Skip to main content

Gewalt gegen Polizisten

Immer mehr Übergriffe: Pforzheims Polizisten schlagen Alarm

Pforzheims Polizisten sehen sich zunehmend als die „Bösewichte” in einer unehrlichen Debatte. Dabei sind tätlichen Angriffe auf Beamte gerade im Raum Pforzheim bereits 2019 massiv gestiegen. Und für 2020 sieht die Tendenz nicht viel besser aus.

Rauer Ton: Immer häufiger finden Meldungen über attackierte Pforzheimer Polizisten den Weg in die Zeitung. Dabei gab es schon 2019 eine sprunghafte Zunahme an tätlichen Angriffen gegenüber Beamten in Pforzheim und Enzkreis. Foto: René Ronge

Eine Polizistin wird in einer Pforzheimer Bäckerei bespuckt und gekratzt. Auf dem Schloßberg werden Beamte erst als Rassisten beschimpft, dann fliegt eine Flasche in ihre Richtung. Und bei einem Einsatz in Neuenbürg wird ein weiterer Polizist von einem Trio verletzt, zudem noch unter anderem ein Notarzt attackiert.

Und gegen einen Remchinger, dessen Spuckattacke Corona-Quarantäne für acht Beamte aus Neuenbürg zur Folge hatte, wird Anklage erhoben. Das alles sind Meldungen nur aus der vergangenen Woche. Werden die Polizisten in der Region zu Freiwild?

Dieses Wort gefällt zwar Präsidiumspräsident Wolfgang Tritsch nicht. „Dieser Ausdruck und die veröffentlichten Filmsequenzen zur Stuttgarter ,Krawallnacht’ legen leider allerdings solche Assoziationen nahe“, sagt er. Der Ton habe sich verschärft, auch in Pforzheim. „Respektlosigkeiten wie Spuckattacken kannten wir vor wenigen Jahren noch nicht“, sagt er weiter.

Der Anstieg der Angriffe gegen Polizisten in Pforzheim ist deutlich über dem Landesschnitt

Die Polizeistatistik gibt Tritsch recht. Von 2018 auf 2019 betrug der Anstieg bei tätlichen Angriffen auf Polizisten im Präsidium Pforzheim 47,3 Prozent – noch einmal deutlich mehr als landesweit (plus 11,6 Prozent). Im Schnitt alle vier Tage kam es 2019 im Nordschwarzwald zu Übergriffen auf Beamte.

Trotz Corona-Lockdown haben sich diese Zahlen laut Tritsch gehalten, wobei sie in Pforzheim zu und im Enzkreis abnehmen. Die Zahl der attackierten Beamten ist aber gestiegen. „Vieles spricht für eine gesteigerte Aggressivität.“

Hinzu komme eine zunehmende Kritikfreudigkeit an der Polizei. „Auffällig ist auch, dass sich vermehrt Unbeteiligte einmischen, Kontrollen abwertend kommentieren sowie Bilder und Videos fertigen“, klagt Tritsch. Wobei es nicht immer nur Krawallmacher sind, die einzelne Einsätze kritisieren. So sagte damals Grünen-Stadtrat Felix Herkens über den Einsatz am 23. Februar: „Einiges war einfach total überzogen.“

Doch es geht nicht nur um Extrembeispiele. „Während früher eine Streifenbesatzung ausreichte, um sich um einen Hausstreit oder eine Ruhestörung zu kümmern, genügt das heute nicht immer“, berichtet Tritsch weiter. „Für die Kolleginnen und Kollegen ist es frustrierend und gefährlich zugleich, wenn sie in einer solchen Situation zu Hilfe gerufen werden und sich dann die Beteiligten oder gar Unbeteiligte gegen die Polizei solidarisieren.“

Das betrifft übrigens auch die Notärzte. Bei Roten Kreuz in Pforzheim sagt eine Sprecherin auf Nachfrage, auch dort hätten Aggressionen zumindest verbal zugenommen. „Dabei wollen wir nur helfen.“

Polizei-Gewerkschafter sieht ein „generelles Respektproblem”

Woher das kommt? Von Corona-Frust bis zu Alkoholexzessen reicht Tritschs Aufzählung von Gründen. Sein Pforzheimer Kollege Ralf Kusterer, der zugleich Landeschef und Bundesvize der Deutschen Polizeigewerkschaft ist, sieht ein gesamtgesellschaftliches Problem: „Wir haben ein generelles Respektproblem.“

Das gehe beim Stinkefinger auf der Straße los und reiche eben bis zum Spucken und zur falscher Solidarisierung. Manchmal, so betont Kusterer, müsse man eben auch Menschen mit Migrationshintergrund kontrollieren. Einige aber würden „diesen als Schutzschild missbrauchen“, sich als Opfer von „Racial Profiling“ stilisieren. „Die ziehen dann die Migrantenkarte. Da sind wir Polizisten immer die Bösewichte.”

Dass es dabei nicht immer für jeden Beamten einfach sei, cool zu bleiben, deuten sowohl Tritsch als auch Kusterer an, wobei sie natürlich die Professionalität und gründliche Ausbildung der Beamten betonen. „Die weit überwiegende Anzahl meiner Kolleginnen und Kollegen ist aus absoluter Überzeugung zur Polizei gegangen, insbesondere um auch als „Freund und Helfer“ aufzutreten“, betont Tritsch.

nach oben Zurück zum Seitenanfang