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Meinung

von Thomas Liebscher

Liebschers Rückpass

England spielt bei der WM wieder gegen die USA – und erinnert sich an eine Blamage

Sie hatten es nicht nötig, an den Fußball-Weltmeisterschaften 1930, 1934 und 1938 teilzunehmen. Die Engländer fühlten sich als die Besten der Welt. Erst 1950 in Brasilien ließen sie sich herab vom Thron.

Bildnummer: 60006938  Datum: 09.05.1950  Copyright: imago/United Archives International
Walter Winterbottom, the England team manager and coach with a selection of balls. 9th May 1950 kbdig 1950 quer Portrait  PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY 

 60006938 Date 09 05 1950 Copyright Imago United Archives International Walter Winterbottom The England Team Manager and Coach With a Selection of Balls 9th May 1950 Kbdig 1950 horizontal Portrait PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY
Walter Winterbottom ließ als englischer Nationalcoach vor der WM in Brasilien 1950 sein Team in einer beheizten Flugzeughalle in Pullovern trainieren. Foto: imago stock&people imago stock&people

England gilt als Mutterland des Fußballs. Und thronte lange über den schrägen Dingen, die andere Länder miteinander veranstalteten. Fußball-Weltmeisterschaft? „Oh, my god“, hieß es auf der Insel.

Man hielt sich für die beste Nation und enthielt sich deshalb dem schnöden Wettstreit. Das Nationalteam hatte es nicht nötig mitzumachen bei den ersten drei WM-Turnieren 1930 bis 1938. Schließlich war es Engländern praktisch unmöglich, gegen Nicht-Briten zu verlieren. Passierte nur einmal, 1929 in Spanien.

Erst 1950 steigt das Fußball-Königsland vom Thron und schippert zum Turnier nach Brasilien. Nicht ohne das Klima schon zu Hause „trainiert“ zu haben. In einer aufgeheizten Flugzeughalle jagt Trainer Walter Winterbottom (den Namen kennt man aus „Dinner for One“) seine Profis in dicken Pullovern herum.

USA-Torwart als Leichenwagen-Fahrer

Immerhin springt bei der Premiere ein Sieg gegen Chile heraus. Also schont man Star-Dribbler Stan Matthews fürs nächste Match. Der zweite Gegner heißt 1950, und zum ersten Mal ja nur USA. Am Freitag kommt es in Katar übrigens wieder zu dieser Begegnung, um 20 Uhr in Gruppe B.

Vor dem Match der ungleichen Fußballnationen damals in Belo Horizonte meint der „Daily Express“, man könne dem Gegner drei Tore Vorsprung geben. Die USA treten mit einem Halbprofi-Team an.

Der Torhüter ist Fahrer von Leichenwagen. In der 37. Minute haut Lehrer Walter Bahr zum ersten Mal eine Flanke in den englischen Strafraum, Tellerwäscher Joseph Gaetjen wirft sich in die Flugbahn und lenkt den Ball etwas ab.

Englands Verteidiger Alf Ramsey, der spätere Nationaltrainer, ist machtlos wie sein Torhüter. Der Außenseiter führt. Die Briten trafen zuvor Pfosten und Latte, sie würden das Ding schon noch drehen. Dachten sie. Bis zum Spielende und vergeblich.

Als Telegrafen das 0:1 in die Heimat schicken, vermuten englische Zeitungen einen Tippfehler und sollen ein 10:1 gemeldet haben. So erzählt es die Legende zur Sensation. England verliert auch das nächste Spiel gegen Spanien und scheidet früh aus.

An Coach Winterbottom hält man trotzdem fest. Noch drei weitere erfolglose WM-Turniere lang. Dann gelingt der einzige Titelgewinn, zu Hause 1966. Es folgt die Misere der Elfmeterschießen. Sechs von zehn verliert das englische Team bislang.

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