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Kampf um die Spielstraße

Poller soll den Schleichweg durch die Pforzheimer Nordstadt beenden

DHL-Laster und Pendler geben sich auf der Ebersteinstraße in Pforzheim ein Stelldichein. Das Problem ist: Das ist eigentlich ein verkehrsberuhigter Bereich. Nun will die Stadt daraus mehr als eine Worthülse machen.

Da soll er hin: Christof Weisenbacher setzt auf den Poller an der Ebersteinstraße. Der soll den Schleichweg endlich beenden. Foto: Jürgen Müller

Wenn Christof Weisenbacher abends etwas dösen möchte, dann zählt er keine Schäfchen. Er zählt DHL-Paketwagen. Die gelben Lastwagen rumpeln in den Stoßzeiten fast schon als Karawane durch die Ebersteinstraße in der Nordstadt. Das wäre soweit auch in Ordnung – wäre die Straße nicht ein verkehrsberuhigter Bereich. Oder, wie es der Volksmund nennt, eine Spielstraße.

Wobei „spielen” ein Euphemismus ist. „Wenn man hier mit Kindern herumläuft, kann man sich auf der Straße ja gar nicht aufhalten”, sagt Weisenbacher, Stadtrat für „Wir in Pforzheim” und Fahrradaktivist, bei einem kleinen Rundgang. Zumindest gilt das noch. Bald soll alles anders werden. Die Stadt möchte einen Poller errichten, um den Schleichweg auszutrocknen. Wie die Behörden auf Anfrage mitteilen, solle das „alsbald umgesetzt werden”, sobald letzte Details mit der Feuerwehr geklärt sind und die Anwohner per Flyer informiert wurden.

Eigentlich sollten dort ohnehin nur Anwohner und Radfahrer entlangfahren. Doch als Weisenbacher plötzlich auf die Straße tritt, bildet sich in Windeseile eine lange Autoschlange. „Ich darf das hier, das wissen viele gar nicht”, erklärt er, während die ersten Fahrer im Feierabendverkehr die Krise bekommen. Ein Audi deutet sogar einen Überholvorgang an, sieht in den Autos vor ihm wohl ein Hindernis. Dabei sind die Autos noch das geringste Problem beim halbstündigen Streifzug durch die Spielstraße.

Vier DHL-Laster zählt Weisenbacher. „Die fahren alle rauf zu Amazon”, sagt er, vermutet, dass die Navigationsgeräte solche Routen empfehlen. Sogar ein Quad fährt vorbei und hinterlässt eine Wolke aus Qualm und Gestank. Und dann seien da noch die Autofahrer, die aus geöffneten Fenstern die Nachbarschaft mit lauter Musik beschallen. „Am Wochenende ist das jeder Dritte”, berichtet Weisenbacher. Das sei vor allem ärgerlich, wenn man mal ein Buch lesen wolle, oder eben dösen.

CDU-Stadtrat befürchtet Verlagerung

Deshalb setzt er auch große Hoffnungen in den Poller. „Ich glaube schon, dass das etwas bringt”, sagt er. Eine Meinung, die allerdings nicht jeder teilt. CDU-Stadtrat Jörg Augenstein etwa ahnt eine Verlagerung des Verkehrs auf andere Straßen. „Ich spreche mich daher klar gegen den Poller in der Nordstadt aus”, sagt er. „Irgendwo durchlaufen muss der Verkehr ja.” Vor allem die Kombination mit einer reduzierten Geschwindigkeit auf dem Innenstadtring bereitet einigen Experten Sorge. „Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen konterkariert deren Funktion, den Verkehr zu bündeln”, teilt etwa der ADAC mit.

Unterwünschte Ausweichverkehre über Schleichwege durch sensible Wohngebiete würden damit für die Autofahrer attraktiver. „In den Wohnstraßen stieg in unseren Untersuchungen die Fahrleistung in den Modellrechnungen um insgesamt 15 bis 17 Prozent.” Allerdings bei Tempo 30, nicht bei Tempo 40. Und Marthe Soncourt von Critical Mass, die schon öfters mit Weisenbacher in der Nordstadt Aktionen auf die Beine gestellt hat, sieht den Poller zwar „sehr positiv”, sagt aber auch: „Ich habe die Befürchtung, dass der nächste Schleichweg kommt.”

Anwohner rechnet mit Chaos

Laut Stadt ist das jedenfalls alternativlos. Man hätte auch die Straße komplett sperren können. „Die Erfolgsaussichten wurden hier aber als nicht sehr hoch eingeschätzt, da die erforderliche Kontrolldichte durch die Polizei hätte sicher nicht aufgebaut werden können”, teilt die Verwaltung mit. Weisenbacher wiederum sieht im Poller auch eine Gefahr. „Das wird nicht lange dauern, dann fährt den einer um und es ist wieder wie vorher”, befürchtet er. Und in der Übergangsphase, wenn die Navigationsgeräte noch nicht aktualisiert sind, werde es sicher zu einem „gewissen Chaos” kommen, ahnt der Aktivist und Anwohner, der sichtlich betont, „nicht schadenfroh” zu sein.

Dass die Stadt mit einem Mal ein solches Interesse an der Nordstadt zeigt, erklärt Weisenbacher so: „Ich glaube, wenn das hier kein Sanierungsgebiet wäre, würden die auch nichts tun.” Immerhin gebe es ja noch andere Schleichwege in Pforzheim, wie etwa den in Dillweißenstein. „Das ist auch eine Spielstraße. Das ist einfach unmöglich, was da passiert”, klagt er.

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