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Covid-19-Überlebender berichtet

Pforzheims erster Corona-Patient ist wieder gesund - Zwölf Tage nach Ischgl lag Stephan Kindler im Koma

Der erste Covid-19-Patient an der Siloah-Klinik in Pforzheim war gleich ein sehr schwerer Fall. Zwölf Tage nach einem Ischgl-Aufenthalt musste Stephan Kindler ins künstliche Koma versetzt werden. Jetzt ist der 52-Jährige wieder gesund. Er und sein behandelnder Arzt berichten über ihren Kampf gegen das Coronavirus.

ERFOLGREICH GEKÄMPFT: Siloah-Chefarzt Thushira Weerawarna (51, links), und Covid-Patient Stephan Kindler (52) am Freitag in Pforzheim. Da der Genesene negativ getestet wurde, müssen beide bei dem Wiedersehen keinen Mundschutz tragen. Foto: pr/Pap

Der erste Covid-19-Patient an der Siloah-Klinik in Pforzheim war gleich ein besonders schwerer Fall. Zwölf Tage nach einem Ischgl-Aufenthalt musste Stephan Kindler ins künstliche  Koma versetzt werden. Jetzt ist der 52-Jährige wieder gesund. Er und sein behandelnder Arzt berichten über ihren gemeinsamen Kampf gegen das Coronavirus.

Es ist ein Wiedersehen der lachenden Gesichter. Stephan Kindler und sein Arzt Thushira Weerawarna sitzen in einem Besprechungsraum des Siloah-Klinikums in Pforzheim und strahlen sich an. Gemeinsam haben sie den Krieg gegen den Gegner namens Corona gewonnen, der wochenlang im Körper des 52-Jährigen tobte.

Pforzheimer Corona-Patient berichtet

Am Ende haben sie den geheimnisvollen Gegner besiegt, darüber wollen sie berichten. In einer Videokonferenz erzählen die fast gleichaltrigen Männer am Freitag von ihren Erfahrungen und wollen damit einen Beitrag zum besseren Verständnis der Corona-Krankheit Covid-19 leisten.

Für uns Intensiv-Mediziner gibt es nichts Schöneres als ehemalige Patienten, die uns zu Fuß besuchen kommen
Chefarzt Thushira Weerawarna

"Für uns Intensiv-Mediziner gibt es nichts Schöneres als ehemalige Patienten, die uns zu Fuß besuchen kommen", sagt Weerawarna und lobt Kindlers rasche Genesung. Der 51-jährige Mediziner beschäftigt sich seit 20 Jahren mit schweren Lungenerkrankungen.  Seit drei Jahren ist er Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3, die Pneumologie, Beatmungs- und Schlafmedizin umfasst.

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Mittlerweile ist der gebürtige Sri Lanker auch so etwas wie der Corona-Chef des 500-Betten-Krankenhauses. Unter Weerawarnas Aufsicht wurden im Siloah bislang 48 Covid-Patienten erfolgreich behandelt. Einer der schwersten Fälle war Stephan Kindler. "Eine Krankheitsgeschichte voller Überraschungen", so der Arzt.

Die Geschichte beginnt in Ischgl

Die Geschichte beginnt in Ischgl. Wie so viele andere Europäer, die sich im März mit dem Coronavirus infizierten, war Stephan Kindler in dem österreichischen Wintersportort. "Wir ahnten von nichts. Corona war kein Thema", erinnert er sich.

Der begeisterte Snowboardfahrer aus Niefern-Öschelbronn und seine Lebensgefährtin urlaubten vom 5. bis zum 8. März in Ischgl, genossen den Pulverschnee und auch ein Abendessen im "Kitzloch".

Was erst viel später bekannt wurde: Am 7. März informierte ein Barmann die "Kitzloch"-Geschäftsführung darüber, dass er positiv getestet wurde. Es war erste laborbestätigte Test in Ischgl. Doch der Skizirkus lief in dem Ort noch bis zum 15. März weiter. Ischgl gilt heute als "Corona-Brutsstätte Europas".

