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360-Grad-Rundgang

„Schlosskirche digital“ zerlegt das historische Pforzheimer Gemäuer in Einzelteile

1.200 Stunden hat es gedauert, die Schlosskirche mit Drohne und Laserscanner abzubilden.

Architektur online: Jeff Klotz, Paul Hoffer, Mike Wunderlich, Christoph Timm (stehend, von links) und Gerhard Baral, Heike Reisner-Baral sowie Melanie Kalcher (sitzend, von links) haben dazu beigetragen, dass die Schlosskirche zum Tag des offenen Denkmals digital erfahrbar wird. Foto: Susanne Roth

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Roth

Die Schlosskirche St. Michael wird am Dienstagabend vor geladenem Publikum in ihre Einzelteile zerlegt. Die Außenwände fallen weg und geben unter anderem den Blick frei auf unzählige Holzbalken, die die Dachkonstruktion tragen.

Freilich ist diese Zerstückelung in die historischen Einzelteile eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt Pforzheim nur eine rein virtuelle. Rund 40 Gäste, die entweder im Schweiß ihres Angesichts oder zumindest durch monetäre Leistung das Projekt „Schlosskirche digital“ unterstützt haben, werden Zeuge und damit Teilnehmer eines 360-Grad-Rundgangs von den Grundmauern bis zu besagtem Dachfirst.

Digitalisierung für Tag des Denkmals

Das ist möglich, weil der junge Unternehmer Mike Wunderlich aus Calw elf Tage und insgesamt mehr als 1.200 Stunden mit Drohne und Laserscanner der Schloss- und Stiftskirche sozusagen auf die Pelle gerückt ist. Beauftragt wurde er vom Bauschlotter Klotz Verlag, dessen Leiter Jeff Klotz zudem mit Texten aus seinem reichen Fundus zur Historie Pforzheims einen Beitrag geleistet hat. Gesprochen wurden diese von Melanie Kalcher, bekannt aus dem Amateurtheaterverein des Kulturhauses Osterfeld.

Dass Mike Wunderlich künftig mit einem anderen Gefühl an der Schlosskirche vorbeifahren wird, hat er wiederum dem Pforzheimer Filmemacher Paul Hoffer zu verdanken, der ihn nicht nur vermittelt hat, sondern auch einen nicht minder interessanten und vor allem professionellen Film über das „Wie“ produziert hat – ein Film also darüber, wie sich Mike Wunderlich dem altehrwürdigen Gemäuer genähert hat.

Sehr respektvoll und fast schon auf Zehenspitzen hat er sein Equipment platziert, in Winkel hineinspähen lassen und vor allem bei der Wendeltreppe einen schwindelerregenden Aufwand betrieben: Allein, um ein Foto einscannen zu können, musste er über vier Minuten Zeit einplanen.

3.600 Messpunkte pro Sekunde, nennt er bei der ersten offiziellen Vorstellung seines Projekts beeindruckende Zahlen. Über virtuelle Info-Punkte kann der Besucher des virtuellen Rundgangs nicht nur am Tag des offenen Denkmals (13. September), für den die Digitalisierung in Auftrag gegeben wurde, noch viel mehr erfahren.

Für die Digitalisierung der Gruft müssen noch Kabel verlegt werden

Der architektonische Rundgang war – wie der von Pfarrerin Heike Reisner-Baral als „Fundraiser“ des Fördervereins bezeichnete Ehemann Gerhard Baral bekannt gibt – eine Idee des ehemaligen städtischen Denkmalpflegers Christoph Timm. Und Jeff Klotz war dann einer der Ersten, der sofortige Unterstützung zugesagt habe. Weitere Förderer kamen hinzu, von denen die Werner-Wild-Stiftung, die Sparkasse Pforzheim Calw, Freunde der Schlosskirche Pforzheim, der Diakonieverein, die Löbliche Singergesellschaft 1501, die WSP, das Kulturamt genannt wurden.

Und damit wird eine Erkenntnis gelebt, die Verlagsleiter Jeff Klotz historisch begründet. So sei die als Herrscher-, als Adels-Kirche genutzte Schlosskirche im Lauf der Jahrhunderte schließlich von den Bürgern der Stadt gewissermaßen „okkupiert“ worden. „Herrschaftskirche und Stadtpfarrkirche verschmolzen hier, noch bevor sie Residenz des Markgrafen wurde.“

Wie viel diese Kirche den Pforzheimern bedeutet, wird seiner Meinung nach auch bei den gewaltigen Anstrengungen deutlich, die trotz harter Nachkriegszeiten zur Wiederbeschaffung der Glocken beziehungsweise zum Wiederaufbau unternommen wurden.

Auf einen historischen Glanzpunkt wartet das Publikum an diesem Abend allerdings vergeblich. Laut Pfarrerin Heike Reisner-Baral hat Mike Wunderlich nicht etwa der Eifer verlassen. Der Grund, warum er sein Equipment noch nicht in der Gruft einsetzen konnte, in der übrigens 1860 als Letzte die Großherzogin Stefanie von Baden beigesetzt wurde, ist ein anderer: „Es müssen noch Kabel verlegt werden“, so Reisner-Baral.

Es muss ja auch noch einen guten Grund geben, die „architektonische Digitalisierung der Schlosskirche St. Michael“ noch einmal anzuschauen.

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