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„Wir brauchen die Öffnung“

Pforzheimer Einzelhändler bezeichnen Abholservice als „Tropfen auf den heißen Stein“

Mit viel Aufwand wird von Geschäften und treuen Stammkunden der Verkauf in der Pforzheimer Innenstadt aufrechterhalten. Auf lange Sicht wirtschaftlich ist das für die Händler aber nicht.

„Jetzt hat man ja Zeit dazu“: Joanna Yüce von der „Lederecke" nimmt ein Video für die sozialen Medien auf. Foto: Susanne Roth

Astrid Tasoglu ist beim Dekorieren ihrer „Shoe Box“ in der Dillsteiner Straße vergangene Woche bereits aufgefallen, wie die Menschen um die Schaufenster herumschwirren: „Die Leute wollen raus und einen Grund haben, irgendwohin zu gehen“, ist sie sich sicher.

Dass seit dieser Woche ein Abholservice möglich ist, begrüßt die Einzelhändlerin. „Das wird auch genutzt, aber klar ist auch: Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Ihren Online-Shop sieht sie in erster Linie als Informationsplattform. Gerade bei Schuhen sei Anprobieren und Beraten wichtig. Das Beraten ist (telefonisch) kein Problem.

Online die Schuhe zu zeigen auch nicht. Alles andere löst sie, indem sie Kunden auch eine Auswahl mitgibt. Davon ausgehend, dass Schuhe nicht in Quarantäne müssen (wie es beispielsweise noch im Frühjahr die Bücher der Bibliothek mussten).

Es läuft schleppend. Aber wir bleiben dran, man muss es ja versuchen.
Joanna Yüce von der „Lederecke“

Joanna Yüce von der „Lederecke“ in der Innenstadt macht es genauso. Sie ist derzeit dabei, ein Model mit Taschen und Schuhen zu dekorieren, um ein Video in den sozialen Medien zu präsentieren. „Man hat ja jetzt Zeit für solche Sachen.“ Ob das allerdings der Weisheit letzter Schluss ist für ihr Geschäft, das italienische Einzelstücke anbietet, wagt sie zu bezweifeln. Auch vom Abholservice erwartet sie sich nicht allzu viel. „Es läuft schleppend. Aber wir bleiben dran, man muss es ja versuchen.“

Mario Elsässer von „Intersport Elsässer“ in der Schlössle-Galerie sagt: „Das bringt uns schon was. Heute war zum Beispiel eine Kundin da, die ein Ersatzteil gebraucht hat. Das kann man dann schnell abholen.“

In der Not wird auch viel Loyalität spürbar. So berichten mehrere Einzelhändler und Gastronomen von „treuen Stammkunden“, die ihnen auch im zweiten Lockdown die Treue halten. Gleichwohl ist der Aufwand immens, den die Händler betreiben müssen, um sich zum einen gegen die gigantische Konkurrenz der Online-Riesen zu behaupten und andererseits ihre Stärken – der individuellen und persönlichen Beratung etwa – hervorzuheben. Und das geht nur über soziale Medien.

„Was ich mache“, sagt zum Beispiel Kathrin Graul-Peters von der nahe dem Eispavillon angesiedelten „Kleiderordnung“ (KO), „das machen in einem anderen Betrieb vier Leute“. Sie postet, was das Zeug hält, stellt auf Instagram, Facebook & Co. Fotos und Videos ein, berät per Videoschalte auf Whatsapp und läuft mit dem Maßband durch ihr Geschäft, um etwa den Taillenumfang eines Mantels auszumessen.

Für sie und ihren Mann Daniel Peters haben sich im zweiten Lockdown die Arbeitszeiten nicht viel geändert. Im Gegenteil: Jetzt müssen noch mehr Päckchen gepackt und entweder für Kunden unabhängig vom Einkaufswert portofrei versendet beziehungsweise ausgefahren oder beim nun erlaubten „Abholdienst“ dem Kunden übergeben werden.

Nicht persönlich freilich oder zumindest mit großem Abstand. Rein, Name sagen, bezahlen, raus – auf diese stakkato-artig reduzierte Einkaufstour soll man das Ganze reduzieren. Kathrin Graul-Peters stellt aber nicht nur bei sich, sondern generell eine Verunsicherung fest, wie genau das nun gehandhabt werden darf.

Fakt ist: Bei der „Kleiderordnung“ bleibt die Eingangstür zu. Wenn der Kunde beziehungsweise die Kundin angerufen und einen Termin vereinbart hat, wird zur genannten Zeit in den Hausflur des Nebeneingangs das Paket abgestellt. Sicher ist sicher.

Vieles geht hier bereits seit dem ersten Lockdown im März online und indem Ware ausgefahren wird. Vom Abholservice erhoffen sich die Geschäftsinhaber nach den ersten Stunden mit wenigen Ausnahmen keinen Ansturm. „Das rettet einen auch nicht. Wir brauchen die Öffnung.“ Auch die finanzielle Unterstützung bei Fixkosten ist kein Rettungsanker. „Besser wäre es, für alle Händler und auch die Gastronomie, wenn man die Steuern in diesem Jahr erlassen würde“, findet Graul-Peters.

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