Video-Konferenz mit Covid-Patient Stephan Kindler und Chefarzt Weerawarna. Foto: str

Zwölf Tage nach Rückkehr im Koma

Am 24. März nahm die Staatsanwaltschaft Innsbruck Ermittlungen auf. Zu diesem Zeitpunkt lag Stephan Kindler bereits im künstlichen Koma in Pforzheim.

"In der Woche nach unserer Rückkehr bekam ich zunächst Fieber und Schluckbeschwerden", berichtet Kindler und sein Lächeln verschwindet. "Am Freitag dann der Test, am Dienstag darauf die Diagnose. "Körperlich ging es mir da schon ziemlich schlecht. Am Mittwoch entschied mein Hausarzt am Telefon: ab ins Krankenhaus!"

Stephan Kindler wurde am 18. März ins Siloah eingeliefert. Der Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache von der "Größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" sprach und Kontaktbeschränkungen ankündigte.

Kindler war der erste Corona-Patient in einer Pforzheimer Klinik. Trotz der guten Konstitution des sportlichen Mannes ohne Vorerkrankungen war Chefarzt Weerawarna  schnell klar, dass ein schwerer Verlauf zu befürchten ist.  "Wir können das anhand von Laborwerten erkennen", erläutert der Lungenexperte . Nach zwei Tagen mit hochdosiertem Sauerstoff entschied sich der Arzt für ein künstliches Koma. Ein Großteil der Lunge des Patienten funktionierte nicht mehr.

Gulasch mit Spätzle in Niefern

"Der Doktor hat mir die Maßnahmen erklärt und mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll", berichtet Kindler. Als Stephan Kindler neun Tage später wieder erwachte, war die Welt eine andere. "Die Sonne schien warm auf meinen Körper, ich dachte ich bin in Italien." Aber er lag im Siloah-Klinikum und hatte das Gröbste überstanden. Es folgten einige Tage mit Atemübungen und Muskelaufbau. "Das Atmen ging eigentlich schnell sehr gut, aber das Gehen fiel mir schwer und ich konnte mich schlecht konzentrieren."

Der leitende Angestellte erholt sich derzeit noch zuhause in Niefern-Öschelbronn. Den Gewichtsverlust von mehr als sieben Kilo kuriert er mit Hausmannskost. "Mein erstes Essen daheim war ein Gulasch mit Spätzle, so herrlich", schwärmt er und sein Arzt schwärmt mit. "Gutes Essen, das würde mir auch zuerst einfallen."

"Natürlich mache ich mir jetzt auch Gedanken über mögliche Folgeschäden. Man hört und liest ja so einiges. Aber wissenschaftlich gesichert ist da noch nichts."

"Demut und Vorsicht ist geboten"

Gedanken macht sich der Covid-Überlebende auch über die aktuelle politische Diskussion um das richtige Maß der Lockerungen. Kindler arbeitet im Einkauf bei einem großen Unternehmen. "Es ist klar, dass es jetzt mit der Wirtschaft wieder vorangehen muss. Aber es sind Vorsicht und Demut geboten." Für einen föderalen Flickenteppich mit vielen Ausnahmen und steigender Sorglosigkeit habe er aber kein Verständnis.

Thushira Weerawarna, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 3 (Pneumologie, Beatmungs- und Schlafmedizin) im Bild mit Klinikdirektor Ulrich Schulze, der auch den Träger der Siloah St. Trudpert-Klinik, den Evangelischen Diakonissenvereins Siloah, leitet. Foto: str

Chefarzt Weerawarna findet den Lockdown-Exit von Bund und Ländern trotzdem richtig, man müsse lernen, so gut es geht mit dem Virus zu leben. "Viele Fälle verlaufen glücklicherweise harmlos", sagt er. Allerdings zeigt die Geschichte seines ersten Covid-Patienten, dass Corona eben nicht nur die Alten und Kranken hart treffen kann. Was ist der Grund für diesen schweren Krankheitsverlauf? Der Chefarzt lächelt: "Wir haben keinen Schimmer."

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