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Höhepunkt zum Ende der Spielzeit

Der Rattenfänger feiert am Wochenende Premiere im Theater Pforzheim

„Bloß keine Oper“, da schlafe er immer ein, soll Schriftsteller Michael Ende über den Rattenfänger gesagt haben. Da hatte er für das Stück von Wilfried Hiller aber schon zwei fertige Akte in der Schublade.

Sie freuen sich auf die Premiere der Oper Rattenfänger am Samstag: Intendant Markus Hertel, Ausstatter Erwin Bode, Generalmusikdirektor Robin Davis, Komponist Wilfried Hiller und Choreografin Annika Dickel.
Sie freuen sich auf die Premiere der Oper „Der Rattenfänger“ am Samstag: Intendant Markus Hertel, Ausstatter Erwin Bode, Generalmusikdirektor Robin Davis, Komponist Wilfried Hiller und Choreografin Annika Dickel. Foto: Birgit Metzbaur

Was für eine Kraftanstrengung am Ende der Spielzeit. Ganz bewusst hat Intendant Markus Hertel ein Stück ausgewählt, das zum Abschluss seiner ersten Spielzeit im Theater Pforzheim ein Ausrufezeichen setzen soll. Eines, bei dem alle zusammen, Musiktheater, Schauspiel, Tanz, junges Theater, Kinder-, Extra-, Chor und Kulturschaffer gemeinsam auf der Bühne stehen.

Dafür sei die „viel zu selten gespielte“ Oper „Der Rattenfänger“ von Wilfried Hiller ein ideales Stück. Es ist weder klassisch noch modern und „so volkstümlich, dass es jedem zugänglich ist“, zeigt sich Hertel im Gespräch mit dieser Redaktion überzeugt.

„Ein Komponist? Um Gottes Willen, das hat mir gerade noch gefehlt“
Komponist Wilfried Hiller
über die Reaktion von Michael Ende, auf den Vorschlag zum Rattenfänger

„Das Tollste“ sei, dass der Hauptdarsteller kein Sänger, Tänzer oder Schauspieler ist. Gespielt wird er vom Soloklarinettisten Florian Schüle von der Badischen Philharmonie Pforzheim, auf den Hertel „super stolz und voller Hochachtung“ ist. Schüle hat die gesamte Partie zusammen mit Hiller in München erarbeitet.

Vergangenes Wochenende war der Komponist zu Gast bei der Einführungsveranstaltung. Bereits 1972 wollte er eine Rattenfänger-Oper machen, „weil es die einzige deutsche Sage ist, in der die Kraft und Magie der Musik eine bedeutende Rolle spielt“, erzählte er. Damals habe er mit Carl Zuckmayer über die Idee gesprochen, doch der hatte mit Friedrich Cerha bereits einen Komponisten.

Schriftsteller Michael Ende reizte mit dem Rattenfänger eine Oper zum wach werden

Die Idee ließ Hiller keine Ruhe, er sprach Michael Ende an. „Ein Komponist? Um Gottes willen, das hat mir gerade noch gefehlt“, schildert Hiller die „komplizierte Anfangszeit“ seiner Freundschaft mit dem erfolgreichen Schriftsteller.

Aber Ende hatte schon zwei Akte vom Rattenfänger in der Schublade, bevor Hiller ihn ansprach. Er wollte „bloß keine Oper“, da schlafe er immer ein. Doch der Gedanke, eine Oper zu machen, „wo die Leute wach werden“, reizte ihn. Als Hiller den Auftrag der Dortmunder Oper bekam, schrieb Ende das Libretto. 1993 war Uraufführung.

Hiller, ein gelernter Carl-Orff-Schüler, hat die Oper über den Rhythmus geprägt, auch ganz tiefe Gongs und klingende Steine sind zu hören. Mehrmals hat der Komponist das „dreigestrichene G“ eingebaut. Ein Ton, der von Ratten gepfiffen werde, die sich gegenseitig anlocken, weiß Hiller von seinem Bruder, einem Zoologen.

Und dass der Rattenfänger seine Melodie immer von oben nach unten spielt, erklärt Hiller mit seinem Interesse für asiatische Kulturen und deren Überzeugung, dass Musik von den Göttern komme. Auch die Schlagwerker dort seien von der Liturgie und der Religion bestimmt, nicht von der Marschmusik.

Der Rattenfänger ist keine Oper, sondern eine Sage für Erwachsene

Die Rattenfänger-Oper ist kein Märchen, sondern eine Sage für Erwachsene. Thema der Parabel sind Macht, Machtmissbrauch und der Versuch der neuen Generation es besser zu machen. Die Stadt leidet, weil die oberen Zehntausend ihrem Gott, dem Rattenkönig, huldigen und ihren Vorteil ziehen.

Dadurch kommt Leid über die Stadt und die gesamte Umwelt. Der Rattenfänger kann das Leid beenden, wird jedoch von den skrupellosen Mächtigen um seinen Lohn geprellt. Er sinnt auf Rache.

Gegenspielerin zum Rattenfänger ist Dorothee Bönisch in der, laut Hertel, „hochdramatischen“ Rolle der Frau des Bürgermeisters. Durch ihre Verführung wandelt sich die positive Macht ins Gegenteil.

Als Ausstatter brauche das Stück jemanden, „der das Ganze im Blick hat“: der Berliner Erwin Bode, der auch schon für die „Madama Butterfly“ in Pforzheim war. Hertel arbeitet seit vielen Jahren mit ihm zusammen. Bodes Bühnenbild orientiere sich an Malereien von Lyonel Feininger, einem der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne. Die Optik mache deutlich, dass die Geschichte zeitlos ist und immer wieder passieren kann.

Herausforderungen für die Choreografin: Wie spielt man eine Ratte?

Wie spielt man eigentlich eine Ratte? Vor dieser Herausforderung stand Choreografin Annika Dickel (Hannover), die zum ersten Mal am Pforzheimer Theater arbeitet. Sie ist auch in der Kinder- und Erwachsenenbildung tätig, mit Schwerpunkt auf Akrobatik und Zirkus.

Anfangs habe sie ganz viel über Improvisation gearbeitet; das Ensemble sei „sehr lange sehr wild in der Gegend rumgesprungen“, um die Ratte rauszulassen. Eine weitere „ganz große Herausforderung“ sei es, die vielen Menschen vernünftig auf der Bühne unterzubringen. Doch über allem stehe die rhythmusbetonte Musik, die auch für die erfahrene Choreografin „etwas ganz Besonderes“ ist.

Premiere ist am Samstag, um 19:30 Uhr im Theater (Großes Haus). Gespielt wird 105 Minuten ohne Pause, denn „das Stück muss durchgespielt werden“, so Hertel.

Hinweis

In einer früheren Version war der Name der Person in der Bildmitte des Beitragsbildes falsch benannt. Es handelt sich hierbei um Generalmusikdirektor Robin Davis, nicht um Klarinettist Florian Schüle. Zudem ist der Ton, der von den Ratten gepfiffen wird, nicht das dreigestrichene E, sondern das dreigestrichene G.

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