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Streik trotz Corona

Stiller Warnstreik am Helios Klinikum in Pforzheim: Applaus alleine ist den Pflegern nicht genug

„Pflege gibt es nicht zum Dumpingpreis“: Mit Slogans wie diesem machen Beschäftigte am Helios-Klinikum darauf aufmerksam, dass ihnen Applaus nicht reicht. Sie wollen endlich fair bezahlt und wertgeschätzt werden.

Stummer Warnstreik. Beschäftigte aus Pflege, Labor und Anästhesie fordern „faire Bezahlung“ und legen am Freitag aus Protest ihre Arbeit nieder. Foto: Roland Wacker

Sie sind enttäuscht, empört, stinksauer. „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“´, nennt Marcus Köhler einen weiteren Grund, weshalb er und rund 50 weitere Beschäftigte nicht wie sonst ihrer Arbeit am Helios Klinikum nachgehen, sondern – verteilt über den Spätdienst ab Freitagnachmittag – am „stillen Warnstreik“ teilnehmen, zu dem Verdi aufgerufen hat.

Wegen Corona wird auf eine Kundgebung verzichtet, die die Gewerkschaft sonst organisiert, um Tarifverhandlungen Nachdruck zu verleihen. Verhandlungen, bei denen sich der Arbeitgeber, der Helios-Konzern, seit elf Monaten keinen Schritt bewegt habe, wie die Beschäftigten monieren. „Und deshalb müssen wir im Dezember hier draußen stehen, während Kollegen ihre Gesundheit riskieren.“ Böhm ist Mitglied der Tarifkommission und wirkt mühsam beherrscht. „Wo doch Pandemie ist und jede Kraft gebraucht wird.“

Laut Sprecher Michael Janus fordert Verdi von Helios für die rund 1.300 Beschäftigten aus den Bereichen Pflege, Labor und Anästhesie eine bessere Eingruppierung und eine Sonderzahlung, analog zu den kommunalen Kliniken. Wenigstens vor Weihnachten hätte man sich noch ein Angebot der Klinikleitung gewünscht. Da dies nicht erfolgt ist, zwinge der Arbeitgeber sie praktisch zum Warnstreik, trotz Corona.

„Wir lassen uns nicht kaputt Spahnen“

Die Streikenden haben Plakate aufgestellt mit Slogans wie: „Wir lassen uns nicht kaputt Spahnen“, „Pflege gibt es nicht zum Dumpingpreis“, „Nur mit Applaus bekommen wir keinen Blinddarm in der Nacht raus.“ Auf einem steht einfach nur „Wertschätzung“. Die wurde ihnen seitens der Politik im Frühjahr zugesagt.

Romy Hartmann spürt nichts davon in ihrem Geldbeutel. „Mein Mann ist Elektriker und hat 1.200 Euro bekommen, mein Schwager ist Lagerchef und erhielt 500 Euro. Ich schäme mich für meinen Arbeitgeber, sagen zu müssen, dass ich nichts bekomme“, sagt die Hebamme, „in einer Zeit, die so hart ist und in der man alles gibt“.

So gab es lediglich eine Corona-Prämie von Bund und Land, die die Kliniken an Mitarbeiter verteilten. „Gerade jetzt, wenn alle Beschäftigten im Klinikum sich täglich einem enormen Gesundheitsrisiko aussetzen müssen, sie zusätzliche Dienste übernehmen und am Limit arbeiten, blockiert ihr Arbeitgeber die Forderung nach Aufwertung, Anerkennung und Wertschätzung“, kritisiert Verdi-Verhandlungsführerin Yvonne Baumann.

Seit Jahren hinken wir dem öffentlichen Dienst hinterher.
Mijo Simic, Labormitarbeiter

„Ich könnte es verstehen, wenn Helios rote Zahlen schreiben würde, aber die sind seit Jahren schön schwarz. Sie machen gutes Geld mit uns. Seit Jahren hinken wir dem öffentlichen Dienst hinterher“, empört sich Mijo Cimic. Er arbeitet im Labor und weiß, dass er für eine vergleichbare Tätigkeit am Siloah St. Trudpert Klinikum mehr verdienen würde. Dort, im „Haus am Berg“, bekämen sie alle mehr Geld, sind sich die Streikenden sicher.

Susanne Siebler, medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin, ist seit 40 Jahren im Haus und kennt also noch die Zeit vor der Privatisierung. Sie beschreibt, wie schwierig es heute sei Fachkräfte zu bekommen. Die schauten sich auf dem Markt um und griffen im Zweifel zu besser bezahlter Arbeit. Viele seien schon weggegangen, ergänzt eine Frau, das führe dazu, dass das verbleibende Personal mehr arbeiten müsse.

SPD-Politikerin Mast: Sie haben mehr als Applaus verdient

Klatschen reiche nicht, dies sei auch immer ihre politische Position gewesen, sagt SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast in einer Pressemitteilung. Sie bezieht sich insbesondere auf die Menschen, die in den Kliniken an vorderster Front die Pandemie bekämpfen. „Sie haben mehr als Applaus verdient.“

Man habe mit Verdi Notfallpläne erarbeitet, um das Patientenwohl nicht zu gefährden, erklärt Klinikgeschäftsführer David Assmann zu der Aktion am Freitagnachmittag. Es sei nicht zielführend, „in einer solch angespannten Situation einen Warnstreik durchzuführen“. Ziel sei, gemeinsam zu einem tragfähigen Tarifabschluss zu kommen. Im April habe man Verdi ein erstes Angebot unterbreitet. Was dies beinhaltet, konkretisiert das Klinikum nicht. Verdi sagt, es liege kein Angebot vor.

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