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Zehn Jahre Baustelle

Pforzheimer Autobahn-Raststätten stehen im Abwasser-Stau

Seit zehn Jahren schon blockiert ein fehlender Abwasseranschluss die Fertigstellung des neuen Autobahnrasthofs bei Pforzheim. Wer böse ist, zieht Parallelen zum Berliner Flughafen oder zum Stuttgarter Tiefbahnhof. Doch die dürften beide früher fertig werden.

Warten auf den Rasthof: Bislang kann man auf der Raststätte am Waisenrain bei Pforzheim nur parken. Auf der Südseite sind nur die Parkbuchten für die Laster fertig, auf der Nordseite ist noch nichts passiert. Foto: Dresch

Wer Auto fährt, der weiß, auf der A8 bei Pforzheim kann es schon mal länger dauern. Aber ganz ehrlich, zehn Jahre kommen auch den stau-geplagtesten Pendlern ein klein wenig lang vor.

Seit 2008 plant, baut, kämpft und streitet das Regierungspräsidium Karlsruhe um zwei Autobahnraststätten im Pforzheimer Norden. Es geht um gekränkte Eitelkeiten und das Recht, Kaffee auszuschenken, um Fäkalien und Trinkwasser, um Tausende von Lastwagen und um ihre Fahrer.

Rasthof Niefern ist zu klein, zu eng und zu alt

Zu eng, zu klein und längst nicht mehr zeitgemäß ist die Raststätte Pforzheim-Ost der einzige Hafen, in den Trucker und Reisende zwischen Baden-Baden, Bruchsal und dem Sindelfinger Wald einkehren, ausspannen und sich erleichtern können.

Das hat man bei der Straßenbauverwaltung schon vor vielen Jahren eingesehen. Ein Ausbau der bestehenden Anlage scheidet aus, weil Pforzheim just dort im möglichen Gefahrenbereich der Tank- und Raststätte sein Trinkwasser schöpft.

Deshalb entschied man sich völlig neu zu bauen, am Waisenrain, zwischen Pforzheim und Ispringen. 2010 rollten die Bagger, doch auf einen Imbiss oder gar eine Zapfsäule wartet man bis heute vergeblich.

Entsorgungsvertrag mit dem falschen Partner geschlossen

Ganz am Anfang der langen Verzögerungskette stand eine missglückte Abwasserplanung, bei der man die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte.

„Schon im Planfeststellungsbeschluss stand drin, dass wir uns mit der Nachbargemeinde Ispringen geeinigt hatten, das Abwasser bergab in Richtung Kämpfelbachtal zu entsorgen“, verrät Axel Speer, Referatsleiter. Straßenplanung im Regierungspräsidium Karlsruhe.

Rein rechtlich muss sich Pforzheim um die Entsorgung kümmern, weil der Rasthof auf städtischer Gemarkung liegt.

Weil man auf dem Weg zur Pforzheimer Kläranlage im Enztal aber über den Bergrücken muss, entschied man sich frühzeitig, dem natürlichen Gefälle zu folgen und nach Norden hin zu entsorgen.

Bergab ist dem Bund zu teuer

Dumm nur, dass man sich zwar mit der angrenzenden Gemeinde geeinigt hatte, nicht aber mit dem eigentlich zuständigen Abwasserverband Kämpfelbachtal als Eigentümer und Betreiber der dann zu nutzenden Kläranlage.

Da hatten die zuständigen Beamten die Zuständigkeiten nicht richtig auf dem Schirm. Die Leitung in die Kämpfelbacher Kanalisation war flugs gebaut und liegt seither trocken in der Erde.

„Der Abwasserverband wollte vom Bund Geld für die Erweiterung seiner Kläranlage und diese Forderungen konnte der Bund nicht erfüllen“, sagt Speer. Der Kämpfelbacher Bürgermeister Udo Kleiner hat die Gespräche in anderer Erinnerung.

Falsche Hoffnung auf die Deutsche Bahn

„Über eine konkrete Summe haben wir nie gesprochen. Wir wollten, dass der Bund eine Beteiligung an möglichen Folgeinvestitionen zusagt. Wir wollten uns nicht auf ein Abenteuer einlassen, ohne zu wissen, was genau auf uns zu kommt“, so Kleiner.

Die Forderungen waren also noch gar nicht beziffert, als die Vertreter des Regierungspräsidiums die Gespräche für gescheitert erklärten.

