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Auszeichnung für Studie zum Nationalsozialismus

Pforzheimer Historiker Hans-Peter Becht erhält Gothein-Preis

Hans-Peter Becht füllt mit seiner Studie zum Nationalsozialismus eine Lücke in Pforzheims Geschichtsschreibung. Dafür wurde der Professor und frühere Leiter des Pforzheimer Stadtarchivs jetzt mit dem Eberhard-Gothein-Preis ausgezeichnet.

Ein Kenner der Stadtgeschichte: Der Pforzheimer Historiker Hans-Peter Becht wurde mit dem Eberhard-Gothein-Preis ausgezeichnet. Foto: Herbert Ehmann

Es gibt zugezogene und Teilzeit-Pforzheimer und auch solche, die nur ihre Wiege in der Goldstadt stehen hatten, sich aber auf dieser Basis gut oder zumindest bedeutungsvoll entwickelten.

All diese Frauen und Männer zusammen bilden die „Pforzheimer Köpfe“, die Hans-Peter Becht Kurier-Lesern seit Jahren kenntnisreich und pointiert vorstellt. Das stadtgeschichtliche Hauptwerk des früheren Leiters des Stadtarchivs und heutigen Professors an der Uni Stuttgart ist aber die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Pforzheim. Es ist 2016 unter dem Titel „‚Führer befiehl…‘. Das nationalsozialistische Pforzheim 1933–1945“ erschienen. Jetzt bekam der Historiker den Eberhard-Gothein-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen bei der Erforschung der Pforzheimer Stadtgeschichte überreicht.

Feier wegen Corona abgesagt

Leicht getan hat sich 65-jährige Pforzheimer mit dieser Würdigung nicht, so berichten die Beteiligten der wegen Corona abgesagten öffentlichen Vergabe. Schließlich hat er die Auszeichnung selbst initiiert, als er von 1986 bis 2013 in städtischen Diensten stand.

Bechts Buch ist ein eindrucksvolles Meisterwerk
Alt-Oberbürgermeister Joachim Becker

Bedenken, den Preis vor diesem Hintergrund anzunehmen, habe aber „ein sehr überzeugungsstarkes Mitglied der Jury“ bei einem Telefonat zurückdrängen können, informiert die Stadt. Das Preisgeld habe Becht deutlich aufgewogen und einer gemeinnützigen Stiftung überwiesen, die jährlich einen Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs vergibt.

Alt-Oberbürgermeister Joachim Becker, der als Vorsitzender der Reuchlin-Gesellschaft und Jurymitglied die Laudatio auf den Historiker geschrieben hat, nennt das Bechts Buch ein „eindrucksvolles Meisterwerk“. Mit Bezug zum Heute fährt der frühere Pforzheimer Oberbürgermeister fort: „Falls es Lehren aus der Geschichte gibt: Es sind die gefährlichen Verletzungen von Regeln und Anstand, die kleinen Grenzüberschreitungen und der Rassismus und Antisemitismus im Alltag, die zu einem vernichtenden Sturm wachsen können. Solche Entwicklungen können die Würde des Menschen aushöhlen, Vernunft und Rechtsstaat untergraben.“

NS-Zeit akribisch aufgearbeitet

Das Buch füllt eine Lücke in der Darstellung der Pforzheimer Stadtgeschichte. Es bringt „Licht in einen bisher nur wenig beleuchteten Abschnitt unserer Vergangenheit“, erläutert Christoph Mährlein, was für den Preisträger spricht. Der Obermeister der Löblichen Singergesellschaft gehört in dieser Funktion ebenfalls zur Jury, die den Preis alle vier Jahre vergibt. Er teilt weiter mit, Becht habe „nicht nur die historischen Ereignisse erforscht und dargestellt, sondern auch viele zuvor erschienene stadtgeschichtliche Einzelarbeiten zur NS-Zeit in einen Gesamtkontext und den wissenschaftlichen Diskurs eingeordnet“.

Den Anstoß zu dieser Auseinandersetzung mit Faschismus, Judenverfolgung und Gleichschaltung in Pforzheim gab die Stadt Pforzheim selbst. Bürgermeisterin Sibylle Schüssler nennt es „einen Glücksfall“, dass für die Studie Brecht gewonnen werden konnte. Der Historiker hat in Mannheim und Heidelberg auch Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Geschichte von Parlamentarismus und Parteien sowie moderne Stadtgeschichte.

Die Publikationsliste von Becht ist lang. In seinem jüngsten Werk zeige er, dass „Pforzheim keine isolierte Insel innerhalb des nationalsozialistischen Deutschlands war, die erst durch britische Bomben am 23. Februar 1945 von den Zeitereignissen berührt wurde“, sagt der Vorsitzende des Stadtarchiv-Fördervereins, Kai Adam, der ebenfalls der Gothein-Jury angehört. Der Nationalsozialismus sei real und von Anfang an präsent gewesen im Alltag von Schule, Beruf, Privatleben, Kommunalpolitik und Kultur ebenso wie in den verbrecherischen Gräueltaten.

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