Skip to main content

Eva Alt musiziert im Altenpflegeheim

Pforzheimer Pianistin spielt auch mit 100 Jahren noch im Seniorenheim

Ihr Leben umspannt ein ganzes Jahrhundert. Eva Alt hat viele Schicksalsschläge pariert. Welche Rolle die Musik dabei spielt, erzählt die 100-jährige Pforzheimerin im Albert-Stehlin-Haus.

Eva Alt spielt regelmäßig im Albert-Stehlin-Haus Klavier. Die anderen Bewohnerinnen und Bewohner und das Pflegepersonal freuen sich über die kleinen, spontanen Hauskonzerte. Foto: Herbert Ehmann

Musik aus „La Bohème“ dringt aus der kleinen Kapelle im Albert-Stehlin-Haus ins Foyer. Vor der geöffneten Tür sitzen zwei alte Männer im Rollstuhl, versunken in die munteren Klänge von Puccini. Die zerbrechlich wirkende kleine Frau, die ihnen die Nachmittagsstunde an einem tristen Wintertag versüßt, blickt lächelnd von den Tasten des Klaviers auf.

„Das ist eigentlich ein Orchesterstück, aber ich habe eine Begleitung dazu gemacht“, erklärt Eva Alt der Besucherin. Sie ist frisch frisiert und hat Rouge aufgelegt, passend zur eleganten, Klatschmohn-farbenen Bluse und einem Tuch mit Blumenmuster, das sie um den Hals geschlungen trägt.

„Die Musik ist etwas Positives in meinem Alter“, sagt sie. Kürzlich ist sie 100 Jahre alt geworden, und die Musik hat sie auch in den schweren Zeiten begleitet. „Sie hat mich immer gerettet.“

Ich bin nie zum Tanzen gekommen, weil ich immer Klavier gespielt habe.
Eva Alt, 100-jährige Pforzheimerin

Eine Fröhlichkeit erfüllt das Foyer im Altenpflegeheim

Das Klavier müsste gestimmt werden, findet Alt. „Aber ich glaube, die anderen merken es nicht.“ Mit ihren musikalischen Einlagen lockt die Pianistin regelmäßig Mitbewohner an, sie danken es ihr. Wer nicht selbstständig gehen kann, wird von einer Betreuungskraft zum kleinen Privatkonzert geleitet.

Einer der Zuhörer ist Ralph Mössner. Ihr einstiger Nachbar aus der Nordstadt hat früher die Balkontür geöffnet, um ihre Musik hineinzulassen. „Die Welt ist klein“, sagt er und freut sich, Eva Alt wieder spielen zu hören. Ihre Finger eilen über die Tasten. Mit Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ erfüllt eine Fröhlichkeit das Foyer im Altenpflegeheim. „Ich bin nie zum Tanzen gekommen, weil ich immer Klavier gespielt habe“, berichtet Alt.

Nur zu Beginn ihres Heimlebens blieben die Tasten unberührt. Das war im vergangenen Sommer. Weil ihr Sohn schwer krank war und sie alt, zogen sie gemeinsam ein. Kurz darauf starb der Sohn. Mit ihm verlor sie für eine Zeit lang ihren Lebenswillen. „Mein Bub war das Wichtigste für mich; ich dachte, ich drehe durch und springe zum Fenster.“

Eva Alt blickt zu Heimleiterin Gabriele Weber, die wegen Corona in einiger Distanz zu ihr sitzt: „Aber eure Fenster sind ja nicht groß genug“, sagt sie dann und lächelt schelmisch. Der Humor ist ihr nicht abhanden gekommen. Sie sei schon immer optimistisch gewesen.

Mit acht Jahren hat Eva Alt das Klavier für sich entdeckt

Das Klavier entdeckte die Pforzheimerin mit acht Jahren für sich. Sie musizierte bei Schülervorspielen, studierte später Musik an der Karlsruher Musikhochschule und arbeitete als Musiklehrerin. Als die Waldorfschule eine Aushilfe suchte, sprang sie ein. „Aus sechs Wochen wurden 35 Jahre.“

Im Albert-Stehlin-Haus fühle sie sich inzwischen „nicht unwohl“, erklärt Alt. Alle seien so lieb und nett. Wieder kommt der Schalk über sie, als sie meint zu wissen, wie man im Haus über sie spricht: „Eine liebe Frau, aber ein bissel schwierig.“ Weber winkt ab und lacht.

