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Demo am Möbelzentrum

Pforzheimer Einzelhandel macht mobil und fordert Perspektiven

Der Mittelstand fühlt sich nicht gesehen. Einzelhändler aus Pforzheim und dem Enzkreis trafen sich deshalb am Dienstag, um auf sich aufmerksam machen - mit politischer Unterstützung.

Treffen mit Abstand: Einzelhändler aus Pforzheim kämpfen mit Unterstützung von Hans-Ulrich Rülke (Zweiter von rechts), Erik Schweickert (Dritter von rechts) und Uwe Hück (Vierter von links) um Perspektiven und eine zeitnahe Öffnung ihrer Geschäfte. Foto: Stefan Friedrich

Wir haben ein Problem: Diese Botschaft wollen Einzelhändler an die politisch Verantwortlichen in Stuttgart und Berlin senden. Am Dienstag trafen sie sich zahlreich beim Möbelzentrum Pforzheim, um gemeinsam zu demonstrieren. Tenor: So kann es nicht weitergehen. Ein Lockdown nach dem nächsten sei nicht mehr zu verkraften.

Es brauche jetzt kluge Strategien, wie und wann geöffnet werden könne. Unterstützung finden die Händler bei der FDP in Person von Hans-Ulrich Rülke und Erik Schweickert sowie bei Uwe Hück, der am Dienstag bereits angekündigt hat: Sobald seine neue Partei gegründet ist, wird er mit dem Anliegen der Händler vor Gericht ziehen.

„Wir sitzen alle imselben Boot“, sagte Sebastian Haase vom Möbelzentrum Pforzheim bei dem gemeinsamen Termin. Er begrüßte es daher auch, dass sich viele Händler hinter dem gemeinsamen Anliegen versammeln, die ansonsten Konkurrenten wären. „Konkurrenz spielt momentan aber keine Rolle“, betonte er. „Wir alle haben seit Wochen geschlossen, ohne jegliche Perspektive.“

Der Druck wird größer, die finanziellen Reserven sind vielfach aufgebraucht und die Unterstützung des Bundes, konstatieren sie unisono, komme nicht im Mittelstand an, wo sie dringend gebraucht wird, sondern versande mehr oder minder bei den großen Konzernen.

Klagen oder nicht?

„Von uns hat doch kein Mensch einen Cent gekriegt“, schilderte Ekkehard Haase seine Situation im Möbelzentrum. Wie also vorgehen, wenn am 8. März wieder keine Öffnung in Aussicht steht? Klagen oder nicht? Das Kostenrisiko wollen viele nicht auf sich nehmen. „Wir sind traurig und enttäuscht“, fällt das Resümee von Sebastian Haase deshalb ernüchternd aus. Ein wesentlicher Grund: „Der Handel bekommt zu wenig Aufmerksamkeit.“

Es ist deshalb eine Frage, die sie an diesem Morgen alle umtreibt: Wann sind eigentlich wir dran? Eine Frage, die auch zu einer Premiere im Wahlkampf führte: Uwe Hück warb für Rülke und Schweickert. Es seien keine parteipolitischen Erwägungen, die er dabei habe. Jetzt brauche es einfach wirtschaftlichen Sachverstand, um zu verstehen, was eigentlich in den Familienunternehmen los sei.

„In Deutschland muss man wieder mehr lernen, dass der Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft ist“, gab Hück zu bedenken. Aktienunternehmen würden von der Politik gerne unterstützt, der Mittelstand dagegen kaum. „Wir müssen uns mal dagegen wehren“, erklärte er und verband diese Forderung mit einem Appell: „Wir brauchen wieder mehr Politiker, die nicht von der Hochschulbank direkt ins Parlament wechseln.“ Zudem könne es nicht sein, dass solch fundamentale Eingriffe über alle Köpfe hinweg entschieden würden, so Hück. „Leute, wir sind alle über 18.“

Rülke will Stufenplan diskutieren

Dass der Handel in Pforzheim und im Enzkreis nun gezielt auf sich aufmerksam machen will, begrüßte Rülke ausdrücklich. Allein die Frisöre zu öffnen, sei nämlich nicht nachvollziehbar. „Bei gesundem Menschenverstand kann man niemandem erklären, warum das Infektionsrisiko dort geringer ist als beispielsweise in einem großen Möbelhaus.“

Rülke will stattdessen einen Stufenplan diskutieren, wie ihn die FDP bereits eingebracht hat. Dass sich die Mehrheit im Landtag lieber weiterhin an Inzidenzen orientiert, hält er für einen Fehler. Über Monate seien bei der Ministerpräsidentenkonferenz immer neue Parameter erfunden worden, von der Überlastung des Gesundheitswesens über den R-Faktor bis zur Inzidenz und zuletzt auch den Mutanten. „Es braucht einen klaren Fahrplan“, so Rülke, „ein wenn, dann“. Nur so könne dem Handel wieder eine Perspektive eröffnet werden.

Momentan jedoch herrsche auf dem Markt eine massive Wettbewerbsverzerrung, ergänzte Schweickert. Blumenhändler mussten am Wochenende quasi durch die Fenster ihres geschlossenen Geschäfts zuschauen, wie „der Rewe nebenan entdeckt hat, dass er jetzt die neue Blumengroßhandlung ist.“

Oder Konzerne wie Lidl und Aldi, die Einrichtungsgegenstände verkaufen dürften, während das Möbelhaus geschlossen bleiben müsse. „Das kann nicht sein“, kritisierte Schweickert. „Wir brauchen jetzt eine ehrliche Perspektive. Wachstum statt Stillstand.“ Insofern sei es ein „starkes Signal“, das von diesem Zusammentreffen am Dienstag ausgehe.

Der Handel leugne Corona damit nicht, er sei sich vielmehr seiner Verantwortung bewusst und setze Hygienekonzepte konsequent um. Vor dem Hintergrund, dass die großen Hotspots nachweislich in Pflegeheimen, Altenheimen und in größeren Familien waren, sei es ohnehin „unverhältnismäßig zu sagen: Wir öffnen nur die Frisöre.“ Da müsse „noch deutlich mehr kommen“, so Schweickert.

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