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Livestream am Donnerstag

Pforzheimer Hochschule will mit „Festival des Scheiterns“ Mut machen

Der Musiker Julian Bossert und der Ex-Unternehmer Bernhard Kölmel aus Pforzheim sind Beispiele für Menschen, deren Pläne nicht immer aufgegangen sind. Dennoch wollen sie Studierende motivieren, es ebenfalls drauf ankommen zu lassen – und mit einem Tabu brechen.

Nur teilweise ein Misserfolg: Für Bernhard Kölmel hatte das Aus seiner Firma auch gute Seiten – jetzt lehrt er an der Hochschule Pforzheim Foto: Herbert Ehmann

Berlin war dann doch eine Nummer zu groß für Julian Bossert. Ein wenig blauäugig hatte sich der gebürtige Pforzheimer und Jazzmusiker in die Bundeshauptstadt aufgemacht, wie er rückblickend sagt. „Ich dachte, ich sauge da einfach die Stadt auf. Dann ging es mit dem Konto bergab.“

Als selbst das Geld für die Kohle des Kohleofens fehlte, sah er ein: Er war gescheitert.

Wenn man aber nun, Jahre später, mit ihm spricht, ist davon nicht mehr viel zu spüren. Am Donnerstag (18.30 Uhr, Livestream auf Youtube „Heed Festival des Scheiterns“) wird Bossert zusammen mit vier weiteren Rednern beim „Festival des Scheiterns“ der Hochschule Pforzheim und dessen Institute for Human Engineering & Empathic Design (Heed) sprechen.

Worum es geht

Es wird nicht darüber gesprochen, wie man Scheitern vermeiden kann. Sondern darüber, warum es dazugehört. Und wie man daraus wieder Kraft schöpfen kann.

Es ist die Herausforderung, der man sich stellt, die den Charakter formt.
Julian Bossert, Musiker

„Wenn man das Scheitern ausklammert, geht einem viel Potenzial verloren“, sagt Bossert. Bei seiner Kunst ohnehin, schließlich lebe der Jazz von der Interaktion mit dem Publikum. Komme etwas nicht gut an, dann versuche er es halt mit der nächsten Sequenz. „Phasen der Krise sind nachhaltig sehr produktiv“, berichtet er. Auch für Bossert selbst, der mittlerweile in Köln lebt und sich dort als Musiker etabliert hat. „Es ist die Herausforderung, der man sich stellt, die den Charakter formt“, sagt er. Diese Botschaft wolle er den Studierenden mitgeben. Und dass ein Ende nicht das Ende sei.

Fuckup-Nights sind die Inspiration

Veranstaltungen wie das „Festival des Scheiterns“ gibt es seit 2012 als sogenannte „Fuckup Nights“ weltweit immer wieder. Allerdings beziehen sich diese Veranstaltungen vor allem auf Unternehmer und Gründer, die zu mutigen Entscheidungen inspiriert werden sollen. In Pforzheim ist der Blick weiter, bezieht neben Musikern wie Bossert oder der Rapperin Sharon Suliman auch Life Coach Eva Hunger aus Berlin mit ein sowie als Repräsentanten der Hochschule die Professoren Gerhard Buurman und Bernhard Kölmel. Wobei Kölmel auch als Unternehmer Scheiter-Erfahrung gesammelt hat.

„Wir haben in Deutschland eine Kultur der Sicherheit“, beklagt Kölmel. Wer von der Uni komme, der finde schnell einen gut bezahlten Job. Die Bereitschaft, etwa ein Start-up zu gründen, sei da nicht so hoch wie etwa in den USA. Andererseits sei das Ansehen für derartige Gründer auch nicht so hoch wie in den Staaten. Kölmel kennt sich aus, arbeitete in den 1990er-Jahren im Silicon Valley. Auch dies ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. So habe er sich aus einigen Firmen zu früh zurückgezogen.

„Eine davon wurde später für 400 Millionen Euro verkauft“, erinnert er sich. „Eigentlich war das kein Scheitern, sondern eine verpasste Gelegenheit“, bilanziert er. Deutlich emotionaler sei es bei einer Firmengründung zugegangen, die so lange gut ging, wie sich die vier Inhaber verstanden. „Wir hatten am Ende eine Frontenbildung zwei gegen zwei. Das war ein Scheitern auf allen Ebenen.“ Und doch habe auch dies etwas Gutes hervorgebracht.

Man kann aus dem Scheitern auch lernen. Auch wenn diese Einstellung in Deutschland ungewohnt ist.
Bernhard Kölmel, Ex-Unternehmer und Professor

„Ich habe promoviert, bin an die Hochschule gegangen. Es hat sich nicht zum Schlechten ausgewirkt, letzten Endes“, sagt Kölmel. Und auch deshalb möchte er Mut machen. „Man kann aus dem Scheitern auch lernen. Auch wenn diese Einstellung in Deutschland ungewohnt ist.“ Hier fehle es allzu häufig auch an Mut, sich in neue Geschäftsbereiche zu stürzen, etwa in der Automobilindustrie.

IHK-Expertin fordert andere Akzente im Unterricht

Diesen Eindruck bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald. Ein „sicherer Arbeitsplatz“ werde deutlich höher eingestuft, sagt IHK-Gründungsberaterin Anja Maisch, fordert, dass schon an der Schule das Thema Selbstständigkeit stärker in den Fokus rückt. Im Schnitt werden pro Jahr rund 3.500 Neuanmeldungen bei der IHK registriert. Dem gegenüber stehen etwa ein Drittel an Abmeldungen jährlich (2019: 3.598 zu 1.289).

Allerdings ist Scheitern auch nicht gleich Scheitern.

Vielfach fehlte es Start-ups an einem guten Businessplan oder auch nur an einer gute Idee. „In Krisenzeiten nehmen die Gründungen aus der Not heraus zu. Gerade in diesen Fällen kann nicht jede Idee gleichermaßen überzeugen“, berichtet Maisch. Und Scheitern könne sich in Deutschland auch nicht jeder leisten. „Unternehmer, die scheitern, haben bei Banken oft eine schwierigere Position beim zweiten Anlauf.“

Heed Festival des Scheiterns

Das Festival des Scheiterns findet per Live-Stream am Donnerstag (19. November, 18:30 Uhr) auf Youtube statt, wo in der Chat-Funktion Fragen gestellt werden können. Fünf Speaker erzählen in 15-minütigen Vorträge ihre Geschichte zum Scheitern. Eine Anmeldung ist nicht nötig, hier geht es direkt zum Event .

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