Was nützt mir mein Kopf, wenn mir alles weh tut.
Eva Alt, 100-jährige Pforzheimerin

Dann wird Alt nachdenklich: „100 Jahre: Was man da alles für Menschen kennt...“ Noch heute kommen ehemalige Schüler zu Besuch, bringen ihr Schokoladenkuchen mit und spielen Aufnahmen ihrer Stücke vor, um von der Expertin zu hören, ob das gut genug sei. Ihren 100. Geburtstag habe sie weitgehend am Telefon verbracht, berichtet Heimleiterin Weber. Alt ist bekannt in der Stadt – und beliebt.

Sie erzählt aus ihrem Leben, nach Worten muss sie nicht suchen, sie fliegen ihr zu. Nur das Gehör kann es nicht mehr mit der Schärfe des Verstands aufnehmen, der Körper nicht mehr mit dem Kopf. Neue Hüftgelenke und alte Gliedmaßen, die ihr Schmerzen bereiten. „Was nützt mir mein Kopf, wenn mir alles weh tut.“ Noch einige Jahre zu leben, würde ihr trotzdem gefallen.

Soldaten brachten ihr das geliebte Bechstein-Klavier

Jetzt an Weihnachten kommt erst einmal ihre Enkelin. Wegen Corona fällt eine zentrale Feier im Haus aus. Gemütlichkeit am Christbaum wird es stattdessen in den Wohnbereichen geben. Und an Heiligabend bekommen alle Bewohner ein festliches Mittagessen serviert.

In ihrem Leben musste Eva Alt viele Schicksalsschläge parieren. Ihr Mann starb in Stalingrad in Gefangenschaft. Sohn und Vater lernten einander nie kennen. Zwei Mal entkam sie dem Bombentod: An Heiligabend 1944 wurde das Haus der Oma zerstört, bei der sie damals wohnte. Die Oma kam ums Leben. Später wohnte sie bei den Schwiegereltern. Sie wurden beim Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 getötet.

Alts großes Glück war, dass sie sich an beiden Tagen in einer Skihütte der Familie bei Bad Wildbad aufhielt. Und dorthin brachten ihr Soldaten, die das Häuschen okkupiert hatten, sogar ihr geliebtes Bechstein-Klavier.

Als Pianistin für die französische Besatzungsmacht gespielt

Nach dem Krieg lebte sie mit ihrem Sohn in einem Zimmer. Aber es fehlte an nichts, und sie spielte Klavier. Eigentlich war das Klassische ihre Passion. Aber als eine Band eine Pianistin suchte für Auftritte vor der französischen Besatzungsmacht, sagte sie zu und erweiterte so ihr Repertoire um Unterhaltungsmusik.

Bleiben Sie noch einen Moment. Ich spiele Ihnen zwei kleine Bachstücke vor.
Eva Alt, 100-jährige Pforzheimerin

Dann und wann unterbricht sie ihren Redefluss: „Das will doch niemand wissen.“ Niemand soll sie für eitel halten, schon gar nicht die Enkelinnen. Sie kennt doch so viele Menschen und hört sie schon reden: „So ein eingebildetes Weib.“

„Ich hatte ein reiches Leben mit viel Leid, aber auch mit viel Schönem.“ Davon erzählt sie auch gerne der „goldigen Studentin“, die ihr die Nachbarschaftshilfe vermittelt hat. Diese sei froh, in Zeiten von Corona noch etwas anderes zu hören. „Wir duzen uns.“ Die junge Frau kann offenbar nicht genug erfahren vom Leben ihrer Freundin, das ein ganzes Jahrhundert umspannt. Und sie ist nicht die Einzige.

Aus dem Besuch bei Eva Alt ist eine kurzweilige Erzählstunde geworden, die an diesem düsteren, kalten Tag wohlig wirkt wie eine Wärmflasche. „Bleiben Sie noch einen Moment. Ich spiele Ihnen zwei kleine Bachstücke vor“, sagt sie.

nach oben Zurück zum Seitenanfang