wollte sie nicht. Ein Autofahrer sah die seltsame Szene und schrie: „Lass sie los!“ Was der Mann auch tat und sich nun mit dem Zeugen unterhalten wollte. Das Mädchen rannte nach Hause.

„Völlig aufgelöst“, sei die Tochter gewesen, berichtete die Mutter am Dienstag vor Gericht. Wochenlang habe das Kind nicht einschlafen können, und ihre frühere Lieblingsjacke wolle sie auch nicht mehr tragen. Das Mädchen litt besonders unter dem Vorfall, weil es zuvor schon traumatische Erlebnisse verarbeiten musste und sich in therapeutischer Behandlung befand.

Dennoch konnte das Kind bei der Polizei genaue Angaben machen und erkannte auf vorgelegten Fotos den Angeklagten sofort wieder. Dieser ist wegen kleinerer Verfehlungen mehrfach vorbestraft, kam aber nie in den Verdacht von Straftaten mit pädophilem Hintergrund.

So sah auch Staatsanwalt Jaklin keinen Hinweis darauf, dass der Angeklagte Schlimmeres mit der Kleinen vorgehabt habe. Allerdings seien die Folgen gravierend, die Tat verfolge das Kind heute noch. Durch sein umfassendes Geständnis habe der Angeklagte dem Kind wenigstens eine Aussage vor Gericht erspart. Er beantragte eine achtmonatige Bewährungsstrafe, 100 Arbeitsstunden und zwölf Gespräche bei der Beratungsstelle.

Verteidiger Meyer sah als Grundmotiv, sich dem Kind zu nähern, tatsächlich die Sorge – mit traurigen Folgen. Er plädierte auf sechs Monate Bewährungsstrafe und sechs Beratungsgespräche sowie auf die Beistellung eines Bewährungshelfers.

Diesen Wünschen kam das Gericht in seinem Urteil schließlich nach und verhängte eine Strafe von sechs Monaten Haft auf Bewährung. Als Bewährungsauflage hat der Mann während der dreijährigen Bewährungszeit monatlich 20 Euro Schmerzensgeld an das Kind zu zahlen, insgesamt also 720 Euro. „Besser als nichts“, meinte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung.

Außerdem muss er 80 gemeinnützige Arbeitsstunden ableisten und sechs Termine bei der Suchtberatung absolvieren. Für die Bewährungszeit wird ihm ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt.

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