Stattdessen suchten sie nach Möglichkeiten, die Fäkalien tatsächlich bergauf in Richtung Pforzheim zu pumpen. Da keimte kurzzeitig Hoffnung auf, das Problem doch noch sinnvoll zu lösen.

Die Deutsche Bahn hatte ihren neuen Eisenbahntunnel in Betrieb genommen, durch den alten hätte man eine Abwasserleitung führen können, preisgünstig, wartungsfrei, bergab. Doch die Bahn sagte ab, Speer kann sich nicht erklären warum und die Bahn antwortet nicht auf eine Presseanfrage.

Notleitung ist zu klein für den großen Parkplatz

Trotz der ungeklärten Abwasserfrage steht auf der Südseite der Autobahn längst ein riesiger Lkw-Parkplatz mit 72 Buchten für Laster und 127 für Autos.

Eine Zeitlang wurden die Geschäfte der Fahrer in aufgestellten Dixie-Klo-Häuschen abgewickelt. Inzwischen wurde ein massives Toilettenhaus errichtet, das allerdings an eine provisorische Notleitung angeschlossen ist.

Anwohner beklagen sich immer wieder über Geruchsbelästigungen. Es ist undenkbar, dass auch noch eine Tank- und Raststätte oder gar eine zweite an die Leitung angeschlossen werden könnte.

Der Bau der Tankstelle hängt bei Gericht fest

Deshalb verfolgt man auch den Rechtsstreit nicht weiter, an dem der Bau der Anlage auf der Südseite derzeit hängt.

Ein bundesweit agierender Betreiber solcher Tank- und Rastanlagen fühlte sich bei der Vergabe von Bau und Betrieb des Rasthofes nicht fair behandelt und stoppte deshalb schon vor Jahren das Verfahren durch eine Klage beim Verwaltungsgericht.

Rasthof auf der Nordseite wird dichter beparkt

Das Verfahren dort ruht, wie alle Beteiligten bestätigen. Und offenbar hat derzeit auch niemand ein Interesse daran, es aufzuwecken – zumindest solange die Abwasserfrage weiter unklar ist.

Dass Verzögerungen auch ihr Gutes haben können, zeigt der Blick auf die andere Seite der Autobahn.

Würden die Fäkalien sauber abfließen, hätte man dort mit dem Bau der nördlichen Schwester-Raststätte wohl längst begonnen. Weil immer mehr Lastwagen unterwegs sind und die Fahrer abends verzweifelt nach Parkplätzen suchen, hat der Bund die Pforzheimer Verzögerungen genutzt und den nördlichen Rasthof nochmal umplanen lassen.

Mehr Laster – weniger Erholung

„Wir werden dort die Laster in Dreierreihen hintereinander parken lassen“, so Speer. Weil damit immer mindestens zwei Trucker nicht mehr so einfach abfahren können, wird eine digitale Anzeige die Abfahrt regeln.

„Das ist für die Fahrer natürlich nicht mehr so bequem und auch die Erholungsflächen mussten wir verkleinern. Aber der Parkdruck ist einfach zu groß.“ Der Bund hat die neue Planung inzwischen genehmigt, es könnte also losgehen. Wäre da nicht die fehlende Abwasserleitung, und das ruhende Gerichtsverfahren.

Baubeginn 2024?

Neuerdings hofft man sehr darauf, dass das Pforzheimer Siedlungsgebiet bald in Richtung Autobahn wächst. Wenn die Stadt in ihrem äußersten Norden ein neues Baugebiet erschlösse, dann wäre es ein Leichtes, die Raststätten mit anzuschließen.

Speer ist in Gesprächen mit Stadt und Bund. Er versucht beide Seiten für den vorgezogenen Bau eines Pumpwerks für dieses künftige Baugebiet begeistern. Sollten sich Pforzheim und Bundesrepublik auf eine Finanzierung einigen, könnte es bei den Rasthöfen weitergehen.

Der südliche könnte vor Gericht und der nördliche vielleicht schon 2024 in Bau gehen. Doch um all das wird sich das Karlsruher Regierungspräsidium bald nicht mehr kümmern müssen. Für Verkehrsplaner Speer erledigt sich die unendliche Geschichte mit der Übergabe aller Verantwortlichkeiten an die Autobahn GmbH zum Ende des Jahres.

Und dass bis dahin noch irgendetwas Entscheidendes passiert ist unwahrscheinlich.

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